Metabolisches Alter: Eine Standardabweichung mehr erhöht das Sterberisiko um 50 Prozent
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 09:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Bestimmung des biologischen Alters gewinnt in der PrĂ€ventivmedizin zunehmend an Bedeutung. Ein Forschungsteam der Shanghai Jiao Tong University am dortigen Renji-Krankenhaus um Bu Jun und Qian Kun entwickelte computergestĂŒtzte Methoden, um die metabolische Alterung prĂ€zise zu messen und das Risiko fĂŒr chronische Erkrankungen frĂŒhzeitig vorherzusagen.
Die im Fachjournal Science Translational Medicine auf dem Titelblatt vorgestellten Ergebnisse basieren auf der Analyse des Plasma-Metaboloms von 18.476 Teilnehmern im Alter von 1 bis 96 Jahren aus sechs chinesischen Zentren. Ăber einen Nachbeobachtungszeitraum von rund sechs Jahren hinweg kombinierten die Wissenschaftler Hochdurchsatz-Festphasen-Massenspektrometrie mit KI-Ensemble-Lernen.
Metabolische Marker und das Sterberisiko
Im Rahmen der Untersuchungen identifizierten die Forschenden 56 altersassoziierte metabolische Merkmale. Daraus leiteten sie unter anderem die Kennzahl der Metabolom-Alter-Akzeleration (mAA) ab. Den Analysen zufolge geht ein Anstieg dieser Kennzahl um eine Standardabweichung mit einem um rund 50 Prozent höheren Risiko fĂŒr die GesamtmortalitĂ€t einher.
Zudem zeigten sich deutliche Assoziationen mit chronischen Erkrankungen wie Hypertonie, Fettleber und Diabetes. Eine zweite Kennzahl, die sogenannte Altersabweichung, ermöglicht darĂŒber hinaus Prognosen ĂŒber das Auftreten von MultimorbiditĂ€t sowie das individuelle Sterberisiko.
Blutbiomarker und zellulÀre Alterungsmuster
Parallele AnsĂ€tze zur Erfassung des individuellen Alterns verfolgen Forschende in Europa. Joris Deelen vom Leiden University Medical Center stellte in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut fĂŒr Biologie des Alterns auf der FAPESP Week Netherlands einen Score vor, der auf zehn Routine-Blutmarkern basiert.
Entwickelt wurde das Modell aus Analysen von mehr als 200 Blutsubstanzen bei 44.000 Freiwilligen aus zwölf europĂ€ischen Kohorten mit 5.500 erfassten TodesfĂ€llen ĂŒber mehrere Jahre hinweg. Die Optimierung erfolgte in Kooperation mit der brasilianischen Albert Einstein Israelite Faculty und anhand niederlĂ€ndischer Populationsdaten.
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Ein höherer Wert steht dabei fĂŒr eine bessere Gesundheit: Ein Anstieg um einen Punkt auf der invertierten Skala entsprach einer durchschnittlichen Verzögerung des ersten kardiometabolischen Ereignisses um 14 Jahre. Der Score sei zu 40 Prozent erblich bedingt und zu 60 Prozent von Umwelt- und Lebensstilfaktoren abhĂ€ngig, wobei das Rauchen den gröĂten negativen Effekt ausmachte.
Bei Personen mit unterdurchschnittlichem Ausgangswert senkten gezielte Interventionen wie LebensstilĂ€nderungen und Krafttraining die NĂŒchterninsulin- sowie Triglyceridwerte. Dies ist vor allem relevant, da laut Studien rund 60 Prozent der ĂŒber 65-JĂ€hrigen mit mindestens zwei chronischen Erkrankungen leben.
Auf zellulĂ€rer Ebene legte das CeMM in Wien mit dem in Nature Aging veröffentlichten Human Aging Endothelial Cell Atlas detaillierte Erkenntnisse vor. Anhand der GenaktivitĂ€t von ĂŒber 375.000 Einzelzellen aus 290 Proben und zwölf menschlichen Geweben aus 34 frĂŒheren Studien zeigte sich, dass Endothelzellen je nach GefĂ€Ătyp unterschiedlich altern.
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In den Venen Ă€lterer Menschen waren weniger Gene fĂŒr die GefĂ€Ăneubildung aktiv, zudem traten verstĂ€rkt EntzĂŒndungssignale und Hinweise auf zellulĂ€re Seneszenz auf.
In HautgefĂ€Ăen Ă€lterer Menschen reicherte sich zudem das Protein YAP hĂ€ufiger im Zellkern an. Da es sich um einen Vergleich von Menschen unterschiedlichen Alters ohne LĂ€ngsschnittbegleitung handelte, lassen sich daraus derzeit noch keine konkreten Therapien ableiten.
Datennetzwerke und verÀnderte Leitlinien
Um kardiometabolische FrĂŒherkennung im klinischen Alltag nutzbar zu machen, entstehen zudem europĂ€ische Vernetzungsinitiativen. Das Institut fĂŒr kardiovaskulĂ€re Computer-assistierte Medizin am Deutschen Herzzentrum der CharitĂ© fĂŒhrt das europĂ€ische CHAIN-Projekt an.
Unter der Koordination der European Society of Cardiology kooperieren 53 Partner aus 20 LĂ€ndern, gefördert mit 20 Millionen Euro aus dem EU4Health-Programm ĂŒber eine Laufzeit von drei Jahren.
Unter Leitung von Dr. Marcus Kelm bringt das Institut validierte Algorithmen zur FrĂŒherkennung von Rechtsherzinsuffizienz und Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) ein; Prof. Titus KĂŒhne fungiert als Partner fĂŒr bildgebungsbasierte KI. Strukturierte Dokumentationen in Form sogenannter KI-PĂ€sse sollen die Sicherheit und LeistungsfĂ€higkeit der Modelle sicherstellen.
Diesen technologischen Wandel begleiten neue medizinische Richtlinien. Prof. Dirk MĂŒller-Wieland aus Aachen betonte mit Blick auf europĂ€ische und US-amerikanische Leitlinien zum kardiovaskulĂ€r-renalen-metabolischen Syndrom (CKM-Syndrom) einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Statt isolierter Organe oder Laborwerte rĂŒcken das individuelle Gesamtrisiko, KomorbiditĂ€ten und eine interdisziplinĂ€re Betreuung in den Mittelpunkt, um eine frĂŒhere PrĂ€vention zu ermöglichen.
