MigrÀne, Deutschland

MigrĂ€ne in Deutschland: Eine Million FĂ€lle fĂŒhren zu 3,4 Millionen Ausfalltagen

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 20:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachgesellschaften benennen Defizite in der Schmerzversorgung; eine aktualisierte S3-Leitlinie setzt Grenzen fĂŒr langfristige Opioidtherapien.
Ein minimalistischer, lichtdurchfluteter Klinikflur mit klaren architektonischen Linien und einer ruhigen AtmosphÀre. Illustration mit AI erstellt.

AnlÀsslich des Weltschmerztages analysieren Organisationen wie die Deutsche Schmerzgesellschaft, die Krankenkasse BARMER sowie verschiedene Kliniken die Grenzen der aktuellen Schmerzmedizin. Experten weisen auf deutliche Versorgungsdefizite hin und fordern einen strukturellen Ausbau der Behandlungspfade.

Der Schmerzmediziner Thorsten Luecke beziffert das bestehende Versorgungsdefizit auf eine Betroffenenzahl, die in die Millionen geht, wobei die Thematik auch im Kontext der Klinik-Reform von Bundesgesundheitsminister Lauterbach Relevanz besitzt.

Multimodale TherapieansÀtze und ambulante Modellprojekte

Als Reaktion auf bestehende VersorgungslĂŒcken werden neue therapeutische Konzepte erprobt. Ein zentrales Vorhaben bildet das Innovationsfondsprojekt PAIN2.0 der Deutschen Schmerzgesellschaft und der BARMER.

KernstĂŒck dieser Initiative ist die Ambulante InterdisziplinĂ€re Multimodale Schmerztherapie (A-IMST), ein zehnwöchiges Gruppenprogramm, das speziell fĂŒr Personen mit erhöhtem Chronifizierungsrisiko konzipiert wurde.

Laut Ulrike Kaiser vom UniversitĂ€tsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in LĂŒbeck verzeichneten die Teilnehmenden Verbesserungen bei Schmerzen, alltagsbezogenen EinschrĂ€nkungen, Katastrophisieren sowie im Stresserleben, die bis zu neun Monate nach der Intervention anhielten. Die beobachteten Effekte seien zwar klein, jedoch statistisch signifikant.

Dass multimodale AnsĂ€tze Zeit fĂŒr den strukturellen Aufbau benötigen, zeigt sich auch im stationĂ€ren Bereich. Das Hospital zum Heiligen Geist in Frankfurt blickt auf 20 Jahre InterdisziplinĂ€re Multimodale Schmerztherapie zurĂŒck: Nach dem Start im Jahr 2006 mit vier PlĂ€tzen folgten Erweiterungen auf acht PlĂ€tze im Jahr 2008, der Einstieg in die ambulante Versorgung ab 2010 sowie der Ausbau auf 16 stationĂ€re Betten im Jahr 2021. Im Jahr 2022 wurde die Sektion InterdisziplinĂ€re Multimodale Schmerztherapie (IMS) gegrĂŒndet. Das aktuelle stationĂ€re Programm ist auf drei Wochen ausgelegt und integriert Fachbereiche aus AnĂ€sthesiologie, Psychosomatik, Physiotherapie, Pflege sowie Kunsttherapie.

Neue Leitlinie reguliert die langfristige Opioidtherapie

Parallel zu therapeutischen Programmen rĂŒckt der sachgerechte Einsatz von Medikamenten in den Fokus. Auf dem Deutschen Schmerzkongress, der vom 21. bis 24. Oktober 2026 in Mannheim stattfindet, stellt die Deutsche Schmerzgesellschaft die vierte Version der S3-Leitlinie zur Langzeittherapie mit Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen vor. An der Überarbeitung wirkten 36 Fachgesellschaften und VerbĂ€nde sowie zwei Patientenorganisationen mit.

Die Leitlinie empfiehlt Opioide erst dann, wenn andere indizierte therapeutische Maßnahmen keine ausreichende Wirkung zeigen. Eine FortfĂŒhrung ĂŒber die dreimonatige Einstellungsphase hinaus soll ausschließlich bei stabiler Zielerreichung und vertretbaren Nebenwirkungen erfolgen; bei einer Verschlechterung des Nutzen-Risiko-VerhĂ€ltnisses oder erkennbarer AbhĂ€ngigkeit ist die Medikation zu beenden.

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Als Nichtindikationen stuft das Papier primĂ€re Kopfschmerzen, funktionelle Störungen und das Fibromyalgiesyndrom ein. Bei Arthrose kommt eine Gabe nur im Einzelfall infrage, wĂ€hrend RĂŒckenschmerzen und neuropathische Schmerzen als optionale Indikationen gelten.

Den Angaben der Fachgesellschaft zufolge sind Langzeitverordnungen ĂŒber mehr als sechs Monate in Deutschland seit 2012 nicht angestiegen; schĂ€dlicher Gebrauch oder AbhĂ€ngigkeitssyndrome treten bei 0,6 bis 1,8 Prozent der indiziert behandelten Patienten auf.

Fachspezifische HĂŒrden bei MigrĂ€ne und rheumatischen Erkrankungen

Strukturelle Defizite zeigen sich auch bei spezifischen Schmerzbildern. Nach Angaben der Bundesregierung gab es im Jahr 2024 rund eine Million gemeldete MigrĂ€nefĂ€lle mit ArbeitsunfĂ€higkeit, die zu rund 3,4 Millionen Ausfalltagen fĂŒhrten. Dabei entfielen rund 2,4 Millionen Krankheitstage auf rund 710.000 weibliche Betroffene und rund 990.000 Tage auf rund 317.000 MĂ€nner.

Etwa 94 Prozent der FĂ€lle dauerten bis zu sieben Tage. Ein Disease-Management-Programm fĂŒr MigrĂ€ne plant die Bundesregierung beim Gemeinsamen Bundesausschuss derzeit nicht.

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In der Akuttherapie werden spezifische Medikamente zurĂŒckhaltend eingesetzt. Christian Wöber von der Kopfschmerzambulanz der MedUni Wien berichtet ĂŒber Erhebungen, wonach in Wien lediglich sechs Prozent und in einer Studie der MedUni Innsbruck acht Prozent der MigrĂ€nebetroffenen mit Triptanen behandelt werden, obwohl diese Substanzen seit den 1990er Jahren zugelassen sind. Er sieht erheblichen Handlungsbedarf in der Akutversorgung.

Lars Neeb von der Deutschen MigrĂ€ne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) verweist zudem darauf, dass das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz durch wirkstoffĂŒbergreifende RabattvertrĂ€ge den PrĂ€paratewechsel erschwere.

In der Rheumatologie belasten Personal- und Kostenfaktoren die Versorgung. Alexander Puls von der Rheumaklinik Bad Wildungen benannte auf dem dortigen Symposium eine schlechte Versorgungslage im ambulanten und stationĂ€ren Sektor infolge von FachkrĂ€ftemangel und vergleichsweise geringer fachĂ€rztlicher VergĂŒtung, wĂ€hrend neue Rheuma-Medikamente jĂ€hrliche Therapiekosten zwischen 5.000 und 20.000 Euro, in EinzelfĂ€llen bis zu 100.000 Euro, verursachen.

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