Mikrobiom-Moonshot: Wissenschaftler fordern zehn PrioritÀten gegen Krankheiten
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 08:04 Uhr | Redaktion boerse-global.deWissenschaftler drÀngen auf einen grundlegenden Kurswechsel in der Erforschung und therapeutischen Nutzung der menschlichen Darmflora. In einem am 23. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichten Kommentar forderten Martin Blaser und Maria Gloria Dominguez-Bello von der Rutgers University gemeinsam mit weiteren Autoren einen sogenannten Mikrobiom-Moonshot.
Die Initiative formuliert zehn strategische PrioritĂ€ten, um chronische Erkrankungen durch gezielte Eingriffe in das mikrobielle Ăkosystem des Menschen wirksam zu bekĂ€mpfen.
Fokus auf die ersten 1.000 Lebenstage
Ein zentraler Pfeiler des vorgeschlagenen GroĂforschungsprojekts liegt auf der frĂŒhen menschlichen Entwicklung. Martin Blaser betont, dass der Schwerpunkt eines solchen Programms auf den ersten 1.000 Lebenstagen liegen mĂŒsse, beginnend mit der Schwangerschaft bis zum zweiten Geburtstag des Kindes.
In dieser Phase wird die mikrobielle Besiedlung des Darms grundlegend geprĂ€gt, was langfristige Auswirkungen auf das Immunsystem und die AnfĂ€lligkeit fĂŒr chronische Beschwerden hat.
Bislang hat das US-Gesundheitsministerium HHS allerdings noch keine zusĂ€tzlichen finanziellen Mittel fĂŒr das vorgeschlagene Vorhaben zugesagt. Blaser Ă€uĂerte jedoch die Hoffnung, dass im kommenden Fiskaljahr detaillierte StudienvorschlĂ€ge vorgelegt werden können.
Bei mehreren Autoren des Kommentars wurden im Zuge der Veröffentlichung geschÀftliche Verbindungen offengelegt, darunter Interessenkonflikte im Zusammenhang mit Unternehmen wie ZOE Ltd und Vedanta Biosciences.
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Stand der Zulassungen und neue Konzepte
Trotz der noch ausstehenden Mittel fĂŒr ein umfassendes Förderprogramm verzeichnet der Markt fĂŒr mikrobiombasierte Therapien erste regulierungsbehördliche Erfolge. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat mit Rebyota und Vowst bereits zwei PrĂ€parate zur Vorbeugung rezidivierender Infektionen mit Clostridioides difficile bei Erwachsenen nach einer vorangegangenen Antibiotikatherapie zugelassen.
Zugleich entwickeln sich die theoretischen Grundlagen des Fachgebiets weiter. Wie die Korea-Forschungsstiftung am 26. Oktober 2026 mitteilte, stellte Kim Hee-nam von der Korea-UniversitĂ€t ein Konzept vor, das MikrobiomschĂ€den ĂŒber zwei Achsen bewertet: den Verlust von Bakterienarten sowie die funktionelle Verschlechterung der verbliebenen Mikroorganismen.
Chronische Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und atopische Dermatitis treten demnach auch dann auf, wenn nĂŒtzliche Bakterien in ausreichender Zahl vorhanden sind. Dieser Ansatz erweitert Blasers bisherige Hypothese ĂŒber das Verschwinden bestimmter Mikroben und zielt auf eine prĂ€zisere Diagnostik und Therapie ab.
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Vom Katalogisieren zum KausalitÀtsnachweis
Die Forderung nach einer koordinierten Forschungsinitiative spiegelt auch methodische Herausforderungen der Disziplin wider. Ein bibliometrisches Review unter Leitung von Daiyuan Tang vom First Affiliated Hospital der chinesischen USTC kartierte am 27. Oktober 2026 ein Vierteljahrhundert Forschung zu den Wechselwirkungen zwischen Darm und anderen Organen. Tang hob hervor, dass Bereiche wie die Achsen zwischen Darm und Keimzellen, Knochen, Haut sowie dem Immunsystem nach wie vor unterentwickelt seien.
Bisherige Untersuchungen zu Probiotika und fÀkalen Mikrobiota-Transplantationen litten hÀufig unter kleinen Stichproben, heterogenen Studiendesigns und Surrogat-Endpunkten.
FĂŒr die kĂŒnftige Ausrichtung empfahl Tang, Interventionen anhand von Kriterien wie der Nierenfunktion, der ErnĂ€hrung, dem Ausgangsmikrobiom und dem Immunstatus zu stratifizieren und auf mikrobielle Konsortien statt einzelner StĂ€mme zu setzen.
Das Fachgebiet verfĂŒge ĂŒber ausreichend Grundlagenwissen; im kommenden Jahrzehnt mĂŒsse die Forschung bestehende Assoziationen mechanistisch erklĂ€ren, statt lediglich weitere ZusammenhĂ€nge zu katalogisieren.
