Mittelalterliche Augensalbe: Laborversuche zeigen langsamere Resistenzbildung
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 19:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zunahme von Erregern, die gegen herkömmliche Medikamente unempfindlich sind, stellt die Medizin weltweit vor wachsende Herausforderungen. Vor dem Hintergrund wiederholter Warnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor resistenten Erregern untersuchen aktuelle Berichte die Wirksamkeit historischer Rezepturen gegen multiresistente Krankenhauskeime als denkbare Alternative zur modernen Antibiotikatherapie. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei eine mittelalterliche Rezeptur, deren Wirkmechanismus neue Ansätze für die Wirkstoffforschung liefern könnte.
Die Zusammensetzung von „Bald's eye salve“
Im Zentrum der wissenschaftlichen Untersuchungen steht ein über 1000 Jahre altes Rezept aus „Bald's Leechbook“, einem medizinischen Kompendium aus dem 10. Jahrhundert. Die darin beschriebene Augensalbe, historisch als „Bald's eye salve“ bekannt, wurde ursprünglich zur Behandlung entzündeter Augen eingesetzt.
Forscher der Universitäten Nottingham und Warwick brauten dieses überlieferte Rezept nach. Die Herstellung erfordert exakt abgemessene Mengen an Knoblauch, Zwiebeln beziehungsweise Porree, Wein sowie Ochsengalle oder Rindergalle. Die Zutaten werden im Mörser zerstoßen und müssen anschließend neun Tage lang in einem Messinggefäß ziehen.
Nach Erkenntnissen der beteiligten Wissenschaftler ist nicht allein ein einzelner Inhaltsstoff für den Effekt verantwortlich. Vielmehr sei das Zusammenspiel aller Komponenten in Verbindung mit den chemischen Reaktionen während der neuntägigen Ruhezeit ausschlaggebend für die biologische Aktivität gegen multiresistente Keime.
Wirkungsweise und verlangsamte Resistenzbildung
Laboruntersuchungen zeigen, dass die mittelalterliche Augensalbe Krankheitserreger auf verschiedenen Ebenen angreift. In Bakterienkulturen führte die Zubereitung zu Schädigungen der Zellmembranen, veränderte die Genexpression und unterbrach die Kommunikation zwischen den Bakterien. Indem die Mixtur Erreger an mehreren biologischen Angriffspunkten gleichzeitig attackiert, wird es den Mikroorganismen erschwert, Abwehrmechanismen zu entwickeln.
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In Tests mit drei schädlichen Bakterienarten zeigte sich, dass diese gegen die Salbe deutlich langsamer Resistenzen ausbildeten als gegen konventionelle Einzelmolekül-Antibiotika.
Nach einer Wachstumsphase von zwei Wochen tolerierten die Keime zwar eine 8- bis 16-fach höhere Konzentration traditioneller Antibiotika, akzeptierten jedoch nur geringfügig höhere Dosen der rekonstruierten Salbe. Der an den Tests unbeteiligte Mikrobiologe Omar El-Halfawi von der Universität Regina stufte diesen beobachteten Unterschied als außergewöhnlich ein.
Entwicklung moderner Medikamente und Warnung vor Eigenherstellung
Aus den isolierten Wirkprinzipien des historischen Suds soll nach dem Willen der Forschenden nun ein moderner, klinisch einsetzbarer Medikamenten-Cocktail konzipiert werden. Die Übertragung in standardisierte pharmazeutische Präparate gilt als Voraussetzung, um den Ansatz sicher am Menschen erproben zu können.
Wer alte Rezepte selbst nachbrauen will, riskiert mehr als nur einen misslungenen Sud: Die beteiligten Forscher warnen ausdrücklich vor Eigenherstellung. Dieser kostenlose Leitfaden ordnet die Labordaten zur Resistenzbildung ein und zeigt, welche Sicherheitsschritte vor jeder Anwendung stehen. Sicherheits-Check jetzt herunterladen
Gleichzeitig mahnt die Wissenschaft zur Vorsicht im Umgang mit den alten Texten: Freja Harrison von der Universität Warwick warnte ausdrücklich vor Versuchen, die Rezeptur in Eigenregie herzustellen oder eigenmächtig anzuwenden. Die historische Formulierung dient der Grundlagenforschung und soll Aufschlüsse über kombinierte Wirkstoffprofile liefern, nicht aber als unkontrolliertes Hausmittel zum Einsatz kommen.
