MorbiditĂ€tslĂŒcke: Menschen verbringen 10,7 Jahre in schlechter Gesundheit
Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 21:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Menschen werden immer Ă€lter â doch die zusĂ€tzlichen Lebensjahre sind oft von Krankheit geprĂ€gt. Eine aktuelle Studie zeigt: Die Schere zwischen Lebensdauer und Gesundheit klafft immer weiter auseinander.
Die MorbiditĂ€tslĂŒcke wĂ€chst
Einer am heutigen Mittwoch in der Fachzeitschrift The Lancet Public Health veröffentlichten Studie der University of Washington zufolge ist die weltweite Lebenserwartung zwischen 1990 und 2023 von 64,6 auf 73,8 Jahre gestiegen. Die gesunde Lebenserwartung erhöhte sich im selben Zeitraum jedoch lediglich von 55,9 auf 63,1 Jahre.
Die sogenannte MorbiditĂ€tslĂŒcke â der Zeitraum, den ein Mensch in beeintrĂ€chtigtem Gesundheitszustand verbringt â wuchs von 8,7 auf 10,7 Jahre an. Menschen verbrachten 2023 rund 14,5 Prozent ihres Lebens in schlechter Gesundheit, 1990 waren es 13,6 Prozent.
Besonders ausgeprÀgt ist dieser Trend in wohlhabenden Industrienationen. Die USA verzeichnen eine durchschnittliche Leidenszeit von 14 Jahren, Australien liegt bei 13,9 und Kanada bei 13,8 Jahren.
Demenz: Die nÀchste Welle rollt an
Ein wesentlicher Treiber fĂŒr die zunehmende Belastung der Sozialsysteme ist die prognostizierte Zunahme von Demenzerkrankungen. Laut einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) vom Dienstag könnte die Zahl der DemenzfĂ€lle in Deutschland bis 2060 von derzeit 1,3 Millionen auf bis zu 2,1 Millionen ansteigen.
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Dieser Trend trifft auf eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung. In Teilen Ostdeutschlands werden bis zu 20,9 DemenzfĂ€lle pro 100 Personen im erwerbsfĂ€higen Alter erwartet. Die Versorgungslage dĂŒrfte sich insbesondere in lĂ€ndlichen Regionen verschĂ€rfen.
Der Soziologe François Höpflinger veröffentlichte heute eine Analyse fĂŒr Leading Nursing Homes, wonach der Pflegebedarf ab 2030 stark ansteigen wird. Die Zahl der pflegebedĂŒrftigen Hochaltrigen soll dann auf bis zu 121.000 steigen â nach etwa 86.000 im Jahr 2023. Das durchschnittliche Eintrittsalter in die PflegebedĂŒrftigkeit liegt in diesem Segment bei 86 bis 87 Jahren.
Gleichzeitig zeigt eine weitere WIdO-Untersuchung: Das Durchschnittsalter beim Erstantrag auf einen Pflegegrad ist gesunken â von 79,5 Jahren im Jahr 2019 auf 77,9 Jahre im Jahr 2024.
Deutschland gibt viel â erreicht wenig
Trotz hoher Investitionen belegt Deutschland bei der Lebenserwartung im internationalen Vergleich nur einen Durchschnittsplatz. Wie der Vorstandsvorsitzende der CharitĂ©, Heyo Kroemer, heute bei den Munich Economic Debates ausfĂŒhrte, gab Deutschland 2023 rund 501 Milliarden Euro fĂŒr Gesundheit aus.
LÀnder wie Italien oder Spanien erzielen mit geringeren Pro-Kopf-Ausgaben eine um fast drei Jahre höhere Lebenserwartung. Kroemer wies zudem auf strukturelle Probleme hin: Von den rund 1.900 KrankenhÀusern in Deutschland könnten viele durch eine konsequente Digitalisierung entlastet werden.
Das Einsparpotenzial durch digitale Prozesse wird auf 42 Milliarden Euro beziffert â bislang wurden jedoch nur 1,4 Milliarden Euro realisiert. Bis 2035 droht zudem eine massive PersonallĂŒcke von bis zu 1,8 Millionen unbesetzten Stellen im Gesundheitswesen.
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PrĂ€vention als SchlĂŒssel?
Angesichts dieser Herausforderungen rĂŒcken prĂ€ventive MaĂnahmen verstĂ€rkt in den Fokus. Neue Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Dienstag legen nahe, dass bis zu 45 Prozent des Demenzrisikos durch beeinflussbare Faktoren kontrolliert werden können.
Zu den Empfehlungen gehören regelmĂ€Ăige körperliche AktivitĂ€t, soziale Interaktion sowie die konsequente Nutzung von HörgerĂ€ten bei Hörverlust. Eine Analyse des Unternehmens Muse stĂŒtzt zudem die Bedeutung von kognitivem Training. Eine Untersuchung an 189 Nutzern ergab: Die RegelmĂ€Ăigkeit des Trainings ist entscheidender fĂŒr die Aufmerksamkeitsleistung als das Lebensalter.
In der medizinischen Therapie stehen seit 2025 Antikörpertherapien wie Lecanemab und Donanemab zur VerfĂŒgung. Sie werden jedoch primĂ€r im FrĂŒhstadium der Alzheimer-Erkrankung eingesetzt und können mit Risiken wie Hirnschwellungen verbunden sein.
In der Grundlagenforschung identifizierten Wissenschaftler laut einem Bericht in Nature Aging vom Dienstag das Protein TERT als potenziellen Steuermechanismus fĂŒr zellulĂ€re Alterungsprozesse. Eine therapeutische Aktivierung bleibt jedoch aufgrund möglicher Krebsrisiken Gegenstand intensiver Forschung.
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