MRT-Technik: Stuttgarter Forscher lösen Totzeit-Problem
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 08:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die medizinische Bildgebung und Diagnostik durchlĂ€uft derzeit eine Phase spĂŒrbarer technischer Weiterentwicklung. Ein aktuelles Beispiel liefert die UniversitĂ€t Stuttgart mit einem neuen MRT-Verfahren, das eine grundlegende technische EinschrĂ€nkung der Magnetresonanztomographie ĂŒberwindet: die sogenannte Totzeit.
Die Entwicklung wurde in der Fachzeitschrift Science Advances im Jahr 2026 vorgestellt und zeigt beispielhaft, wie sich Forschung an UniversitÀten, Kliniken und Unternehmen derzeit auf schnellere, prÀzisere und zugÀnglichere Diagnostik konzentriert.
Totzeit-Problem in der MRT gelöst
Bei der klassischen MRT-Technik entsteht nach der Anregung des Gewebes eine kurze Phase, in der keine Signale erfasst werden können â die Totzeit. Prof. Jens Anders vom Institut fĂŒr Intelligente Sensorik und Elektronik (IIS) der UniversitĂ€t Stuttgart beschreibt dies als einen kurzen blinden Fleck. Das neue Verfahren lĂ€sst Anregung und Detektion gleichzeitig ablaufen, wodurch Signale erfassbar werden, die bislang verloren gingen. Besonders profitieren dĂŒrften Anwendungen, bei denen Spinantworten schnell abklingen, etwa bei der Bildgebung der Lunge.
FĂŒr die medizinische Anwendung kooperiert die UniversitĂ€t Stuttgart mit dem UniversitĂ€tsklinikum Ulm. Parallel arbeitet das Team mit der CharitĂ© Berlin und dem Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) an einer Variante fĂŒr die Elektronenspinresonanz (EPR), mit dem Ziel, Diagnostik und Therapie von Hautkrebs zu verbessern.
Prof. Klaus Lips vom HZB sieht in der patentierten Grundidee zudem Potenzial fĂŒr eine AusgrĂŒndung. Auch auĂerhalb der Medizin findet die Technik bereits Anwendung: Die MaterialprĂŒfungsanstalt (MPA) Stuttgart nutzt das Verfahren, um die PorositĂ€t von Werkstoffen zu untersuchen.
Im Rahmen des Projekts Q NOVA am Innovationscampus Quantum BW wird zudem an kompakten, kostengĂŒnstigeren Systemen gearbeitet. Die zugrundeliegende Publikation stammt von Zhibin Zhao und Kollegen und ist unter der DOI 10.1126/sciadv.aeg6581 verzeichnet.
Breiterer Trend: KI durchdringt viele Bereiche der Diagnostik
Die Stuttgarter MRT-Entwicklung steht nicht isoliert da, sondern reiht sich in eine Vielzahl von Fortschritten ein, die zeigen, wie KĂŒnstliche Intelligenz zunehmend Teil der klinischen Bildgebung wird.
Am InfoLab der Sungkyunkwan University in SĂŒdkorea entwickelte ein Team um Prof. Tamer Abuhmed eine neue Vision-Transformer-Architektur namens 4D fMRI CrossFormer, die vierdimensionale fMRI-Daten analysiert und dabei mittels erklĂ€rbarer KI-Karten beitragende Hirnregionen sichtbar macht.
Auf dem Alzheimer-Benchmark-Datensatz ADNI erreichte das Modell einen F1-Score von 96,28 Prozent, allerdings basieren diese Ergebnisse bislang auf Benchmark-Daten und nicht auf klinischem Einsatz.
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Am Deutschen Krebsforschungszentrum entstand mit nnDetection ein Framework fĂŒr die automatisierte Erkennung von AuffĂ€lligkeiten in medizinischen Bildern, das auf zehn verschiedenen DatensĂ€tzen validiert wurde und in der LUNA16-Lungenknoten-Challenge einen mAP-Wert von 0,942 erzielte.
Auch im Bereich der KrebsfrĂŒherkennung tut sich einiges: Die UniversitĂ€ten Birmingham und das Imperial College London grĂŒndeten das Unternehmen Intelligent Mass Spec Solutions (IMS Solutions), das mit einer Anschubfinanzierung von 1,1 Millionen Pfund (rund 1,3 Millionen Euro) sowie staatlicher Förderung von 2,1 Millionen Pfund ausgestattet ist.
Auf Basis einer Plattformtechnologie von Prof. Wiebke Arlt sollen Steroid-FingerabdrĂŒcke identifiziert werden. Ein erster Urintest namens ACCelerate zur Erkennung von Nebennierenrindenkarzinomen soll bis 2029 auf den britischen Markt kommen; in einer klinischen Studie mit ĂŒber 2000 Patienten zeigte sich der Test bis zu viermal genauer als herkömmliche Bildgebung.
Kontaktlose Sensorik und klinische Erprobung
Am Fraunhofer IOF in Jena entstand im Rahmen des ForschungsbĂŒndnisses AMI (Advanced Multimodal Imaging) mit goVISCAN ein kontaktloser Vitalsensor, der Herzrate, Atemfrequenz und SauerstoffsĂ€ttigung erfasst.
In einer Vorstudie mit 12 probanden lag der mittlere Fehler bei der Atemfrequenz bei 1,3 AtemzĂŒgen pro Minute, bei der Herzrate bei 2,8 SchlĂ€gen pro Minute und bei der SauerstoffsĂ€ttigung bei 3,8 Prozentpunkten im Vergleich zum Fingerpulsoximeter.
Der nĂ€chste Schritt ist die klinische Erprobung. Das elfköpfige ForschungsbĂŒndnis wurde zwischen 2022 und 2025 mit rund 9 Millionen Euro durch das Bundesministerium fĂŒr Forschung, Technologie und Raumfahrt im RUBIN-Programm gefördert.
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Einordnung: Nutzen und Grenzen
Trotz der technischen Fortschritte mahnen Fachleute zur Vorsicht bei der Einordnung solcher Systeme. Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Ultraschall in der Medizin (DEGUM) betont, dass KI den Ultraschall in der Schwangerschaft vollstĂ€ndiger, einheitlicher und nachprĂŒfbarer machen soll, jedoch nicht die Ă€rztliche Beurteilung ersetzt.
Christian Enzensberger von der Uniklinik RWTH Aachen sieht den Nutzen moderner Systeme vor allem in der Standardisierung von Schnittebenen und Messungen, wÀhrend Diagnose, Beratung und Therapie in Àrztlicher Verantwortung bleiben.
Ăhnlich Ă€uĂert sich Prof. Jakob Nikolas Kather vom Else Kröner Fresenius Zentrum fĂŒr Digitale Gesundheit der TU Dresden: Spezialisierte KI-Systeme zur Brustkrebserkennung auf Mammografie-Aufnahmen erreichten inzwischen das Niveau menschlicher Experten und seien teils als Medizinprodukte zugelassen, dennoch warnt er vor blindem Vertrauen in KI.
Seine Arbeitsgruppe entwickelte zudem KI-Systeme, die anhand radiologischer und histologischer Bilder von Darmkrebs genetische VerĂ€nderungen und geeignete Medikamente vorhersagen können â allerdings noch nicht in Routineanwendung.
Kather berichtet auĂerdem, dass in seinem Team mittlerweile 99 Prozent des Codes von KI stammen und Projekte, die frĂŒher sechs Monate dauerten, teils in zwei Wochen umgesetzt werden. Als gröĂtes Hindernis fĂŒr die medizinische KI-Forschung in Deutschland nennt er weiterhin den erschwerten Zugang zu Daten.
Zusammengenommen zeichnen diese Entwicklungen das Bild eines Feldes im Umbruch: Technische Innovationen wie das Stuttgarter MRT-Verfahren beseitigen physikalische Limitierungen, wĂ€hrend KI-Systeme in Bildanalyse und Diagnostik zunehmend unterstĂŒtzende Funktionen ĂŒbernehmen. Der Konsens unter Fachleuten bleibt dabei bestehen, dass diese Werkzeuge die Ă€rztliche Beurteilung ergĂ€nzen, nicht ersetzen sollen.
