Müdigkeit zur Normalität: 68% der Frauen funktionieren trotz Erschöpfung
27.05.2026 - 18:30:00 | boerse-global.de
Laut dem Frauengesundheitsreport 2026 geben 68 Prozent der befragten Frauen an, trotz massiver Erschöpfung weiterzufunktionieren. Zwei Drittel betrachten diesen Zustand als völlig normal.
Mehr als die Hälfte der Frauen beschreibt Erschöpfung sogar als dauerhaften Begleiter. Besonders betroffen: die Altersgruppe zwischen 30 und 44 Jahren. In dieser Lebensphase kollidieren Berufsanforderungen mit Care-Arbeit – der Schlaf wird fragmentiert.
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Obwohl viele Betroffene sieben bis acht Stunden pro Nacht schlafen, fühlt sich über die Hälfte nach dem Aufwachen nicht erholt. Fachleute kritisieren: Müdigkeit werde medizinisch zu schnell in den psychischen oder hormonellen Bereich eingeordnet. Die realen Belastungsfaktoren blieben oft unberücksichtigt.
Digitale Erschöpfung: Der Wunsch nach Auszeit wächst
Verschärft wird die Situation durch digitale Konsummuster. Eine Umfrage des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) vom Februar 2026 zeigt: 73 Prozent der Deutschen befürworten eine geringere Smartphone-Nutzung bei Erwachsenen. Besonders kritisch: 93 Prozent lehnen die Nutzung in Gegenwart von Kindern ab.
BiB-Direktorin Katharina Spieß betont die Vorbildfunktion der Eltern. Das Phänomen des Doomscrollings – die zwanghafte Suche nach negativen Nachrichten – wurde Ende Mai in Berichten hervorgehoben. Vor allem junge Erwachsene fühlen sich durch permanentes Scrollen sozial erschöpft.
Strategien gegen die Erschöpfung: Weniger ist mehr
Experten empfehlen konkrete Verhaltensänderungen. Ein zentraler Punkt: den Arbeitstag bewusst zeitlich begrenzen. Wer ausreichend Zeit für sich selbst hat, praktiziert oft das Ritual, den Tag zu einem festen Zeitpunkt für beendet zu erklären. Das hilft, gedanklich abzuschalten.
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Auch die Smartphone-Nutzung sollte zweckorientiert erfolgen – passives Konsumieren kostet unbewusst Zeit. Hobbys lassen sich durch Ritualisierung zu festen Terminen machen, die seltener gestrichen werden. Multitasking? Besser vermeiden. Aufgaben nacheinander erledigen senkt den Stress.
Ein pragmatischer Ansatz ist das Pareto-Prinzip: Oft reichen 80 Prozent des Ergebnisses – erreichbar mit nur 20 Prozent des Gesamtaufwands.
Schlafprobleme? Weniger Zeit im Bett kann helfen
Bei chronischer Insomnie – in Deutschland sind 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen betroffen – empfiehlt eine Studie des Uniklinikums Freiburg eine vorübergehende Schlafreduktion. Die Zeit im Bett wird begrenzt, etwa auf den Zeitraum zwischen 1 und 6 Uhr morgens. Das erhöht den Schlafdruck künstlich.
Begleitend kann eine kognitive Therapie helfen, nächtliches Grübeln zu reduzieren. Schlafmangel mindert nicht nur die Lebensqualität, sondern beeinträchtigt auch Konzentration und Produktivität – und erhöht das Unfallrisiko.
Die Formel für den perfekten Urlaub
Wissenschaftler der Washington State University und Daten von easyJet Holidays haben eine Art Formel für ideale Erholung ermittelt: Elf Tage Reisedauer, mindestens 125 Kilometer vom Wohnort entfernt – das schafft ausreichend psychologische Distanz zum Alltag.
Die tägliche Urlaubsroutine sollte idealerweise aus 4,8 Stunden Sonnenschein, 6,1 Stunden Schlaf und 2,2 Stunden Bewegung bestehen. Für soziale Zufriedenheit gilt: 70 Prozent der Zeit mit anderen verbringen, 30 Prozent für sich bleiben.
Neurowissenschaftler Paul Zak von der Claremont Graduate University belegte: Reisen steigert die Oxytocin-Produktion und senkt das Stresslevel signifikant.
Zwei Arten von Glück – und was wirklich zählt
Die Glücksforschung unterscheidet zwischen hedonischem und eudaimonischem Glück, erklärt Judith Mangelsdorf von der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport Berlin. Hedonisches Glück meint kurzfristige positive Emotionen, eudaimonisches Glück zielt auf Erfüllung und Sinnhaftigkeit ab.
Rund 36 Prozent der Unterschiede im persönlichen Glücksempfinden sind genetisch bedingt. Der entscheidende Faktor bleibt: soziale Beziehungen. Während passives Scrollen in sozialen Medien oft destruktiv wirkt, können reale Bindungen und gezielte Kommunikation das Wohlbefinden steigern.
Care-Arbeit: Wo Väter noch Nachholbedarf haben
Ein wesentlicher Faktor für das individuelle Stresslevel ist die Verteilung häuslicher Aufgaben. Eine BiB-Studie zeigt: 68 Prozent der Väter in Deutschland spielen mindestens genauso häufig mit ihren Kindern wie die Partnerinnen. Zum Vergleich: In Norwegen liegt dieser Wert bei 95 Prozent.
Väter, die viel mit ihren Kindern spielen, berichten über eine höhere Lebenszufriedenheit. Anders sieht es bei pflegerischen Aufgaben aus: Nur 42 Prozent der deutschen Väter kümmern sich im gleichen Maße um kranke Kinder. In Norwegen sind es 80 Prozent, in Tschechien nur 29 Prozent.
Die Übernahme solcher Care-Aufgaben wird oft mit niedrigerer unmittelbarer Zufriedenheit verbunden – das erklärt die ungleiche Belastung innerhalb von Familien.
Self-Care ist kein Luxus, sondern Überlebensstrategie
Die Daten zeigen: Self-Care ist kein rein individuelles Problem. Wenn 68 Prozent der Frauen nur noch funktionieren, deutet das auf ein strukturelles Defizit hin. Die Akzeptanz von Müdigkeit als Normalzustand zeigt eine gefährliche Gewöhnung an Überlastungssymptome.
Technologische Entwicklungen sind Segen und Fluch zugleich. Das Smartphone ermöglicht soziale Verbindung – aber ungesteuerter Konsum fragmentiert die Aufmerksamkeit und erhöht das Stresslevel. Die hohe Zustimmung zu weniger Smartphone-Zeit signalisiert ein wachsendes Bewusstsein.
Die Forschung zur Vaterrolle zeigt zudem: Eine aktivere Einbindung in die Kinderbetreuung entlastet nicht nur Mütter, sondern steigert auch das Wohlbefinden der Väter. In Deutschland wird dieses Potenzial im Vergleich zu Skandinivien noch nicht ausgeschöpft.
Neue Angebote für mehr Wohlbefinden
Die wachsende Sensibilität für mentale Gesundheit spiegelt sich in neuen Kursen wider. In Graz organisieren Stefanie Anetter und Michaela Majcan am 20. Juni ein Mama-Retreat mit Yoga, Pilates und Workshops. Drei bis vier solcher Termine sind pro Jahr geplant.
Die Volkshochschule Süßen bietet am 4. Juli einen Kurs „Urlaub für Körper und Geist“ mit Progressiver Muskelentspannung und Autogenem Training an. Im Landkreis Lörrach entsteht eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Depression und Hochsensibilität.
Self-Care wird sich weiterentwickeln – als individuelles Gesundheitsmanagement und als Teil der kommunalen Infrastruktur.
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