Multimodale Schmerztherapie: Psychologische Beteiligung ist verbindlich vorgeschrieben
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 04:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deBei chronischen Schmerzen des Bewegungssystems lassen sich körperliche und seelische Faktoren nicht voneinander trennen. Diese Einschätzung prägte eine gemeinsame Fachsitzung der Arbeitsgruppe Psychosomatik der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akut-Kliniken (ANOA) und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), die am 20. Oktober 2026 im CityCube Berlin stattfand.
Unter dem Titel „Berührungsängste in O&U?“ diskutierten die Teilnehmenden über die Schnittstellen beider Disziplinen bei der Versorgung von Schmerzpatienten.
Psychische Risikofaktoren und Leitlinien der Schmerztherapie
Im Rahmen der Veranstaltung stellte Holtschmit wesentliche sogenannte Yellow Flags vor. Diese psychosozialen Risikofaktoren können die Chronifizierung von Schmerzen begünstigen. Dazu zählen insbesondere berufsbezogener Stress, Depressivität, Katastrophisieren sowie ausgeprägtes Schon- und Vermeidungsverhalten.
Die Bedeutung psychotherapeutischer Ansätze bei Beschwerden des Bewegungsapparats hob auch Köllner hervor. Mit Blick auf bestehende Leitlinien sei die Verhaltenstherapie eine der wirksamsten Behandlungen bei chronischem Kreuzschmerz.
Psychotherapeutische Verfahren sind nach Angaben der ANOA bereits fester Bestandteil standardisierter Behandlungspfade. Dies betreffe insbesondere die Multimodale Komplexbehandlung (OPS 8-977) sowie die Multimodale Schmerztherapie (OPS 8-918). Für den Bereich der Multimodalen Schmerztherapie ist eine psychiatrische, psychosomatische oder psychologisch-psychotherapeutische Beteiligung verbindlich vorgeschrieben.
Forderungen an die Aus- und Weiterbildung
Als zentrales Fazit der Sitzung formulierten die Teilnehmenden strukturelle Anpassungen in der medizinischen Bildung. Psychosomatische Inhalte sollten demnach fest in der Weiterbildungsordnung für Orthopädie und Unfallchirurgie verankert werden. Umgekehrt gelte es, körperliche Erkrankungen im Rahmen der psychotherapeutischen Ausbildung künftig stärker zu berücksichtigen, um Barrieren zwischen den Fachgebieten abzubauen.
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Wechselwirkungen im juristischen und medizinischen Kontext
Die untrennbare Verbindung physischer und psychischer Beeinträchtigungen spiegelt sich auch in der sozialgerichtlichen Rechtsprechung wider. Das Sozialgericht Braunschweig stellte mit einem Urteil vom 12. August 2026 (Az. S 8 SB 182/25, nicht rechtskräftig) fest, dass sich psychische und körperliche Erkrankungen bei der Feststellung des Grades der Behinderung (GdB) gegenseitig verstärken und einen höheren Gesamt-GdB begründen können.
Ein Kläger mit einem Einzel-GdB von 30 für eine psychische Erkrankung und einem Einzel-GdB von 20 für eine Lungenfunktionsstörung erhielt gerichtlich einen Gesamt-GdB von 40 zugesprochen, nachdem die Behörde zuvor lediglich 30 festgesetzt hatte; die Schwerbehinderteneigenschaft mit einem GdB von 50 wurde hingegen nicht zuerkannt.
Dass Schmerzsymptome auch ohne eindeutigen somatischen Befund real sind, erläuterte die Medizinerin Dr. Angelika Thönnes vom Universitätsklinikum des Saarlandes in einem Podcast.
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Stress, Ängste und Belastungen beeinflussen Schmerzen und Magen-Darm-Beschwerden maßgeblich, wobei die Darm-Hirn-Achse eine wichtige Rolle spiele. Neben dem erforderlichen Zeitbedarf für eine sorgfältige Diagnostik wies sie auf Selbstfürsorge, Bewegung und soziale Kontakte als unterstützende Maßnahmen hin.
Auf das komplexe Zusammenspiel verwies zudem Dr. Anke Diezemann-Prößdorf vom Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz mit Blick auf das Verhältnis von Schmerzen und Schlafstörungen: Bislang sei wissenschaftlich unklar, ob primär der Schmerz den Schlaf beeinträchtige oder schlechter Schlaf die Schmerzwahrnehmung verstärke.
Auch international rückt die Strukturierung der Schmerzversorgung in den Fokus. In Frankreich stellten die États généraux de la douleur des femmes anlässlich des Welt-Schmerztages am 19. Oktober 2026 insgesamt 33 Empfehlungen vor. Das Kolloquium adressierte dabei unter anderem die Anerkennung, Ausbildung des Fachpersonals und Forschung sowie eine Banalisierung von Schmerzen bei Frauen durch Vorurteile im Behandlungskontext.
