Multimorbidität: 67% der über 80-Jährigen mehrfach chronisch krank
28.05.2026 - 23:23:24 | boerse-global.deStrukturelle Ineffizienzen und die Fehlverteilung medizinischer Leistungen setzen die langfristige Finanzierbarkeit zunehmend unter Druck. Experten warnen: Ohne grundlegende Reformen drohen explodierende Sozialabgaben und ein Qualitätsverlust in der Patientenversorgung.
Überversorgung als Kostenfalle
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Ein zentrales Problem ist die Übertherapie – insbesondere bei Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) hat ihre S3-Leitlinie zur Multimorbidität daher in eine „Living Guideline" umgewandelt. Künftig wird sie jährlich aktualisiert, um die Arzneimitteltherapiesicherheit, Schmerzbehandlung und Inkontinenzversorgung besser zu steuern.
Die Zahlen belegen die Dringlichkeit: In der Schweiz sind 25,5 Prozent der 41- bis 60-Jährigen von Multimorbidität betroffen. Bei den 61- bis 80-Jährigen steigt der Anteil auf 51,9 Prozent, bei den über 80-Jährigen sogar auf 67,3 Prozent. Besonders betroffen sind Frauen und sozial benachteiligte Gruppen. Experten fordern daher ein stärkeres Augenmerk auf die Arzneimittelsicherheit, um Polypharmazie zu vermeiden – eine häufige Form der Überversorgung, bei der Patienten mehr Medikamente erhalten als medizinisch notwendig.
Sozialabgaben vor dem Sprung nach oben
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Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat die finanziellen Folgen ineffizienter Strukturen beziffert. In einem am 27. Mai 2026 vorgelegten Gutachten warnt das Gremium unter Vorsitz von Monika Schnitzer: Ohne tiefgreifende Reformen könnten die Sozialversicherungsbeiträge von aktuell 42,3 Prozent im Jahr 2026 auf 49,7 Prozent im Jahr 2040 steigen. Bereits 2030 droht ein Satz von 45,4 Prozent.
Ratsmitglied Martin Werding sieht die Haupttreiber in der übermäßigen Inanspruchnahme von Leistungen und ineffizienten Organisationsstrukturen. Seit 2005 sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung um 64 Prozent gestiegen – die Einnahmen wuchsen im selben Zeitraum nur um 31 Prozent. Die Folge: Der Beitragssatz kletterte von 14,2 Prozent im Jahr 2005 auf 17,2 Prozent im Jahr 2026.
Fünf Reformvorschläge der Wirtschaftsweisen
Die Ökonomen schlagen konkrete Maßnahmen vor:
- Arzneimittelpreise strenger am Zusatznutzen ausrichten
- Pflegeleistungen verschärfen – möglicherweise die Reform von 2017 zurücknehmen
- Nicht zielgerichtete Leistungen streichen, etwa einkommensunabhängige Pflegezuschläge
- Kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern einschränken
Gesundheitsminister Warken reagierte bereits: Für 2027 plant das Ministerium Entlastungen für die Krankenkassen in Höhe von 16,3 Milliarden Euro – erzielt durch verschiedene Sparmaßnahmen.
Fehlsteuerung im Rettungsdienst und Krankenhaus
In Österreich zeigt sich ein weiteres Problem der Fehlallokation. Experten der Plattform „Notfallmedizin Österreich" planen für Juni 2026 eine Lieferung: Notärzte werden häufig zu Einsätzen gerufen, bei denen Rettungssanitäter ausreichen würden. Die Spezialisten fehlen dann bei lebensbedrohlichen Notfällen.
Auch die Krankenhausfinanzierung steckt in der Sackgasse. Eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung vom 27. Mai 2026 belegt: Die öffentlichen Gesundheitsausgaben sind auf 9,8 Prozent des BIP gestiegen – zuvor lag der Wert bei 7,3 Prozent. Krankenhäuser verschlingen 56 Prozent dieser Kosten. Die Studienautoren kritisieren das zersplitterte System mit falschen Anreizen und empfehlen, alle Mittel in neun Landeskrankenhausfonds zu bündeln.
Sparen mit Risiken
Doch pauschale Kürzungen könnten das Kind mit dem Bade ausschütten. Markus Zeitlinger von der Medizinischen Universität Wien warnte Ende Mai 2026 vor den geplanten Budgetkürzungen. Statt der geforderten 18 Milliarden Euro für die Jahre 2028 bis 2030 sind nur 15,5 Milliarden Euro vorgesehen. Die Folge: Am Wiener Allgemeinen Krankenhaus könnten rund 250 Arztstellen wegfallen.
Betroffen wären nicht etwa überflüssige Leistungen, sondern komplexe Eingriffe wie Transplantationen, Herzchirurgie und onkologische Therapien. Ähnliche Warnungen kommen aus Deutschland. In Hessen warnten 27 Ärzteverbände mit 14.000 Praktikern am 27. Mai 2026: Die geplanten GKV-Einsparungen könnten pro Praxis zu jährlichen Einnahmeverlusten zwischen 9.000 und 68.000 Euro führen. In Sachsen-Anhalt befürchten Mediziner, dass reformbedingte Kürzungen jährlich 600.000 Patiententermine kosten könnten.
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