Multiple Sklerose: Spezifische Darmbakterien senken Erkrankungsrisiko deutlich
Veröffentlicht am: 30.07.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zusammensetzung der Darmflora beeinflusst offenbar maßgeblich Entstehung und Verlauf von Multipler Sklerose (MS). Forscher aus Südkorea, Italien und den USA identifizierten in mehreren aktuellen Studien spezifische Bakterienstämme und Stoffwechselprodukte, die entweder schützend wirken oder Entzündungen im zentralen Nervensystem fördern.
Entzündungshemmer aus dem Darm
Ein Team der Soonchunhyang University und der Ewha Womans University in Südkorea entdeckte, dass das Bakterium Veillonella ratti (Stamm MHL0042) den anti-inflammatorischen Metaboliten Dioleoylphosphatidylethanolamin (DOPE) produziert. Wie die Forscher im Fachjournal Experimental & Molecular Medicine veröffentlichten, gelangt DOPE über die Blutbahn ins Gehirn und reduziert dort nachweislich Neuroinflammationen. Allerdings: Die Ergebnisse stammen aus präklinischen Modellen und müssen noch in Studien am Menschen bestätigt werden.
Parallel dazu rückt Akkermansia massiliensis in den Fokus. Eine italienische Studie in Genes & Immunity zeigt: Ein geringes Vorkommen dieses Bakteriums erhöht das MS-Risiko signifikant. Die Forscher der Cittadella Universitaria di Monserrato sehen eine Verbindung zwischen dem Bakterium, dem FcRL3-Gen und einer gestörten B-Zell-Regulation. Eine gezielte Förderung von Akkermansia massiliensis durch Präbiotika und Polyphenole könnte künftig präventiv oder therapeutisch wirken.
Kausale Belege aus Zwillingsstudien
Einen starken Hinweis auf die kausale Rolle der Darmflora lieferte eine im April 2025 in PNAS veröffentlichte Zwillingsstudie. Die Forscher untersuchten 81 eineiige Zwillingspaare, bei denen jeweils nur ein Partner an MS erkrankt war. Die Übertragung von Bakterien wie Lachnoclostridium und Eisenbergiella tayi von betroffenen Zwillingen auf transgene Mäuse löste bei den Tieren eine MS-ähnliche Erkrankung aus. Folge: eine Zunahme von Th17-Zellen und eine Autoimmunreaktion gegen Myelin.
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Eine Studie der Yale University aus dem Jahr 2025 bestätigt die Unterschiede: Bei 43 neu diagnostizierten MS-Patienten kamen Bakterien der Gattung Faecalibacterium seltener vor, während Monoglobus häufiger nachgewiesen wurde. Zudem wiesen die Patienten weniger mit Immunglobulin A (IgA) beschichtete Bakterien auf – ein Zeichen für ein gestörtes immunologisches Gleichgewicht im Darm.
Therapie und Ernährung als Mikrobiom-Beeinflusser
Die Wechselwirkung zwischen MS-Medikamenten und dem Mikrobiom wird zunehmend erforscht. Eine Kooperation der Universitäten Bonn, Basel, Toronto und Yale untersuchte 2026 in Science Translational Medicine die Auswirkungen von B-Zell-Depletionstherapien. Ergebnis: Die Behandlung fördert die Wanderung regulatorischer B-Zellen aus dem Darm ins Blut und ZNS. Höhere Konzentrationen dieser Faktoren waren mit besseren Behandlungsergebnissen verbunden.
Schützend wirkt offenbar auch Butyrat. Eine Studie von Northwestern Medicine in Nature Communications zeigt: Das Stoffwechselprodukt programmiert Darmzellen über den Sat1-N1-Acetylspermidin-Signalweg dauerhaft um und schafft so ein „intestinales Gedächtnis“, das vor Entzündungen schützt.
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Was die Ernährung betrifft: Eine Studie aus dem Journal of Clinical Neuroscience (2026) deutet darauf hin, dass MS-Patienten nach der Diagnose häufiger zu Obst, Gemüse und Vitamin D greifen und Kohlenhydrate sowie Fette reduzieren. Ob diese Umstellungen den Krankheitsverlauf direkt beeinflussen, müssen prospektive Studien zeigen.
Diagnostik der Zukunft: Wearables und KI
Fortschritte in der Diagnostik könnten künftig auch MS-Patienten helfen. Die IBD-Forecast-Studie mit 309 Teilnehmern zeigte im Juli 2026, dass Wearables Schübe von Colitis bis zu sieben Wochen vor klinischen Symptomen erkennen können. Ähnliche Ansätze für MS werden bereits diskutiert.
In Nordrhein-Westfalen arbeitet zudem ein mit 3,4 Millionen Euro gefördertes Mikrobiom-Projekt an einer KI-gestützten Pipeline zur Analyse von Stuhlproben. Ziel: Komplexe mikrobielle Daten für die klinische Praxis nutzbar machen und personalisierte Therapien ermöglichen.
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