Musik nach Knie-OP: Übelkeit und Erbrechen traten 78 Prozent seltener auf
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 11:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deAngesichts deutlicher Fortschritte in der neurobiologischen und medizinischen Forschung plädiert der norwegische Arzt und Autor Audun Myskja für einen systematischen Einsatz von Musik und Klang im Gesundheitswesen sowie im Schulbereich. Seit der Veröffentlichung seines Werks über musikalische Medizin im Jahr 1999 habe sich das wissenschaftliche Verständnis grundlegend gewandelt.
Laut Myskja zeigen neuere Studien detailliert, wie Klänge das Gehirn und körperliche Vorgänge regulieren. Körper und Geist bildeten ein unmittelbares Instrumentarium, mit dem sich physiologische und psychische Zustände gezielt steuern ließen.
Physiologische Reaktionen auf Gesang und Töne
Mehrere Forschungseinrichtungen untersuchten die biologischen Prozesse, die durch vokale und akustische Reize ausgelöst werden. Forschende des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig wiesen darauf hin, dass Singen zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin führen kann, der auch an immunologischen Reaktionen beteiligt ist.
Dass auch die eigene Stimme therapeutische Potenziale birgt, unterstreicht die Gesangspädagogin Veronika Stalder, die die Stimme als Medizin für Seele und Körper beschreibt.
Am Karolinska-Institut in Stockholm stellten Wissenschaftler fest, dass beim Summen etwa 15-mal mehr Stickstoffmonoxid in der Nasenluft messbar ist als bei einer ruhigen Ausatmung. Der Stoff erweitert Blutgefäße und trägt zur Senkung des Blutdrucks bei.
Auf neurologischer Ebene zeigte der New Yorker Neurochirurg und Immunologe Dr. Kevin J. Tracey, dass eine Aktivierung des Vagusnervs chronische Entzündungsprozesse dauerhaft reduzieren kann. Das Singen regt diesen Nerv direkt an.
Dauerstress und Erschöpfung sind oft Folgen eines deregulierten Nervensystems, doch gezielte Impulse können die körpereigenen Selbstheilungskräfte wieder aktivieren. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie Ihren Vagusnerv als zentralen Gesundheitsschalter in wenigen Minuten täglich selbst stimulieren können. Kostenlosen Vagus-Therapie-Report jetzt anfordern
Ergänzend legten Lee Bartel und Abdullah Mosabbir von der Universität Toronto im Jahr 2021 eine Übersichtsarbeit vor: Demnach stimuliert niedrigfrequenter Schall im Bereich von 40 Hertz den Vagusnerv, synchronisiert Gamma-Wellen im Gehirn und kann Schmerzsignale über Nervenfasern hemmen.
Schmerzlinderung im klinischen Einsatz
Die schmerzmodulierende Wirkung von Musik ist Gegenstand mehrerer klinischer Erhebungen. Eine Analyse von 57 Arbeiten durch die Drexel University ergab, dass die Schmerzlinderung eng an den individuellen Musikgenuss gekoppelt ist. In einem Versuch mit 51 Personen im Kaltwassertest hielten Teilnehmende Schmerzreize bei selbst gewählter Musik länger aus, wobei aktives Rhythmus-Klopfen und Mitsingen effektiver waren als passives Hören.
Am Universitätsspital Zürich untersuchten Fachleute 204 Patienten vor einer nicht-notfallmäßigen Magnetresonanztomografie beim Legen einer intravenösen Kanüle. Lieblingsmusik verringerte das Schmerzempfinden signifikant 30 Sekunden und 2 Minuten nach dem Einstich. Mozarts Sonate KV448 wirkte lediglich bei Patienten mit vorbestehenden Schmerzen nach 2 Minuten, während neutrale Entspannungstitel keine Effekte zeigten.
Bereits 2015 zeigte eine Meta-Analyse in der Fachzeitschrift The Lancet auf Basis von 73 randomisierten Studien, dass Musik nach Operationen Schmerzen, Angstzustände und den Bedarf an Schmerzmitteln verringern kann.
Der südkoreanische Anästhesist Ji Yong Yeom untersuchte den Effekt bei 82 Patienten nach Kniegelenkspiegelungen unter Vollnarkose: 41 Patienten mit Lieblingsmusik über Kopfhörer litten in den ersten 24 Stunden zu 4,9 Prozent (2 Fälle) an Übelkeit oder Erbrechen, verglichen mit 22 Prozent (9 Fälle) in der Kontrollgruppe, was einem rund 78 Prozent selteneren Auftreten entspricht.
Wer sich mit der gezielten Linderung von Beschwerden befasst, sucht oft nach effektiven Wegen ohne zusätzliche Medikamente. Ein bebilderter PDF-Guide stellt hierfür eine bewährte Methode vor, mit der sich Schmerzsignale durch einfache Griffe an 101 Druckpunkten aktiv beeinflussen lassen. Kostenlosen Druckpunkt-Guide für zu Hause herunterladen
Musikalische Interventionen bei kognitivem Abbau
Neben der Schmerzbehandlung rücken neurodegenerative Erkrankungen in den Fokus. An der Universität Wien leitet die Musikpsychologin Anja-Xiaoxing Ciu das internationale, über vier Jahre angelegte Forschungsprojekt «M4M – Music for Memory», das mit knapp 850.000 Euro gefördert wird.
Rund 100 Menschen ab 65 Jahren mit leichtgradiger Alzheimer-Demenz lernen dabei neu komponierte Lieder zu Hause mit Therapeuten ein. Der Psychiater Dietmar Winkler betonte im Rahmen des Projekts, dass Patienten in diesem Stadium zwar langsamer lernen, dieser Lernprozess aber weiterhin stattfinde.
Mehr zum Thema bei Frankfurter Rundschau: „Vollnarkose mit Musik – Patienten leiden nach OP seltener unter Übelkeit“
