Musiktherapie, Demenz

Musiktherapie bei Demenz: Geordnete KlÀnge fördern Kognition und Austausch

Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 10:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Musikbasierte AnsĂ€tze können Wohlbefinden und Kognition unterstĂŒtzen; Forschungsprojekte untersuchen ihren Einsatz bei Alzheimer und Demenz.
Klangschalen und ein HolzschlÀgel auf einer weichen Unterlage in einem lichtdurchfluteten, ruhigen Raum. Illustration mit AI erstellt.

Der Einsatz von Musik- und Klangtherapie etabliert sich zunehmend als evidenzbasierte, nicht-medikamentöse Behandlungsform zur Regulierung psychischer und kognitiver ZustĂ€nde bei Ă€lteren Menschen. FachbeitrĂ€ge heben hervor, dass strukturierte akustische Reize das Nervensystem ĂŒber Melodien, Harmonien, Rhythmen und bestimmte Frequenzen gezielt ansprechen können, um das Wohlbefinden im Alter zu stabilisieren und kognitive Ressourcen zu aktivieren.

Wirkmechanismen im zentralen Nervensystem

Als zentraler neurophysiologischer Prozess gilt das sogenannte Entrainment, bei dem sich körpereigene Rhythmen – darunter Hirnwellen, Herzfrequenz und Atmung – mit extern vorgegebenen akustischen Takten synchronisieren.

Begleitend dazu wird eine neuro-hormonelle Modulation beschrieben: Gezielte KlĂ€nge können den Spiegel des Stresshormons Cortisol senken und zugleich die AusschĂŒttung von Botenstoffen wie Dopamin und Oxytocin anregen. Zudem unterstĂŒtzt die akustische Stimulation Prozesse der NeuroplastizitĂ€t.

In der Praxis kommen sowohl aktive Formen zum Einsatz, bei denen Betroffene selbst musizieren oder singen, als auch rezeptive Methoden, die auf das bewusste Hören fokussiert sind.

Als akustische Hilfsmittel dienen unter anderem binaurale Beats, Klangschalen sowie weißes und rosa Rauschen. Zu den wesentlichen Indikationen gehören das Angst- und Stressmanagement, Stimmungsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Maßnahmen der kognitiven Rehabilitation.

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Akustische Stimulation bei neurodegenerativen Erkrankungen

Große Bedeutung kommt diesen AnsĂ€tzen in der Betreuung von Menschen mit Demenz zu. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation lebten im Jahr 2021 weltweit rund 57 Millionen Menschen mit einer Demenzform, wĂ€hrend die Zahl der jĂ€hrlichen Neudiagnosen bei etwa 10 Millionen lag.

Bei Demenzerkrankungen bleibt das MusikgedĂ€chtnis oft noch in fortgeschrittenen Stadien erhalten. Wissenschaftliche Untersuchungen verorteten diese GedĂ€chtnisleistung in motorisch und bewegungsrelevant geprĂ€gten Hirnarealen, die verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig lange von neurodegenerativen Abbauprozessen verschont bleiben.

Der Neurowissenschaftler Lutz JĂ€ncke untersuchte im Laufe seiner Forschung rund 2.000 Personen und beschrieb, dass jahrzehntelanges Musizieren das Gehirn anatomisch um Jahre jĂŒnger wirken lassen kann. Selbst bei fortgeschrittenem GedĂ€chtnisverlust gelingt es vielen Betroffenen, Lieder aus ihrer Jugend textsicher wiederzugeben.

Einen weiteren ErklĂ€rungsansatz lieferte HĂ©ctor Rasgado Flores: Sein Verfahren verbindet Musik und Medizin ĂŒber das physikalische Konzept der Entropie. Bei Sitzungen mit geordneten Klangmustern niedriger Entropie, gespielt von einem Streichquartett, zeigten Personen mit Demenz Verbesserungen in der Kognition und der zwischenmenschlichen Interaktion.

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Neben akustischen Reizen können auch gezielte Hör-Übungen dazu beitragen, den GedĂ€chtnisabbau laut Experten signifikant zu verlangsamen und das Gehirn aktiv zu halten. Kostenlosen PDF-Report mit 7 Hör-Übungen anfordern

Aktuelle StudienansÀtze und Praxisprojekte

Die Mechanismen des musikalischen GedĂ€chtnisses stehen auch im Mittelpunkt des internationalen, auf vier Jahre angelegten Forschungsprojekts „M4M – Music for Memory“, das von Teams der UniversitĂ€t Wien sowie aus Norwegen und Argentinien getragen und vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF mit knapp 850.000 Euro gefördert wird.

Rund 100 Menschen ab einem Alter von 65 Jahren mit leichtgradiger Alzheimerdemenz erlernen dabei mit Musiktherapeuten neu komponierte StĂŒcke. Am Standort Wien nehmen 40 Personen der Pflegestufen eins und zwei an einem Cross-over-Versuchsdesign teil, das intensive Übungsphasen mit Einheiten geringerer Frequenz abwechselt und durch bildgebende sowie neurophysiologische Messungen an der MedUni Wien begleitet wird.

In Spanien schlossen das Hospital Universitario Virgen de las Nieves in Granada und die FundaciĂłn Miguel RĂ­os eine Vereinbarung zur VerknĂŒpfung von Kultur und Gesundheit. Im Rahmen des dortigen Projekts „Coro de Rock y Memoria“ musizieren Betroffene gemeinsam mit Angehörigen unter Anleitung des Musiktherapeuten Gabriel Kulisevsky, um ĂŒber das gemeinsam Singen Erinnerungen wachzuhalten und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.

Professionelle Verankerung des Berufsfelds

Die akademische Entwicklung des Fachs begann 1944 mit dem ersten universitĂ€ren Studiengang an der Michigan State University, gefolgt von der GrĂŒndung der National Association for Music Therapy im Jahr 1950. Heute erfolgt die Qualifikation in den USA ĂŒber eine standardisierte Zertifizierung zum Board-Certified Music Therapist.

International schreitet auch die gesetzliche Verankerung voran: WĂ€hrend LĂ€nder wie Österreich und Lettland das Berufsbild der Musiktherapie bereits rechtlich reguliert haben, diskutierten Experten beim II. Internationalen Musiktherapiesymposium im Weltzentrum fĂŒr Hören des IFPS im polnischen Kajetanach die Notwendigkeit weiterer verbindlicher berufsrechtlicher Standards.

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