NahrungsergÀnzung: TV-Arzt warnt vor Multivitaminen und Antioxidantien
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 23:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die weltweite Nachfrage nach Vitaminpillen, Mineralstoffen und PrĂ€paraten fĂŒr das Wohlbefinden wĂ€chst kontinuierlich. Dennoch mehren sich die fachlichen Zweifel am tatsĂ€chlichen Nutzen dieser Mittel fĂŒr die breite Bevölkerung.
Der britische TV-Arzt Xand van Tulleken empfiehlt gesunden Erwachsenen, tĂ€gliche NahrungsergĂ€nzungsmittel abzusetzen. Als BegrĂŒndung fĂŒhrt er klinische Studien an, die fĂŒr die allgemeine Einnahme lediglich einen minimalen gesundheitlichen Nutzen belegen.
Fehlender Nutzen und gesundheitliche Risiken
Van Tulleken hebt hervor, dass Multivitamine das Sterberisiko nicht senken. Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass Antioxidantien die Sterblichkeit je nach spezifischem Vitamin und Dosis um 4 bis 16 Prozent erhöhen können.
In seinem Buch âMake Me Wellâ warnt der Mediziner vor NahrungsergĂ€nzungsmitteln, Wearables sowie einer wachsenden Test-Industrie, bei denen ausreichende Nachweise fĂŒr Wirksamkeit und Sicherheit fehlen.
Als ein Beispiel fĂŒr fragwĂŒrdige Diagnostik nennt er einen finnischen Bluttest auf Prostatakrebs, bei dem sich lediglich bei etwa einem Drittel der positiv getesteten MĂ€nner im Rahmen einer Biopsie tatsĂ€chlich eine Krebserkrankung bestĂ€tigte.
Gleichzeitig verweist van Tulleken auf das erhebliche wirtschaftliche AusmaĂ: Das globale Marktvolumen der Wellness-Industrie beziffert er auf 6,8 Billionen US-Dollar. Bei der medizinischen Forschungsfinanzierung sieht er Diskrepanzen; so beliefen sich die jĂ€hrlichen US-Ausgaben fĂŒr die Menopause-Forschung auf 57 Millionen US-Dollar, wĂ€hrend das Vereinigte Königreich hierzu keine gesonderten Ausgaben erfasse.
EinschÀtzungen der ErnÀhrungsmedizin
Auch aus der wissenschaftlichen ErnĂ€hrungsforschung kommen deutliche Vorbehalte gegenĂŒber einer unkritischen Einnahme. Hans Hauner, Professor an der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen (TUM), betont, dass groĂe Studien keinen Nutzen von Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E und Beta-Carotin fĂŒr die Herzgesundheit zeigen.
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DarĂŒber hinaus bergen Ăberdosierungen Gefahren: Omega-3-FettsĂ€uren beziehungsweise Fischöl können das Risiko fĂŒr Vorhofflimmern erhöhen, wĂ€hrend eine zu hohe Zufuhr von Vitamin E das Risiko fĂŒr Herzinsuffizienz steigern kann.
Hauner stellt klar, dass eine mediterrane ErnÀhrung das Herz-Kreislauf-Risiko um rund 30 Prozent senke. Echte NÀhrstoffmÀngel trÀfen in Deutschland lediglich wenige Gruppen, vorrangig in Bezug auf Jod, Vitamin B12 sowie Vitamin D im Winter.
Beobachtungsstudien aus dem Januar, April und Juni 2026 verdeutlichen zusĂ€tzliche Risiken. Laut einer im Fachblatt BMJ Open veröffentlichten Untersuchung an 5.065 US-Amerikanern mit einem Durchschnittsalter von 67,5 Jahren waren Vitamin-D-PrĂ€parate bei normalen Blutwerten ĂŒber einen Zeitraum von sechs Jahren mit einem schnelleren kognitiven Abbau verbunden.
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Eine im Journal of Prevention of Alzheimer's Disease publizierte Untersuchung ĂŒber fĂŒnf Jahre bei Erwachsenen ab 55 Jahren stellte fest, dass Omega-3-PrĂ€parate bei den 273 Nutzern im Vergleich zu 546 Nichtnutzern mit einem stĂ€rkeren Abbau einhergingen.
Zudem war die Einnahme von Glucosamin binnen fĂŒnf Jahren mit einem hĂ€ufigeren Fortschreiten hin zu einer Demenz verknĂŒpft, wobei diese Beobachtungsdaten keinen ursĂ€chlichen Beweis darstellen.
Empfehlungen zu Vitamin C, Proteinen und NĂ€hrstoffbedarf
FĂŒr einzelne Substanzen existieren klar umrissene Fakten. Sonja Siegert vom Institut fĂŒr QualitĂ€t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hĂ€lt fest, dass Vitamin-C-PrĂ€parate einer ErkĂ€ltung nicht vorbeugen können. Eine regelmĂ€Ăige Zufuhr verkĂŒrze die Krankheitsdauer allenfalls um rund 10 Prozent, beispielsweise von zehn auf neun Tage.
Bei einer Einnahme, die erst mit Beginn der ErkĂ€ltungssymptome startet, bleibe ein Effekt gĂ€nzlich aus. Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) hebt hervor, dass sich der empfohlene Vitamin-C-Bedarf problemlos ĂŒber die regulĂ€re Nahrung decken lĂ€sst.
Beim Proteinbedarf gibt die DGE fĂŒr gesunde Erwachsene bis 65 Jahre einen Referenzwert von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag vor. FĂŒr sportlich Aktive empfehlen das American College of Sports Medicine und die International Society of Sports Nutrition hingegen 1,2 bis 2,0 Gramm pro Kilogramm und Tag.
Eine Meta-Analyse bestĂ€tigt, dass eine zusĂ€tzliche Proteinzufuhr im Rahmen von Krafttraining sinnvoll ist, insbesondere wenn die sonstige Tageszufuhr nicht ausreicht. Proteinpulver fĂŒhre fĂŒr sich genommen jedoch zu keiner Fettverbrennung.
Trotz der Studienlage greifen Werbekonzepte auf Social-Media-Plattformen Trends wie âCortisol Bellyâ, âCortisol Faceâ und âCortisol Maxxingâ auf. Kommerzielle Anbieter versprechen dabei mit NahrungsergĂ€nzungsmitteln, speziellen Morgenroutinen oder sogenannten Cortisol-Detox-Programmen eine angebliche Regulierung des Stresshormonspiegels, die einer fundierten wissenschaftlichen Basis entbehrt.
