Netzhautalter: KI-Analyse von 71.000 Menschen zeigt Hinweise auf Gefäßrisiken
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 17:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deWissenschaftliche Untersuchungen liefern neue Hinweise darauf, dass die Retina als Spiegel der allgemeinen Gesundheit fungieren kann. Durch die Analyse des Augenhintergrunds lassen sich Rückschlüsse auf das biologische Alter sowie den Zustand des Gehirns ziehen.
Mithilfe künstlicher Intelligenz entwickelt sich dieser Ansatz im Forschungsfeld der sogenannten Oculomics zu einem Werkzeug, das einen nicht-invasiven Einblick in die Mikrozirkulation und das Nervengewebe ermöglicht.
Erkenntnisse aus südkoreanischen Bilddaten
In einer 2026 im Fachjournal GeroScience veröffentlichten Untersuchung (DOI 10.1007/s11357-026-02538-8) analysierte ein Deep-Learning-Modell fast 30.000 Netzhautbilder aus Südkorea. Die Forscher ermittelten dabei die Differenz zwischen dem berechneten Netzhautalter und dem tatsächlichen chronologischen Alter, den sogenannten Retinal Age Gap (RAG).
Die Auswertung zeigte deutliche Zusammenhänge mit bestimmten Lebensstilfaktoren und Vorerkrankungen. Bei Personen mit Diabetes fiel das Netzhautalter im Schnitt um 2,52 Jahre höher aus als das kalendarische Alter. Für aktive Raucher ergab sich ein Plus von 0,50 Jahren, während der Wert bei ehemaligen Rauchern bei einem Plus von 0,46 Jahren lag.
Augenerkrankungen spiegelten sich ebenfalls wider: Bei Katarakt betrug der Unterschied plus 1,86 Jahre, bei einer Makuladegeneration plus 0,60 Jahre. Für verheiratete Personen wurde hingegen ein um 0,46 Jahre niedrigerer Wert gemessen. Keine signifikante Assoziation des RAG zeigte sich in dieser Erhebung bei Hypertonie und Hyperlipidämie.
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Großstudie untersucht vaskuläre Zusammenhänge
Eine weitere Publikation in Nature Communications vom 26. August 2026 stützte sich auf einen Datensatz von über 71.000 Personen. Das dort eingesetzte Modell schätzte das kalendarische Alter anhand von Netzhautaufnahmen mit einem mittleren absoluten Fehler von etwa 2,85 Jahren.
In dieser Untersuchung war die Differenz des Netzhautalters mit Blutdruck, Blutzucker, dem Body-Mass-Index (BMI), Blutfetten sowie Entzündungsmarkern assoziiert und lieferte Hinweise auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Zudem machten die Autoren geschlechtsspezifische Unterschiede aus, unter anderem im Zusammenhang mit Mustern rund um die Menopause. Zugleich hielten die Forschenden fest, dass das Netzhautalter kein direktes Maß für das biologische Alter darstelle und keine klinische Diagnose ersetzen könne.
Da die Netzhaut eng mit dem vaskulären Zustand des Körpers verknüpft ist, kann eine frühzeitige Überprüfung der Augen wichtige Impulse für die eigene Vorsorge geben. Nutzen Sie diesen kostenlosen Online-Schnelltest, um Ihre Sehkraft in nur wenigen Minuten ohne Anmeldung zu prüfen. Kostenlosen Online-Sehtest jetzt starten
Grenzen und Potenzial im Rahmen von Oculomics
Der Augenarzt Álvaro Fernández-Vega ordnet die Retina als Fenster zum vaskulären und neurologischen Zustand des Körpers ein. Das Fachgebiet der Oculomics erforscht dabei Schnittstellen zu kardiovaskulären, zerebrovaskulären, renalen, metabolischen und neurodegenerativen Erkrankungen.
Gleichzeitig betonte Fernández-Vega, dass die bisherigen Daten statistische Assoziationen beschreiben und keine Kausalität belegen. Auch sei das Verfahren noch nicht klinisch validiert.
Nach gegenwärtigem Stand eignet sich die Bestimmung des Netzhautalters vor allem für Screenings und noch nicht für individuelle Einzeldiagnosen. Zur Absicherung sind weitere Längsschnittstudien erforderlich.
Fachleute sehen in der Methodik jedoch eine künftige Perspektive für die Früherkennung von Risiken im Bereich von Herz-Kreislauf-, Nieren- und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und verweisen auf den anhaltenden Nutzen regelmäßiger augenärztlicher Kontrolluntersuchungen.
