Phagentherapie, Antibiotika-Resistenz

Neue Leitlinie Phagentherapie: Wann die Behandlung bei Infektionen eingesetzt werden soll

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 13:12 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

In Deutschland ist erstmals eine medizinische Leitlinie zur Phagentherapie veröffentlicht worden. Sie soll Ärztinnen und Ärzten helfen, die hochspezialisierte Behandlung bei schweren bakteriellen Infektionen gezielt einzusetzen.

Bakteriophagen sind Viren, die spezifisch Bakterien infizieren, sich in ihnen vervielfältigen und sie abtöten. (Archivbild) - Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Bakteriophagen sind Viren, die spezifisch Bakterien infizieren, sich in ihnen vervielfältigen und sie abtöten. (Archivbild) - Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

In Deutschland ist erstmals eine Leitlinie zur Phagentherapie vorgestellt worden, die den Einsatz der Behandlung bei schweren bakteriellen Infektionen präzise regeln soll.

Neue Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte

Unzählige Menschen leiden hierzulande unter hartnäckigen bakteriellen Infektionen, bei denen herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken – etwa bei Harnwegs- oder Wundinfektionen bis hin zu Blutvergiftungen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Patienten mit geschwächtem Immunsystem, für die solche Infektionen lebensbedrohlich werden können. Vor diesem Hintergrund haben deutsche Experten jetzt erstmals eine Leitlinie mit 60 Empfehlungen zur Phagentherapie vorgelegt.

Rolle der Fachgesellschaften und Zielgruppe

Federführend bei der Erarbeitung war die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, unterstützt von internationalen Fachgesellschaften. Die Leitlinie richtet sich an Ärztinnen und Ärzte, die an der Behandlung bakterieller Infektionen bei Erwachsenen und Kindern beteiligt sind. Die Phagentherapie wird darin als mögliches Vorgehen beschrieben, wenn klassische Therapien nicht oder nicht mehr greifen.

Kein Allheilmittel, begrenzte Studienlage

Die Hauptautorin Silvia Würstle vom Universitätsklinikum Frankfurt warnt davor, Phagen als Wunderwaffen zu betrachten. Sie verweist darauf, dass bisher nur wenige Studien die Wirksamkeit untersuchen. In einer Auswertung von 100 aufeinanderfolgenden Fällen aus Belgien kam es demnach in etwa 70 Prozent der Behandlungen zu einer klinischen Verbesserung, während andere Fälle keinen Nutzen zeigten.

Funktionsweise der Phagen und Warnung vor Internetprodukten

Phagen, genauer Bakteriophagen, sind Viren, die hochspezifisch Bakterien infizieren, sich in ihnen vermehren und sie schließlich zerstören können. Der menschliche Körper enthält nach Angaben der Experten Billionen dieser natürlichen Gegenspieler der Bakterien. Trotz einer mehr als hundertjährigen Geschichte der Phagentherapie rückte sie mit dem Siegeszug breit wirkender Antibiotika lange in den Hintergrund, während in Osteuropa eine längere Tradition dieser Therapieform erhalten blieb.

Medizintourismus und individuelle Anpassung

Würstle warnt vor der Bestellung vermeintlicher Phagenpräparate im Internet und spricht von kostspieligem Medizintourismus, bei dem verzweifelte Patienten nach einem letzten Ausweg suchen. Einige der angebotenen Produkte könnten nach heutigem Kenntnisstand jedoch wirkungslos sein. Anders als bei breit wirkenden Antibiotika muss eine seriöse Phagentherapie laut Leitlinie individuell auf den jeweiligen Patienten und den jeweiligen Erreger abgestimmt werden.

Interdisziplinäre Entscheidungen und Herstellung

Wenn mehrere Bakterien an einer Infektion beteiligt sind, sollen nach Angaben der Leitlinie alle relevanten Erreger getestet werden. Über eine mögliche Behandlung mit Phagen sollen interdisziplinäre Teams entscheiden, an denen neben Ärzten auch Mikrobiologen und Pharmazeuten beteiligt sind. Praktikabler als eine industrielle Herstellung nach dem allgemeinen Arzneimittelstandard sei demnach die individuelle Herstellung eines Präparats für einen bestimmten Patienten in einer Apotheke nach festgelegten Qualitätskontrollen.

Überwachung und mögliche Nebenwirkungen

Die Experten empfehlen, jede Phagentherapie engmaschig durch Ärzte und Labore zu begleiten. Nebenwirkungen sind möglich, wenn viele Bakterien zugleich zerfallen und bakterielle Bestandteile freigesetzt werden. Dies kann etwa Fieber und Entzündungsreaktionen auslösen, die im Rahmen der Behandlung überwacht werden müssen.

Resistenzen auch gegen Phagen

Nach Aussage von Annika Yanina Claßen von der Uniklinik Köln, ebenfalls Autorin der Leitlinie, können Bakterien Resistenzen gegen die eingesetzten Phagen entwickeln. Eine solche Anpassung werde regelmäßig beobachtet und sei nichts Ungewöhnliches. Dadurch kann die Wirksamkeit einer einmal gewählten Phagenkombination im Verlauf nachlassen.

Erste leitliniengerechte Therapie in Frankfurt

In anderen Ländern wie Belgien und den USA wird die Phagentherapie bereits sicher und legal eingesetzt. In Deutschland ist im Februar am Universitätsklinikum Frankfurt die bundesweit erste Therapie erfolgt, die sich explizit an der neuen Leitlinie orientiert. Nach Angaben von Würstle wurden dort seitdem zehn Patientinnen und Patienten erfolgreich behandelt.

Behandelte Erreger und Anwendungsformen

Aktuell kann in Frankfurt gegen die Bakterien Pseudomonas und Staphylococcus aureus therapiert werden. Die Phagenpräparate werden über die Vene verabreicht, als Nasenspray eingesetzt oder als steriles Hydrogel auf Wunden aufgebracht. So soll die Therapie möglichst passgenau an den jeweiligen Infektionsort gelangen.

Welche Patientengruppen profitieren könnten

Wie viele Patientinnen und Patienten in Deutschland insgesamt für eine Phagentherapie infrage kommen, ist nach Einschätzung der Experten schwer zu beziffern. Der Infektiologe Jan Rupp vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sieht das Haupteinsatzgebiet bei Patienten, die mit multiresistenten Erregern besiedelt sind und meist schwer krank sind.

Frühere Einbindung in Diagnostik und Therapie

Bei solchen Patienten werden oft mehrere Antibiotikakaskaden ausgeschöpft, bevor keine sinnvolle Standardoption mehr bleibt. Rupp sieht die Leitlinie als wichtigen Schritt, um Phagen künftig früher in die Diagnostik der Erreger und in Therapieentscheidungen einfließen zu lassen. Dadurch soll die Behandlung schwerer Infektionen mit multiresistenten Bakterien um eine strukturierte Option erweitert werden.

Phagentherapie im Kontext der Antibiotika-Resistenzen

Die neue Leitlinie zur Phagentherapie steht vor dem Hintergrund weltweit zunehmender Antibiotika-Resistenzen. In Deutschland sind vor allem ältere Menschen und Patienten mit geschwächtem Immunsystem betroffen, bei denen Standardantibiotika bei schweren Infektionen nicht mehr ausreichend wirken. Phagen bieten hier einen ergänzenden Ansatz: Als spezialisierte Viren greifen sie gezielt bestimmte Bakterien an, ohne wie Breitband-Antibiotika den gesamten Organismus zu beeinflussen. Damit eröffnet sich für Kliniken eine weitere Option, wenn etablierte Therapien ausgeschöpft sind.

Chancen und Grenzen der neuen Leitlinie

Die Leitlinie schafft erstmals einen einheitlichen Rahmen dafür, wann und wie Phagen eingesetzt werden sollen. Sie betont jedoch klar, dass es sich nicht um eine Standardtherapie für alle Infektionen, sondern um eine individuell zugeschnittene Behandlung handelt. Die Hinzuziehung interdisziplinärer Teams und die Empfehlung zur Herstellung patientenspezifischer Präparate in spezialisierten Apotheken zeigen, dass die Therapie weiterhin komplex und ressourcenintensiv ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Datenlage noch begrenzt ist und weitere klinische Studien nötig sind, um Wirksamkeit, Sicherheit und geeignete Anwendungsgebiete systematisch zu belegen.

Bedeutung für Patientinnen, Patienten und Versorgung

Für betroffene Patientinnen und Patienten in Deutschland ist die Leitlinie vor allem ein Signal, dass Phagentherapie aus der Nische der Einzelfallentscheidungen herauswächst und in die reguläre infektionsmedizinische Praxis integriert werden kann. Die ersten Anwendungen am Universitätsklinikum Frankfurt zeigen, dass ein geordneter Einsatz unter klaren Qualitätsvorgaben möglich ist. Zugleich dämpfen die Autoren überzogene Erwartungen, indem sie sowohl mögliche Nebenwirkungen als auch das Risiko neuer Resistenzen benennen. Für die Versorgung bedeutet dies: Phagen sind ein zusätzliches Instrument im Kampf gegen multiresistente Erreger, ersetzen aber Antibiotika nicht, sondern ergänzen sie in besonders schwierigen Fällen.

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