Neurodermitis, Millionen

Neurodermitis: 3,8 Millionen Betroffene, doch viele bleiben ohne Systemtherapie

Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 11:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Stress kann Juckreiz verstÀrken; zugleich zeigt eine Umfrage, dass viele geeignete Patienten nicht auf Systemtherapien hingewiesen wurden.

Neurodermitis bei Erwachsenen: Therapie, Psyche und VersorgungslĂŒcken
Nahaufnahme von weichem Leinenstoff auf einer HolzoberflĂ€che in sanftem, natĂŒrlichem Licht zur Darstellung von Hautpflege und Entspannung. Illustration mit AI erstellt.

Die Behandlung der Neurodermitis bei Erwachsenen wird in der medizinischen Forschung zunehmend als komplexes Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, einer gestörten Hautbarriere und vielfÀltigen Umweltreizen analysiert.

Aktuelle Untersuchungen verdeutlichen dabei die Tiefe der Erkrankung: Bei knapp 17 % der Patienten lassen sich Mutationen im Filaggrin-Gen nachweisen, welche die Barrierefunktion der Haut grundlegend schwÀchen.

Neben den physischen Symptomen rĂŒckt die psychosoziale Komponente in den Fokus, da sich laut Umfragedaten rund 57 % der Betroffenen durch die Erkrankung emotional stark belastet fĂŒhlen. Zudem zeigt sich eine enge VerknĂŒpfung mit Allergien; so werden rund 60 % der Nahrungsmittelallergien bei Erwachsenen als pollenassoziierte Kreuzallergien eingestuft.

Die Wechselwirkung zwischen Psyche und Hautzustand

Ein zentraler Faktor im Krankheitsverlauf ist die psychische Verfassung der Patienten. Der klinische Psychologe Cumali Ayd?n weist darauf hin, dass Stress den Juckreiz bei Ekzemen signifikant verstĂ€rken kann. Dies fĂŒhrt hĂ€ufig in einen Teufelskreis: Das durch den Juckreiz ausgelöste Kratzen verursacht Mikroverletzungen der Haut, was wiederum die Reizung intensiviert. Die daraus resultierenden Scham- und SchuldgefĂŒhle können erneut Stressreaktionen provozieren.

Zur Durchbrechung dieses Kreislaufs werden verschiedene psychologische AnsÀtze diskutiert. Ayd?n nannte in diesem Zusammenhang die kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) sowie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Besonders das sogenannte Habit-Reversal-Training hat sich als effektiv erwiesen.

Laut Ayd?n belegen Meta-Analysen, dass durch diese Methode sowohl die Schwere der Ekzeme als auch die HĂ€ufigkeit des Kratzens deutlich verringert werden können. Als unmittelbare Hilfsmittel werden zudem kurzzeitiges Aufschieben des Kratzimpulses sowie das KĂŒhlen und Befeuchten der betroffenen Hautstellen empfohlen.

Fortschritte in der Therapie und Herausforderungen in der Versorgung

In Deutschland leben derzeit rund 3,8 Millionen Menschen mit Neurodermitis. Trotz medizinischer Fortschritte besteht in der Versorgung offenbar eine LĂŒcke. Eine Umfrage des Deutschen Allergie- und Asthmabundes (DAAB) aus dem Jahr 2025 ergab, dass knapp 80 % der Patienten, fĂŒr die eine gezielte Systemtherapie infrage kĂ€me, bisher nicht von Ă€rztlicher Seite darauf angesprochen wurden.

Der PrĂ€sident des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen (BVDD) erlĂ€uterte Anfang Oktober 2026, dass die Therapieentscheidung stets individuell nach Krankheitsbild und Leidensdruck erfolgen mĂŒsse.

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Knapp 80 Prozent der Betroffenen, fĂŒr die eine gezielte Systemtherapie infrage kĂ€me, wurden laut einer Umfrage nie Ă€rztlich darauf angesprochen. Wer weiß, welche Optionen bei mittelschweren bis schweren VerlĂ€ufen zur VerfĂŒgung stehen, kann das nĂ€chste ArztgesprĂ€ch gezielt vorbereiten. Kostenlosen Leitfaden zur Systemtherapie anfordern

WĂ€hrend bei leichten Formen eine konsequente Basispflege und bei akuten EntzĂŒndungen topische Kortikosteroide oder Calcineurin-Inhibitoren ausreichen können, stehen fĂŒr mittelschwere bis schwere VerlĂ€ufe moderne Biologika und JAK-Inhibitoren zur VerfĂŒgung.

Bei akuten SchĂŒben hat sich gezeigt, dass die einmal tĂ€gliche Anwendung hochwirksamer KortisonprĂ€parate ebenso effektiv ist wie eine zweimalige Anwendung. Experten warnen jedoch davor, solche Cremes ohne Ă€rztliche RĂŒcksprache lĂ€nger als vier Wochen kontinuierlich zu nutzen, da ein abruptes Absetzen einen sogenannten Rebound-Effekt auslösen kann.

Fokus auf Hautbarriere und saisonale EinflĂŒsse

Die tĂ€gliche Pflege spielt eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung der Hautbarriere. Studien zum Wirkungsvergleich zeigten, dass eine Creme mit 20 % Glycerin die Hauttrockenheit ebenso wirksam reduziert wie ein PrĂ€parat mit 4 % Harnstoff. Dabei schnitt Glycerin in der VertrĂ€glichkeit besser ab: Lediglich 10 % der Anwender berichteten ĂŒber mĂ€ĂŸiges Brennen, wĂ€hrend dieser Wert bei einer Harnstoff-Kochsalz-Creme bei 24 % lag.

Besonders in den kalten Monaten nimmt die Belastung fĂŒr die Haut zu. Sinkende Luftfeuchtigkeit und Heizungsluft entziehen der Haut Feuchtigkeit. In beheizten InnenrĂ€umen sinkt die relative Luftfeuchtigkeit oft unter 30 %, wĂ€hrend die Haut ihre Schutzfunktion am besten bei Werten zwischen 40 % und 60 % aufrechterhĂ€lt.

ErgĂ€nzend zur tĂ€glichen Pflege mit unparfĂŒmierten Feuchtigkeitscremes, die Ceramide oder Glycerin enthalten sollten, raten Fachleute zu kurzen, lauwarmen Duschen und dem Tragen von atmungsaktiver Baumwollkleidung, um mechanische Reize durch Wolle oder Synthetik zu vermeiden.

Abgrenzung zu assoziierten Störungen

Ein verwandtes, aber eigenstĂ€ndiges Krankheitsbild stellt die Skin-Picking-Disorder dar. Hierbei handelt es sich um eine Zwangsstörung, bei der Betroffene die Haut durch Kratzen oder DrĂŒcken schĂ€digen. Eine US-Metaanalyse aus dem Jahr 2023 schĂ€tzt, dass etwa 3,45 % der Bevölkerung von dieser Störung betroffen sind, wobei Frauen hĂ€ufiger diagnostiziert werden.

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Als Auslöser gelten hier oft Angst, innere Unruhe oder wahrgenommene Hautunebenheiten. Die Behandlung erfordert neben der dermatologischen Versorgung der Wunden primÀr psychotherapeutische Interventionen wie die kognitive Verhaltenstherapie.

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