Notaufnahmen, Deutschland

Notaufnahmen in Deutschland: 45 Prozent melden eine Überlastung

Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 21:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Honorarwert steigt 2027 um 2,2 Prozent, wĂ€hrend rund 45 Prozent der untersuchten Notaufnahmen Überlastung meldeten.
Ein leerer, minimalistischer Wartebereich einer Arztpraxis bei DĂ€mmerlicht mit leeren StĂŒhlen und gedĂ€mpftem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Die ambulante medizinische Versorgung in Deutschland steht vor erheblichen wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen. WĂ€hrend Vertreter der Ärzteschaft die aktuelle Finanzierung als unzureichend und existenzbedrohend fĂŒr die flĂ€chendeckende Versorgung einstufen, zeigen aktuelle Daten eine zunehmende Überlastung der Notaufnahmen und weitreichende Konsequenzen durch gesetzliche Sparmaßnahmen.

Differenzen bei der Honoraranpassung fĂŒr 2027

Zentrale Akteure der Selbstverwaltung, die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband, haben im Bewertungsausschuss eine Anhebung des Orientierungswerts fĂŒr Ă€rztliche und psychotherapeutische Leistungen fĂŒr das Jahr 2027 beschlossen.

Der Wert soll um 2,2 % auf 13,0207 Cent steigen, nachdem er im Vorjahr bei 12,7404 Cent gelegen hatte. Diese Einigung entspricht einem Honorarplus von 1,1 Mrd. Euro, womit im Jahr 2027 insgesamt mehr als 50 Mrd. Euro in die ambulante Versorgung fließen sollen.

Die Verhandlungen waren von deutlichen Positionsunterschieden geprĂ€gt. WĂ€hrend die KBV eine Erhöhung um 4,33 % gefordert hatte, hielten die Krankenkassen ursprĂŒnglich lediglich 0,66 % fĂŒr angemessen. Die vom Bundesgesundheitsministerium festgelegte Grundlohnrate fĂŒr 2027 liegt mit 3,42 % ĂŒber dem beschlossenen Abschluss.

BerufsverbĂ€nde wie der Virchowbund kritisieren das Ergebnis scharf und verweisen auf eine voraussichtliche Inflationsrate von 2,8 % fĂŒr das Jahr 2026. Es bestehe die Sorge, dass Praxen aufgrund der Differenz Personal entlassen, Investitionen verschieben oder ihr Terminangebot einschrĂ€nken mĂŒssen.

Auswirkungen des GKV-Spargesetzes auf die Praxisstrukturen

ZusĂ€tzlicher Druck entsteht durch das GKV-Spargesetz. Nachdem im Oktober 2025 Budgetgrenzen fĂŒr die meisten hausĂ€rztlichen Leistungen vorĂŒbergehend aufgehoben worden waren, fĂŒhrt die Neuregelung nun wieder gestaffelte VergĂŒtungen oberhalb bestimmter KapazitĂ€tsgrenzen ein.

Branchenberichte illustrieren die Folgen anhand von Beispielrechnungen: Werden etwa 800 Patienten mit Atemwegsinfekten behandelt, könnte das Honorar lediglich fĂŒr 600 FĂ€lle in vollem Umfang fließen. Zudem entfallen zusĂ€tzliche VergĂŒtungen fĂŒr Patienten, die ĂŒber den Terminservice vermittelt werden.

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Kritik kommt auch vom AOK-Bundesverband bezĂŒglich der Hybrid-DRG-VergĂŒtung. Eine Analyse des WIdO zeigt, dass die EinfĂŒhrung dieser Pauschalen im Jahr 2025 zu Mehrausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung in Höhe von rund 360 Mio. Euro fĂŒhrte. Die Krankenkassen fordern daher eine stĂ€rkere Anpassung der VergĂŒtung an den tatsĂ€chlichen ambulanten Aufwand sowie eine wirksamere Mengensteuerung, um Fehlanreize zu vermeiden.

Kritische Lage in der Notfallversorgung

Die Unterfinanzierung und drohende LeistungskĂŒrzungen im ambulanten Sektor wirken sich unmittelbar auf die stationĂ€re Notfallversorgung aus. Eine Erhebung der Deutschen Gesellschaft fĂŒr InterdisziplinĂ€re Notfall- und Akutmedizin (DGINA) aus dem Juni 2026 verdeutlicht die angespannte Situation: Rund 45 % der untersuchten Notaufnahmen meldeten eine Überlastung. In fast 8 % der FĂ€lle wurde eine schwere ÜberfĂŒllung und in 5,5 % eine kritische Überlastung registriert.

HauptgrĂŒnde fĂŒr diese Entwicklung sind laut der Umfrage unter 271 Notaufnahmen fehlende BettenkapazitĂ€ten fĂŒr stationĂ€re Aufnahmen sowie massiver Personalmangel.

Knapp 66 % der Kliniken berichteten von zusÀtzlichen KrankheitsausfÀllen, wÀhrend 63 % unbesetzte Stellen im Àrztlichen oder pflegerischen Dienst meldeten. DGINA-PrÀsident Martin Pin warnte in diesem Zusammenhang vor einer GefÀhrdung der Patientensicherheit und forderte stabile Personalstrukturen.

Politische ReformansÀtze und Patientensteuerung

Um die Patientensteuerung zu verbessern, plant das Bundesgesundheitsministerium unter Minister Carsten Linnemann (CDU) eine umfassende Reform. Ein Entwurf fĂŒr ein neues PrimĂ€rversorgungssystem wird fĂŒr November 2026 erwartet. Ziel ist es, die Notaufnahmen zu entlasten, da SchĂ€tzungen zufolge 20 bis 30 % der dort vorstellig werdenden Personen keine tatsĂ€chlichen NotfĂ€lle sind. Geplant ist unter anderem der Aufbau Integrierter Notfallzentren.

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Das GKV-Spargesetz fĂŒhrt wieder gestaffelte VergĂŒtungen oberhalb der KapazitĂ€tsgrenzen ein und streicht ZusatzvergĂŒtungen fĂŒr vermittelte Patienten — wĂ€hrend die Inflationsrate laut BranchenverbĂ€nden ĂŒber dem Honorarabschluss liegt. Dieser Report zeigt Klinik-Managern, welche Erlösrisiken das fĂŒr 2026 bedeutet und wie sie gegensteuern. Erlösrisiko-Analyse jetzt sichern

Parallel dazu wird ĂŒber eine verbindliche Steuerung durch HausĂ€rzte als erste Anlaufstelle diskutiert, um Wartezeiten zu verkĂŒrzen. Eine Befragung des GKV-Spitzenverbandes aus dem Jahr 2025 ergab, dass gesetzlich Versicherte im Schnitt 36 bis 41 Tage auf Facharzttermine warten, wĂ€hrend beim Hausarzt drei Viertel der Patienten innerhalb von drei Tagen versorgt werden. Eine flĂ€chendeckende Umsetzung neuer Steuerungssysteme im Versorgungsalltag wird jedoch voraussichtlich nicht vor 2028 erwartet.

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