Notfallreform: 1,2 Milliarden Euro Einsparungen pro Jahr geplant
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 10:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Überlastung deutscher Notaufnahmen gilt seit Jahren als strukturelles Problem des Gesundheitssystems. Ein beträchtlicher Teil der dort vorstellig werdenden Patienten könnte medizinisch auf einer niedrigeren Versorgungsstufe behandelt werden.
Mit der geplanten Notfallreform sollen Hilfesuchende künftig gezielter durch das System geleitet werden. Die Bundesregierung veranschlagt durch die Neuordnung Einsparungen in Höhe von 1,2 Mrd. Euro pro Jahr.
Gesetzliche Nachbesserungen und Konflikte um Strukturen
Im parlamentarischen Verfahren legten die Fraktionen von CDU/CSU und SPD einen rund 60 Seiten umfassenden Katalog an Änderungsanträgen zum Notfallreformgesetz vor, ergänzt um zwölf fachfremde Anträge zu Folgeregelungen zum Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze.
Vorgesehen ist unter anderem, den Aufbau von Doppelstrukturen zu vermeiden und Integrierte Notfallzentren (INZ) als zentrale Anlaufstellen an Krankenhäusern zu etablieren. Zudem soll die Zuzahlung für die medizinische Notfallrettung von 10 auf 15 Euro steigen.
Ein wesentlicher Reibungspunkt betrifft die Terminvermittlung: Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) sollen bis zum 1. März 2027 im Einvernehmen mit den Krankenkassenverbänden festlegen, in welchem Umfang Praxistermine gemeldet werden müssen. Dass dabei die Beschränkung auf bislang freie Termine entfällt, stieß auf deutlichen Widerstand.
SpiFa-Vorsitzender Dirk Heinrich forderte die Rücknahme des entsprechenden Antrags und kritisierte, dass dieser Schritt den Weg zu verpflichtenden Terminkontingenten ebne. Aus der Ärzteschaft wurde zudem bemängelt, die Pflicht greife unzulässig in die Praxisorganisation ein, ohne neue Kapazitäten zu schaffen.
Bereits in einer Stellungnahme vom 8. September 2026 hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung zusätzliche Rund-um-die-Uhr-Strukturen als personell und finanziell nicht leistbar zurückgewiesen.
Die geplante Notfallreform soll 1,2 Mrd. Euro pro Jahr einsparen — doch die entscheidenden Stellschrauben liegen im Krankenhaus: INZ-Aufbau, Ersteinschätzung, Weiterleitung leichterer Fälle. Wer jetzt plant, statt auf die Terminmeldepflicht der KVen ab März 2027 zu warten, verschafft sich den Vorsprung. Kostenlosen Leitfaden zur INZ-Einführung anfordern
Erweiterungen sind hingegen bei der Akutversorgung geplant. Ärzte sollen in Notfallzentren sowie im aufsuchenden Dienst Arzneimittel in der kleinsten Packungsgröße abgeben dürfen, wenn Apotheken nicht regulär geöffnet sind. Dies griff Forderungen des Hausärzteverbands sowie von Klaus Reinhardt auf, dem Präsidenten der Bundesärztekammer, die eine solche Regelung speziell für immobile und vulnerable Patienten angemahnt hatten.
Gleichzeitig demonstrierten rund 150 Rettungskräfte von Organisationen wie den Johannitern und dem Deutschen Roten Kreuz vor dem Brandenburger Tor. Sie fordern verlässliche Finanzierungszusagen, da die enge Bindung an Sparvorgaben die geplante Vergütung bereits ab dem Einsatzbeginn gefährde.
Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen bezeichnete die Reform zwar im Wesentlichen als wichtigen Schritt, monierte jedoch das Fehlen verbindlicher Qualitätsstandards bei der Ersteinschätzung und der Vernetzung der Notrufnummern 112 und 116117.
Praktische Ansätze und Modellprojekte in Kliniken
Während Fachkreise auf internationale Vorbilder wie Dänemark mit telefonischen Triage-Systemen verweisen, erproben einzelne Kliniken eigene Konzepte zur Patientensteuerung. Die München Klinik, die an den vier Standorten Schwabing, Bogenhausen, Harlaching und Neuperlach jährlich rund 150.000 Patienten notfallmedizinisch versorgt, verzeichnete in der Vergangenheit Wartezeiten von bis zu 30 Stunden.
Über ein auf drei Jahre angelegtes Konzept nach dem Vorbild aus Cottbus, geleitet von Tim Flasbeck, konnten messbare Verbesserungen erzielt werden. Die durchschnittliche Verweildauer in der Notaufnahme sank von 5 auf 2,9 Stunden, während die Abmeldungen bei der Rettungsleitstelle um 57 Prozent zurückgingen.
Überlastete Notaufnahmen mit Wartezeiten von bis zu 30 Stunden sind für viele Kliniken Alltag — und die Reform verlangt verbindliche Ersteinschätzung, ohne dass die Finanzierung der Rettungskräfte gesichert ist. Der Praxisbericht zeigt, wie ein Klinikverbund die Verweildauer von 5 auf 2,9 Stunden senkte und die Abmeldungen um 57 Prozent reduzierte. Cottbus-Modell mit Kennzahlen jetzt sichern
Im Jahr 2024 hatten sich die Kliniken noch an rund 200 Tagen oder 5160 Stunden abmelden müssen. Am Standort Harlaching werden mittlerweile gut 100 statt vormals 70 Patienten pro Tag behandelt, während das Wartezimmer zu 80 Prozent leer bleibt.
Möglich wird dies durch die Weiterleitung leichterer Fälle in medizinische Versorgungszentren sowie Zwischenstationen zur Überwachung. Flankierend kündigte Staatssekretärin Christiane Schenderlein an, dass das Bundesgesundheitsministerium an einem Primärversorgungssystem arbeite, um die Steuerung gesetzlich Versicherter weiter vorzuverlagern.
