Omega-3 aus Mikroalgen: Algenöl entsteht in 25 Tagen statt in zwei Jahren
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 01:02 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie weltweite Versorgung mit essenziellen Omega-3-Fettsäuren steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Da traditionelle marine Bestände zunehmend unter Druck geraten, rücken Mikroalgen als alternative Rohstoffbasis in den Fokus von Industrie und Wissenschaft.
Das Unternehmen dsm-firmenich verweist in diesem Kontext auf sein aus Mikroalgen hergestelltes Produkt life'sOMEGA. Nach Unternehmensangaben benötigt die Algenölproduktion lediglich 25 Tage, während die Gewinnung von herkömmlichem Fischöl bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen kann.
Der Bedarf an verlässlichen Quellen ist hoch: Laut Verbraucherdaten von dsm-firmenich aus dem Jahr 2025 erreichen weltweit rund 80 Prozent der Bevölkerung nicht die empfohlene Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren, während lediglich 33 Prozent der Verbraucher entsprechende Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.
In Australien zeigt sich ein ähnliches Bild, wo nationale Ernährungsdaten belegen, dass weniger als einer von vier Erwachsenen die Zielwerte erreicht.
Dramatische Verknappung im Fischölsektor
Die Dringlichkeit alternativer Quellen resultiert primär aus gravierenden Einbrüchen in den traditionellen Lieferketten. Am 16. Oktober 2026 bestätigte das peruanische Produktionsministerium PRODUCE, dass es in der wichtigen Nord-Zentral-Zone keine zweite Anchovis-Fangsaison im Jahr 2026 geben wird.
Bereits die erste Saison war im Juni 2026 zum Schutz der Bestände vorzeitig beendet und im August formell geschlossen worden, nachdem lediglich gut 20 Prozent der Quote gefischt worden waren. Der Fischereiverband SNP warnte daraufhin, dass der industrielle Fang über ein Jahr bis zur Saison 2027 ruhen könnte, was die weltweite Produktion auf ein Zehnjahrestief drücken dürfte.
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Nach Angaben der Organisation IFFO sank die Versorgung mit speisequalitativem Rohfischöl aus Peru im Jahr 2026 um rund 90 Prozent – von 85.000 auf 10.000 metrische Tonnen. Die Auswirkungen auf den Markt sind drastisch: Bereits während des El-Niño-Phänomens der Jahre 2023 und 2024 hatte sich der Rohfischölpreis laut dsm-firmenich vervierfacht.
Auf einer Branchenkonferenz der IFFO in Buenos Aires berichtete Anne Hvistendahl von der DNB Bank unter Berufung auf Daten von Holtermann und Cargill über einen Anstieg des Fischölpreises auf 10.500 US-Dollar pro Tonne, verglichen mit einem früheren Spitzenwert von 6.700 US-Dollar im Jahr 2024. Der Preis für Algenöl habe sich hingegen stabiler entwickelt.
Diversifizierung und steigender Anteil in der Aquakultur
Christian Meinich vom Handelshaus Chr. Holtermann prognostizierte für 2026 eine globale Fischölproduktion von 791.000 Tonnen bei einem Verbrauch von 930.000 Tonnen, woraus ein Defizit von 139.000 Tonnen resultiere. Erst für 2027 wird mit einer Erholung auf 950.000 Tonnen gerechnet.
Vor diesem Hintergrund gewinnen Algen rasch Marktanteile: Meinich legte dar, dass Mikroalgenöl im Jahr 2026 voraussichtlich 34 Prozent des im norwegischen Lachsfutter genutzten EPA und DHA abdecken wird, nach 29 Prozent im Vorjahr. In der Branche werde ein Anstieg auf bis zu 40 Prozent für möglich gehalten.
Branchenvertreter drängen angesichts dieser Entwicklungen auf breitere Lieferstrukturen. Simon Seward von Aker BioMarine betonte im Rahmen eines Webinars, dass die Aquakultur etwa 80 Prozent der Fischölnachfrage beanspruche, während rund 16 Prozent auf die Humanernährung entfielen.
Bei Aker BioMarine sowie dem Futtermittelhersteller Skretting mahnten Führungskräfte eine strategische Diversifizierung über Fisch, Krill und Algen an, da die schiere Verfügbarkeit mittlerweile eine größere Sorge darstelle als die reinen Beschaffungskosten.
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Forschung und ernährungsphysiologische Profile
Auch die Forschung forciert den Ausbau alternativer Technologien. Die australische Southern Cross University startete ein auf 18 Monate angelegtes und von Grand Challenges der Gates-Stiftung finanziertes Projekt unter der Leitung von Dirk Erler.
Ziel ist es, durch die Präzisionsfermentation von Thraustochytriden auf Reststoffen aus Agrar- und Lebensmittelwirtschaft die Produktionskosten für Omega-3-Präparate um mindestens 50 Prozent zu senken, um die Versorgung in einkommensschwachen Regionen zu verbessern.
Hinsichtlich der Zusammensetzung weisen die Quellen deutliche Unterschiede auf: Algen-DHA enthält meist einen EPA-Anteil von unter fünf Prozent oder ist nahezu frei davon, während Fischöl typischerweise ein DHA-zu-EPA-Verhältnis von 3:2 oder 1:1 aufweist.
Ein Vorteil von Algenöl liegt im produktionsbedingten Ausschluss maritimer Schadstoffe wie Methylquecksilber und Dioxinen. Demgegenüber verfügt Fischöl über etablierte Kontrollverfahren wie IFOS-Zertifizierungen für Oxidations- und Schadstoffwerte, während einheitliche Standards für Algenöle bislang fehlen.
