Optogenetik bei Erblindung: Sechs von zehn Patienten zeigen klare Verbesserungen
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 05:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Wiederherstellung visueller Reize bei erblindeten Menschen galt lange als kaum lösbare Herausforderung. Mit optogenetischen Verfahren rückt dieses Ziel jedoch näher an die klinische Praxis.
Eine internationale klinische Untersuchung unter Leitung der University of Pittsburgh und des Institute of Molecular and Clinical Ophthalmology Basel liefert detaillierte Einblicke in das Potenzial sowie die Grenzen dieser Technologie bei fortgeschrittener Retinitis pigmentosa.
Klinische Kohorte belegt Machbarkeit und Sicherheit
Im Rahmen der im New England Journal of Medicine veröffentlichten Untersuchung erhielten zehn gesetzlich blinde Patienten eine ChrimsonR-Gentherapie in Kombination mit einer lichtstimulierenden Spezialbrille.
Die Sicherheit stellte den primären Endpunkt dar, und die Behandlung erwies sich im Rahmen der Studie als sicher. Die meisten augenbezogenen Nebenwirkungen fielen leicht bis mittelschwer aus. Ein schweres unerwünschtes Ereignis trat unmittelbar nach der Injektion auf, klang jedoch bereits nach wenigen Minuten wieder ab.
Die funktionellen Resultate zeigen messbare Verbesserungen: Sieben von zehn Behandelten wurden lichtempfindlicher, und sechs von zehn erreichten die vorab festgelegte Schwelle für eine klinisch bedeutsame Verbesserung. Ergänzende EEG-Messungen der University of Pittsburgh belegten, dass im visuellen Kortex tatsächlich Signale verarbeitet wurden.
Bei Verhaltenstests verbesserten sich vier von acht Patienten mit abgeschlossenen Prüfungen bei der Erkennung oder Lokalisierung von Objekten. Weitere Personen waren in der Lage, mit der Brille Türen zu finden oder Linien auf dem Boden zu folgen. Tendenziell hing ein intensiveres Training mit der Sehhilfe mit besseren Testergebnissen zusammen.
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Bestätigung früherer Beobachtungen und funktionelle Grenzen
Die aktuellen Daten untermauern Ergebnisse, die im Jahr 2021 zunächst an einem einzelnen Probanden festgestellt worden waren. Damals hatte ein 58-jähriger, seit Jahrzehnten blinder Patient die ChrimsonR-Gentherapie erhalten.
Dessen Spezialbrille wandelte visuelle Eindrücke in bernsteinfarbenes Licht um, woraufhin der Mann Gegenstände erkennen und greifen sowie im Alltag Telefone, Türen oder Zebrastreifen wahrnehmen konnte. In experimentellen Tests berührte er damals in 92 Prozent der Durchläufe einen Notizblock und nannte in 63 Prozent der Fälle die korrekte Anzahl an Bechern.
Gleichzeitig verdeutlichen die Forschenden des Basler Instituts die derzeitigen biologischen Grenzen: Ein normales Sehen, das Lesen von Texten oder das Erkennen von Gesichtern ist mit dem derzeitigen Stand der Technik nicht möglich. Voraussetzung für das Verfahren bleibt zudem ein intakter Sehnerv.
Bence György vom Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel erklärte, dass die Optogenetik künftig dazu beitragen könne, erblindeten Menschen Teile der Sehkraft zurückzugeben. Das Lesen oder die Identifikation von Gesichtern blieben allerdings künftige Entwicklungsziele, für die der methodische Ansatz noch verfeinert werden müsse.
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Grundlagenforschung und therapeutischer Kontext
Das Prinzip der Optogenetik basiert auf lichtempfindlichen Ionenkanälen, deren Entdeckung und Weiterentwicklung kürzlich gewürdigt wurde: Karl Deisseroth, Peter Hegemann und Georg Nagel erhielten den Medizin-Nobelpreis 2026 für ihre Pionierarbeiten.
Hegemann und Nagel hatten Channelrhodopsine in der Grünalge Chlamydomonas identifiziert, bevor Deisseroth die Proteine ab 2005 zur gezielten Steuerung von Nervenzellen einsetzte.
Die aktuellen Resultate aus Basel und Pittsburgh demonstrieren, wie diese zellbiologischen Grundlagen nach jahrelanger Entwicklung schrittweise den Weg in therapeutische Anwendungen bei schweren Degenerationen der Netzhaut finden.
