Orthosomnie: Warum Schlaftracker und perfekte Werte die Erholung gefÀhrden
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 18:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deStrikte Abendroutinen, Schlaftracker am Handgelenk, spezielle Pflaster fĂŒr den Mund und diverse NahrungsergĂ€nzungsmittel: Der Trend zur lĂŒckenlosen Selbstoptimierung der Nachtruhe, im Englischen oft als Sleepmaxxing bezeichnet, gewinnt zunehmend an PopularitĂ€t.
Doch der Versuch, jede Schlafphase akribisch zu kontrollieren, birgt erhebliche Risiken fĂŒr die mentale und körperliche Gesundheit. Die Spanische Neurologische Gesellschaft warnt vor den Folgen dieser Entwicklung, die in einer sogenannten Orthosomnie mĂŒnden kann â einer exzessiven Sorge um den vermeintlich idealen Schlaf, die durch Messdaten oft noch verstĂ€rkt wird.
Das PhÀnomen der Orthosomnie und die Grenzen der Technik
Als Orthosomnie bezeichnen Fachleute die ungesunde Fixierung auf makellose Schlafwerte. Obwohl das Beschwerdebild bislang keine offiziell anerkannte medizinische Diagnose darstellt, gilt eine kĂŒnftige Aufnahme in das internationale Klassifikationssystem ICSD-3 als plausibel.
Wie Dr. Celia GarcĂa Malo von der Spanischen Neurologischen Gesellschaft anhand einer Untersuchung mit 523 Teilnehmenden darlegte, erfĂŒllten dort zwischen 3 % und 14 % die Kriterien fĂŒr eine Orthosomnie. Eine allgemeine PrĂ€valenz lasse sich aus diesen Zahlen jedoch nicht ableiten.
Besonders anfĂ€llig fĂŒr das PhĂ€nomen seien Perfektionisten und Menschen mit obsessiven Persönlichkeitsmerkmalen. Die permanente Erfassung von Einschlafzeiten, Aufwachphasen und Schlafstadien ĂŒber Smartwatches oder FitnessarmbĂ€nder erzeuge hĂ€ufig zusĂ€tzlichen Leistungsdruck.
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Die Spanische Neurologische Gesellschaft betont in diesem Zusammenhang, dass die SchĂ€tzungen von Wearables bezĂŒglich Tiefschlaf- und REM-Phasen deutlich von den Ergebnissen einer professionellen Polysomnographie abweichen.
Ein niedriger digitaler Wert sei kein Beleg fĂŒr eine echte Schlafstörung, wĂ€hrend ein hoher Wert bestehende Erkrankungen nicht ausschlieĂen könne. Bei gutem persönlichem Wohlbefinden sollten schlechte Tracker-Werte daher nicht ĂŒberbewertet werden.
Zweifelhafte Trends: Vom Mund-Tapen bis zu NahrungsergÀnzungsmitteln
Im Zuge des wachsenden Schlafmarktes, dessen weltweites Volumen im Vorjahr bereits ĂŒber 68 Milliarden US-Dollar erreichte, kursieren zahlreiche unzureichend belegte Praktiken. Dazu zĂ€hlt etwa das Abkleben des Mundes in der Nacht, bekannt als Mouth Taping.
Sowohl die Spanische Neurologische Gesellschaft als auch der Neurophysiologe Eduard Estivill weisen darauf hin, dass es hierfĂŒr an wissenschaftlicher Evidenz fehlt. Die Methode könne zu Hautreizungen fĂŒhren und sei insbesondere bei einer Verengung der Atemwege oder bei obstruktiver Schlafapnoe gefĂ€hrlich.
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Auch die Einnahme von frei verkÀuflichen PrÀparaten sieht die Fachgesellschaft kritisch. Melatonin sei lediglich bei konkreten circadianen Störungen wie einem Jetlag sinnvoll, eigne sich jedoch nicht als pauschales Mittel gegen Schlaflosigkeit.
FĂŒr den Nutzen von Magnesium liege bei Insomnie keine ausreichende Evidenz vor, zudem drohten Verdauungsbeschwerden. Gesunde Menschen, die gut schlafen, benötigen nach EinschĂ€tzung von Schlafmedizinern keine NahrungsergĂ€nzungsmittel.
Medizinische Empfehlungen fĂŒr eine gesunde Schlafhygiene
Experten warnen davor, dass ein Zuviel an Schlafdaten die Angst vor dem Wachliegen weiter schĂŒrt. Auch der Schlafmediziner Francisco Javier Puertas Cuesta gab zu bedenken, dass das krampfhafte Streben nach perfektem Schlaf die Erholung letztlich verschlechtern könne, da individuelle BedĂŒrfnisse zu kurz kĂ€men. Zu frĂŒhes Zubettgehen oder das kĂŒnstliche VerlĂ€ngern der Bettzeit könne eine bestehende Schlafstörung sogar noch vertiefen.
Statt kostspieliger Gadgets oder fragwĂŒrdiger Methoden empfehlen Fachgesellschaften wie die Spanische Schlafgesellschaft bewĂ€hrte Grundregeln der Schlafhygiene. Dazu zĂ€hlen mindestens sieben Stunden Schlaf fĂŒr Erwachsene, regelmĂ€Ăige Zubettgehzeiten, der Verzicht auf Bildschirme vor dem Schlafen und die Vermeidung von Stimulanzien am Abend.
Tageslicht, regelmĂ€Ăige Bewegung, eine ausgewogene ErnĂ€hrung und ein ruhiges, abgedunkeltes Zimmer bieten die verlĂ€sslichste Basis fĂŒr eine dauerhaft erholsame Nachtruhe.
