PCOS wird zu PMOS: Neuer Name rĂŒckt Stoffwechsel der Erkrankung ins Zentrum
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 09:54 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die medizinische Fachwelt richtet den Blick bei einer der hĂ€ufigsten hormonellen Störungen neu aus: Fachpublikationen diskutieren die Umbenennung des polyzystischen Ovarialsyndroms (PCOS) in das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS). Ziel dieser Neuausrichtung ist es, die metabolische Komponente des Krankheitsbildes deutlich stĂ€rker in den Vordergrund zu rĂŒcken.
Die Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte die NamensĂ€nderung im Mai 2026. An dem Schritt waren ĂŒber 50 Organisationen beteiligt, darunter die American Society for Reproductive Medicine. Laut der Endocrine Society ging der Neubenennung eine 14 Jahre wĂ€hrende globale Zusammenarbeit voraus.
Globale Einigung nach 14 Jahren Zusammenarbeit
Hinter der Anpassung steht ein breiter internationaler Konsens. An der Erarbeitung der NamensÀnderung wirkten 56 Patientenorganisationen und Fachgesellschaften mit.
Die Einigung stĂŒtzt sich auf einen Prozess mit ĂŒber 22.000 Patienten und Ărzten sowie 22.000 Umfrageantworten; eine Konsensauswertung mit 56 Organisationen und 14.360 Befragten verlagert den Schwerpunkt von der reinen Ovarialbildgebung hin zu systemischen polyendokrinen und metabolischen Merkmalen.
Im Mai 2026 wurde die Neuerung zudem auf dem European Congress of Endocrinology vorgestellt, wo Dr. Karin Schachinger von der Arbeitsgruppe GPWER GynÀkologie als Referentin auftrat.
Den AnstoĂ gaben anhaltende Probleme in der bisherigen Versorgung. Prof. Helena Teede von der Monash University argumentierte, der alte Begriff habe sich zu stark auf Ovarialzysten fokussiert und dadurch wesentliche endokrine und metabolische Merkmale verschleiert. Dies habe in der Vergangenheit zu verzögerten Diagnosen, fragmentierter Versorgung und Stigmatisierung gefĂŒhrt.
Wie Dr. Gita Pratama vom RS Pondok Indah IVF Centre darlegt, betrifft die Störung nicht allein die Eierstöcke, sondern das gesamte hormonelle und metabolische System. Zudem handle es sich bei den Befunden nicht um echte Zysten, sondern um zahlreiche kleine, unvollstÀndig ausgereifte Follikel, die sich im Ultraschall wie an einer Perlenschnur aufgereiht zeigen.
Systemische Stoffwechselstörung mit hoher Dunkelziffer
PMOS ist eine lebenslange systemische Stoffwechselstörung und keineswegs auf FertilitĂ€ts- oder Zyklusprobleme beschrĂ€nkt. Auf physiologischer Ebene kompensiert die BauchspeicheldrĂŒse eine bestehende Insulinresistenz durch eine Ăberproduktion von Insulin. Dies regt die Eierstöcke sowie die Nebennieren zu einer vermehrten AusschĂŒttung von Androgenen an.
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Infolgedessen steigen die Risiken fĂŒr eine gestörte Glukosetoleranz, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, CholesterinauffĂ€lligkeiten, kardiovaskulĂ€re Erkrankungen und Schlafapnoe beziehungsweise Schlafstörungen. Auch psychische Belastungen wie Angst, Depressionen und Essstörungen treten vermehrt auf. Dabei können auch Frauen mit normalem Körpergewicht von der metabolischen Fehlregulation betroffen sein.
Die Unterdiagnose bleibt ein gravierendes Problem, verstĂ€rkt durch DisparitĂ€ten beim Zugang zur Versorgung, bei Versicherungsleistungen sowie durch Gewichtsstigmatisierung. Laut der aktualisierten internationalen Leitlinie betrifft die Erkrankung rund eine von acht Frauen im reproduktiven Alter, was weltweit ĂŒber 170 Millionen Betroffenen entspricht (10 bis 13 Prozent).
Bis zu 70 Prozent der Betroffenen erhalten jedoch keine Diagnose. Laut der Endocrine Society liegt die PrĂ€valenz bei 7 bis 10 Prozent der Frauen im gebĂ€rfĂ€higen Alter, womit PMOS die Hauptursache fĂŒr weibliche InfertilitĂ€t darstellt. Demnach ist etwa eine von zehn Frauen betroffen; die Diagnosestellung nimmt laut Murata typischerweise zwei bis fĂŒnf Jahre in Anspruch.
Diagnostische Kriterien und therapeutische AnsÀtze
Trotz der Namensanpassung bleiben die bewĂ€hrten diagnostischen Kriterien bestehen: FĂŒr die Feststellung gelten weiterhin die Rotterdam-Kriterien aus dem Jahr 2003, nach denen mindestens zwei von drei Kriterien â Oligo- oder Anovulation, klinischer oder biochemischer Hyperandrogenismus sowie eine polyzystische Ovarialmorphologie â erfĂŒllt sein mĂŒssen.
Das Update vom Mai 2026 verĂ€ndert lediglich die Terminologie und den konzeptionellen Rahmen, wĂ€hrend klinische Empfehlungen und Inhalte der Leitlinie unverĂ€ndert bleiben. PMOS soll als Standardbegriff in die nĂ€chste internationale Leitlinie fĂŒr 2028 integriert werden; die vollstĂ€ndige EinfĂŒhrung in medizinische Kodierungssysteme und Richtlinien wird innerhalb von bis zu drei Jahren erwartet.
FĂŒr die Behandlung existiert bislang weder ein einheitliches Schema noch ein einzelnes Heilmittel, und die US-Arzneimittelbehörde FDA hat kein spezifisches Medikament fĂŒr PMOS zugelassen.
Als Erstlinientherapie gelten körperliche Bewegung, eine nÀhrstoffreiche ErnÀhrung und der Einsatz von Metformin. Eine sechsmonatige Studie mit 130 Patientinnen zeigte unter Metformin eine Senkung von BMI, Blutzucker und Insulinspiegeln.
Bis zu 70 Prozent der Betroffenen erhalten keine Diagnose â und warten im Schnitt zwei bis fĂŒnf Jahre darauf. Wer unklare Hormon- und Stoffwechselbeschwerden hat, findet in unserem kostenlosen Leitfaden die wichtigsten Warnsignale, den Diagnoseweg und konkrete Vorsorgeschritte. PMOS-Checkliste jetzt herunterladen
FĂŒr NahrungsergĂ€nzungsmittel wie Myo- oder D-Chiro-Inositol liegt bislang nur begrenzte Evidenz vor. Eine Vergleichsstudie aus dem Jahr 2024 wies zudem darauf hin, dass GLP-1-Rezeptoragonisten bei metabolischen Komplikationen wirksamer als Metformin sein können: Der Wirkstoff Tirzepatid senkte Gewicht, BMI und NĂŒchternblutzucker.
In einer zehnmonatigen Untersuchung an Frauen im Alter von 12 bis 35 Jahren fĂŒhrte Semaglutid zu einer Senkung des Testosterons um 52 Prozent sowie zu einer besseren ZyklusregelmĂ€Ăigkeit. Bei dieser Wirkstoffklasse ist jedoch zu beachten, dass sie in der Schwangerschaft gemieden und wegen verzögerter Magenentleerung zehn bis 14 Tage vor invasiven Eingriffen wie Eizellentnahmen pausiert werden soll.
