Pestizide: Leopoldina warnt vor unbefristeten Zulassungen
Veröffentlicht am: 02.06.2026 um 13:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Leopoldina sieht erhebliche Risiken fĂŒr Gesundheit und Umwelt.
Unbefristete Zulassungen statt regelmĂ€Ăiger PrĂŒfungen
Die PlĂ€ne der EU-Kommission könnten den Pflanzenschutz in Europa grundlegend verĂ€ndern. Statt Wirkstoffe wie bisher fĂŒr sieben bis fĂŒnfzehn Jahre zu genehmigen, sollen sie kĂŒnftig unbefristet auf dem Markt bleiben dĂŒrfen. Die regelmĂ€Ăige Neubewertung wĂŒrde damit entfallen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina Ă€uĂerte in einer Analyse vom Juni 2026 erhebliche Bedenken. Ohne feste ĂberprĂŒfungszyklen drohten neue Erkenntnisse zu Langzeitfolgen nicht mehr in die Sicherheitsstandards einzuflieĂen. Konkret nennen die Wissenschaftler die Anreicherung von TrifluoressigsĂ€ure (TFA) im Trinkwasser oder die SchĂ€digung von Bodenorganismen.
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Besonders gefĂ€hrdet wĂ€ren demnach Kinder und Schwangere â die regelmĂ€Ăige gesundheitliche Kontrolle wĂŒrde seltener.
ZusĂ€tzlich plant die EU-Kommission, die Abverkaufsfristen fĂŒr bereits zugelassene Pestizide zu verlĂ€ngern. Statt wie bisher 1,5 Jahre sollen HĂ€ndler kĂŒnftig drei Jahre Zeit haben, um RestbestĂ€nde zu verkaufen. Das verlĂ€ngert die Verweildauer ausgemusterter Substanzen in der Umwelt und der Nahrungskette.
Globale Giftigkeit steigt â 2030-Ziel in Gefahr
Die Debatte um die EU-PlÀne fÀllt zusammen mit alarmierenden Forschungsergebnissen. Eine im Juni 2026 im Fachjournal Science veröffentlichte Studie der RPTU Kaiserslautern-Landau untersuchte den weltweiten Einsatz von 625 Wirkstoffen zwischen 2013 und 2019. Das Ergebnis: Die GesamttoxizitÀt der ausgebrachten Pestizide ist drastisch gestiegen.
Damit entfernt sich die internationale Gemeinschaft weiter von den UN-BiodiversitÀtszielen der COP15 von 2022. Diese sehen eine Halbierung des Pestizidrisikos bis 2030 vor.
Hauptverantwortlich fĂŒr den Anstieg sind Brasilien, China, die USA und Indien. Rund 80 Prozent der weltweiten ToxizitĂ€t entfallen auf den Anbau von Obst, GemĂŒse, Mais, Soja, Getreide und Reis. Einzig Chile liegt laut Studie auf Kurs, die 2030-Ziele zu erreichen.
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Glyphosat-Studie zurĂŒckgezogen â Lehren aus der Vergangenheit
Die aktuellen VorschlĂ€ge werfen ein Schlaglicht auf frĂŒhere Fehlentscheidungen. Die EU-Zulassung fĂŒr Glyphosat lĂ€uft Ende 2033 aus. Eine zentrale Studie aus dem Jahr 2000, die die Unbedenklichkeit des Mittels belegte, wurde Ende 2025 offiziell zurĂŒckgezogen. Der Fall zeigt: Neue Methoden und Daten machen regelmĂ€Ăige Neubewertungen unverzichtbar.
Parallel dazu haben Umweltorganisationen in Frankreich im Mai 2026 Klage eingereicht. Sie werfen dem Staat vor, seine Schutzpflicht gegenĂŒber BĂŒrgern vor PFAS-Chemikalien â sogenannten âEwigkeitschemikalienâ â verletzt zu haben. Zwar hat Frankreich 2026 Verbote fĂŒr PFAS in Kosmetik und Textilien erlassen, die KlĂ€ger fordern jedoch einen vollstĂ€ndigen Emissionsstopp und die Anwendung des Verursacherprinzips.
Biologische Alternativen: Fortschritt mit HĂŒrden
WÀhrend die Regulierung neu justiert wird, forschen Institute an Alternativen zu synthetischen Pestiziden. Das AIT Austrian Institute of Technology entwickelt mikrobielle Lösungen, die Pflanzen widerstandsfÀhiger gegen Stress und Krankheiten machen sollen. Diese Innovationen passen zum EU-Green-Deal-Ziel, den Pestizideinsatz bis 2030 zu halbieren.
Konkrete Projekte zeigen erste Erfolge:
- Biostimulanzien: Das lizenzierte Mittel âBiotrinsic W10â verbessert die Trockentoleranz von Mais.
- Biopestizide: Das produkt âKLA5-2â wird gegen Pilzerkrankungen getestet.
- Integrierte Modelle: In Vietnam lĂ€uft seit 2025 ein Pilotprojekt auf 13 Hektar. Organische DĂŒnger und biologische SchĂ€dlingsbekĂ€mpfung halten die Reisernten stabil â ohne Wachstumsstimulanzien und ĂŒbermĂ€Ăigen Pestizideinsatz.
Doch der Weg zur Marktreife ist lang. Die Zulassung neuer biologischer Lösungen dauert derzeit fĂŒnf bis sieben Jahre. Und die Ausgangslage ist herausfordernd: 70 Prozent der EU-Böden enthalten laut Umweltstudien PestizidrĂŒckstĂ€nde. Der Umbau der Landwirtschaft wird dauern â selbst wenn die Politik jetzt die Weichen stellt.
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