Pflegefälle: Laut Altersmedizinerin könnte ein Drittel verhindert werden
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deEin beträchtlicher Teil künftiger Pflegebedürftigkeit ließe sich nach Ansicht von Fachleuten abwenden. Cristina Polidori von der Altersmedizin an der Universität Köln schätzt in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass ein Drittel der Pflegefälle vermieden oder zumindest um Jahre hinausgezögert werden könnte.
Bislang handelt es sich hierbei um eine fachliche Einschätzung ohne konkrete statistische Gesamtzahlen. Zugleich warnt die Medizinerin davor, dass die bestehenden Gesundheitssysteme der Vielschichtigkeit und Komplexität älterer Menschen derzeit nicht gewachsen seien.
Während die maximale dokumentierte menschliche Lebensspanne bei gut 122 Jahren liege – aufgestellt durch die am 4. August 1997 verstorbene Jeanne Calment –, sei die individuelle Lebenserwartung im Gegensatz dazu aktiv beeinflussbar, betont Polidori.
Die demografische Verschiebung zeigt sich unter anderem in Italien: Dort stieg die Zahl der Hundertjährigen von rund 5.000 im Jahr 1992 im Rahmen der IMUSCE-Studie auf knapp 25.000 in der Gegenwart. Weltweit waren im Jahr 2020 rund eine Milliarde Menschen mindestens 60 Jahre alt; diese Gruppe soll laut Prognosen bis 2030 auf 1,4 Milliarden und bis 2050 auf 2,1 Milliarden anwachsen.
Wachsende Belastung für das Pflegesystem
Für Deutschland zeichnen die aktuellen Entwicklungen erhebliche Versorgungsengpässe vor. Polidori verweist darauf, dass aktuell sechs Millionen Menschen als pflegebedürftig gelten. Bis zum Jahr 2050 sei mit mindestens acht Millionen, eher aber mit neun Millionen Betroffenen zu rechnen.
Um diesen Bedarf abzufedern, würden zwischen 700.000 und 800.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt. Auch die finanzielle Lage steht unter Druck: Aus dem Krankenhausreport 2025 geht hervor, dass Gesundheitsausgaben in Höhe von 540 Milliarden Euro den damaligen Staatseinnahmen von 440 Milliarden Euro gegenüberstanden.
Vor überzogenen Versprechungen im Bereich der Langlebigkeit warnt Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Das Altern dürfe nicht als Krankheit eingestuft werden. Für viele als Verjüngungsmittel angebotene Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine oder experimentelle Peptide existiere kein belastbarer Nachweis einer lebensverlängernden Wirkung beim Menschen.
Als wissenschaftlich gesichert gelten Denkinger zufolge hingegen eine ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf das Rauchen, wenig Alkohol, Impfungen, regelmäßige Früherkennung sowie gezieltes Ausdauer- und Krafttraining für die Beine kombiniert mit Gleichgewichtsübungen.
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Bewegung und soziale Einbindung als Schutzfaktoren
Die Wirkung gezielter Aktivität belegt unter anderem die sogenannte LIFE-Studie. Bei mehr als 1.600 untersuchten, körperlich eingeschränkten und zuvor wenig aktiven Menschen im Alter von 70 bis 89 Jahren zeigte sich, dass strukturierte Bewegungsprogramme die Selbstständigkeit sichern können. Bei etwa jedem 19. Studienteilnehmer konnte dadurch der vollständige Verlust der Gehfähigkeit abgewendet werden.
Neben körperlicher Bewegung spielt die gesellschaftliche Teilhabe eine zentrale Rolle beim Erhalt der geistigen und physischen Verfassung. Studien weisen darauf hin, dass soziale Isolation den größten Risikofaktor für ein langes Leben darstellt – noch vor Übergewicht und Alkoholismus.
Einsamkeit erhöht das Risiko für einen Herzinfarkt um 29 Prozent und das für einen Schlaganfall um 32 Prozent. Fehlende soziale Reize mindern die Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn, was das Demenzrisiko erhöht oder das Fortschreiten bestehender Erkrankungen beschleunigen kann.
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Laut einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2025 sind weltweit rund 16 Prozent der Menschen – also einer von sechs – von Einsamkeit betroffen, was Wohlbefinden und Lebensdauer maßgeblich schmälert. Um dem entgegenzuwirken, empfehlen Soziologen wie Claus Wendt von der Universität Siegen die schrittweise Kontaktaufnahme über Vereine, Lesezirkel oder Nachbarschaftstreffen.
Zur Entlastung können auch Haustiere beitragen, da sie Stress lindern und Blutdruck- sowie Pulswerte senken können; künstliche Tierroboter stellen hierfür allerdings keinen vollwertigen Ersatz dar. Im Pflegealltag stützt eine aktive Freizeitgestaltung wie Singen oder Spaziergänge die Selbstständigkeit nachhaltig.
