Pflegende Angehörige: 29 Studien zeigen mehr Depressionen und Angstzustände
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 05:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Pflegende Angehörige tragen eine erhebliche Last bei der Versorgung hilfebedürftiger Menschen, vernachlässigen dabei jedoch häufig die eigene seelische Gesundheit. Eine in der Fachzeitschrift Psychology & Health erschienene internationale Überblicksarbeit von Erstautorin Hannah Isaac von der Universität Sydney verdeutlicht diese Problematik.
Die Analyse von 29 Studien aus Europa, den USA, Kanada und Australien über einen Zeitraum von 20 Jahren und mit Daten von über 81.000 pflegenden Angehörigen zeigt, dass Depressionen und Angstzustände bei dieser Gruppe deutlich häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung.
Zugleich besteht eine erhebliche Kluft zwischen dem Bedarf an Hilfen und deren tatsächlicher Inanspruchnahme. Laut den Studiendaten wünscht sich jede dritte pflegende Person eine Beratung über Unterstützungsleistungen, doch weniger als jede sechste nahm entsprechende Angebote wahr.
Ähnlich gestaltet sich das Bild bei staatlichen Maßnahmen wie nationalen Telefonhotlines oder krankheitsspezifischen Informationen: Während 40 Prozent der Befragten daran interessiert sind, griffen lediglich 10 Prozent darauf zurück.
In Deutschland können Betroffene etwa das anonyme Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums unter 030 20 17 91 31 von Montag bis Donnerstag zwischen 9 und 18 Uhr erreichen.
Die Dynamik der Belastung und zentrale Stressfaktoren
Die Dimension der häuslichen Pflege ist beträchtlich. In Deutschland wurden im Jahr 2023 laut Pflegestatistik rund 4,9 Millionen Menschen zu Hause versorgt; die Zahl der pflegenden Angehörigen liegt nach einer dpa-Schätzung bei 7,1 Millionen.
Welche Faktoren die Betroffenen am stärksten fordern, untersuchten Forscher der Universität Wien und der KL Krems anhand repräsentativer Daten von 2.352 erwachsenen Pflegenden in Österreich, wo 70 Prozent aller Pflegebedürftigen im Familienkreis betreut werden. Die Erstautorin Ana Cartaxo und Studienautorin Hanna Mayer identifizierten 45 Stressfaktoren.
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Unter diesen sogenannten „Big Five“ steht der eigene Gesundheitszustand der Pflegenden an erster Stelle, gefolgt von Verhaltensproblemen der Pflegebedürftigen, einer hohen Frequenz direkter Pflegemaßnahmen, der Zeitintensität der Pflege sowie einer höheren Pflegeabhängigkeit. Der eigene Gesundheitszustand übt dabei den stärksten Einfluss aus und kann eine negative Abwärtsspirale in Gang setzen.
Auch Hilfsorganisationen sehen dringenden Handlungsbedarf. Anlässlich des Internationalen Tags der älteren Menschen wies die Diakonie darauf hin, dass in Österreich rund 80 Prozent der pflegebedürftigen Personen zu Hause betreut werden – zu fast 70 Prozent von Frauen, überwiegend im Alter zwischen 56 und 65 Jahren.
Einer Umfrage des Market-Instituts im Auftrag der Diakonie zufolge weiß jeder zweite Österreicher im Ernstfall nicht, an wen er sich wenden kann. Zwei Drittel der Befragten halten die staatliche Unterstützung für unzureichend.
Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser forderte gut erreichbare Anlaufstellen wie sogenannte Community Nurses oder das Konzept des Social Prescribing in Hausarztpraxen. Über die Aktion „Die Diakonie hört hin“ sammelt die Organisation derzeit entsprechende Pflegeerfahrungen.
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Besondere Herausforderungen für junge Pflegende
Unter den Betroffenen befinden sich auch junge Menschen, sogenannte Young Carer. Der Kabarettist Martin Frank übernahm beispielsweise mit 19 Jahren die Pflege seiner Großmutter nach einem Schlaganfall sowie seiner dementen Großtante über einen Zeitraum von fünf Jahren; die seelische Belastung manifestierte sich später in Form von Neurodermitis.
Zu den typischen Folgen bei jungen Pflegenden zählen depressive Verstimmungen, Ängste, Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme. Die Kinderfachklinik Bad Sassendorf der Johanniter bietet seit 2022 Rehabilitationsmaßnahmen für diese Zielgruppe an – wurden im ersten Jahr vier Betroffene behandelt, stieg die Zahl bis 2025 auf 34. Hilfsangebote wie pausentaste.de oder die kostenlose „Nummer gegen Kummer“ unter 116.111 bieten niedrigschwellige Kontakte.
Versorgungsstrukturen und Initiativen
Berufsverbände mahnen derweil strukturelle Verbesserungen an. Der Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) fordert den Erhalt des Direktzugangs zur ambulanten Psychotherapie ohne ärztliche Überweisung, eine vollständige extrabudgetäre Vergütung aller ambulanten Leistungen sowie den Abbau von Bürokratie.
Nur so könne verhindert werden, dass sich Erschöpfung und Depressionen bei Pflegenden chronifizieren. Ärztliche Psychotherapeuten in Bielefeld warnten davor, dass Budgetdeckelungen in der Gesundheitsreform Praxen gefährden und eine frühzeitige Versorgung verhindern könnten.
Um die gesellschaftliche Wahrnehmung zu stärken, findet vom 5. bis 11. Oktober 2026 in Niedersachsen die 2. Woche der pflegenden Angehörigen unter dem Motto „Wer pflegt dich?“ mit über 100 Veranstaltungen statt.
Den Auftakt bildet eine Veranstaltung im Leibnizhaus Hannover mit einem Grußwort von Sozialminister Dr. Andreas Philippi, während Landtagspräsidentin Hanna Naber im Niedersächsischen Landtag eine Ausstellung zur häuslichen Pflege eröffnet.
