Pflegende, Angehörige

Pflegende Angehörige: 29 Studien zeigen mehr psychische Erkrankungen

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 22:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien zeigen WissenslĂŒcken und hohe psychische Belastungen bei Angehörigen; frĂŒhe AbklĂ€rung und verĂ€nderbare Risikofaktoren stehen im Mittelpunkt.
Ein leerer Stuhl in einem sonnendurchfluteten, ruhigen Wohnraum als Symbol fĂŒr hĂ€usliche VerĂ€nderung und Achtsamkeit. Illustration mit AI erstellt.

Untersuchungen und Berichte verdeutlichen die weite Verbreitung von Demenzerfahrungen im familiĂ€ren Umfeld sowie die Dringlichkeit, GedĂ€chtnisverĂ€nderungen frĂŒhzeitig zu erkennen. Da kognitive BeeintrĂ€chtigungen das Zusammenleben grundlegend verĂ€ndern, rĂŒcken sowohl prĂ€ventive AnsĂ€tze als auch die Belastungen der pflegenden Familienmitglieder verstĂ€rkt in den Fokus von Medizin und Pflegepraxis.

FrĂŒhe Signale und diagnostische Einordnung

GedÀchtnisprobleme im Alltag sind nicht zwangslÀufig mit einer Demenz gleichzusetzen. Der Neurowissenschaftler Lukas Kunz vom UniversitÀtsklinikum Bonn betont, dass auch Schlafmangel, Depressionen oder Medikamente als Auslöser infrage kommen. Eine Àrztliche AbklÀrung sei jedoch dringend geboten, wenn Vergesslichkeit neu auftrete, zunehme oder den Alltag beeintrÀchtige.

Typische Warnzeichen seien das hÀufige Wiederholen derselben Fragen, das Vergessen von Absprachen sowie Orientierungslosigkeit auf gewohnten Wegen. Auch Tang Yi vom Xuanwu-Krankenhaus in China verweist auf ein langes Interventionsfenster: Der zugrunde liegende Krankheitsprozess beginne oft bereits 10 bis 20 Jahre vor dem Auftreten erster Symptome.

Zu den Risikosignalen zÀhlen laut dem Mediziner wiederholte Fragen, Schwierigkeiten bei vertrauten Aufgaben, Sprachverschlechterungen und VerhaltensÀnderungen. Weltweit erkranke alle 3 Sekunden ein Mensch an einer kognitiven Störung; die Alzheimer-Krankheit mache dabei 60 bis 80 Prozent aller DemenzfÀlle aus.

Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Neurologie und die Gesellschaft fĂŒr Neuropsychologie ĂŒberarbeiteten unter der FederfĂŒhrung von Dr. Angelika Thöne-Otto die S2e-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von GedĂ€chtnisstörungen.

Die Deutsche Hirnstiftung beschreibt Demenz als Oberbegriff fĂŒr Erkrankungen mit BeeintrĂ€chtigungen von GedĂ€chtnis, Orientierung, Sprache, Denken und Urteilsvermögen. Empfohlen wird, VerĂ€nderungen konkret zu beobachten, statt vorschnelle Diagnosen zu stellen, sowie im Alltag klare Aufforderungen und verlĂ€ssliche Routinen zu etablieren.

PrÀvention und individuelle Förderung

Trotz genetischer Faktoren gibt es Möglichkeiten zur Gegensteuerung. Projektleiterin Natalja Russakowa hob hervor, dass bis zu 45 Prozent der DemenzfÀlle durch die Beeinflussung verÀnderbarer Risikofaktoren vermeidbar oder verzögerbar seien.

Tang Yi empfiehlt kognitive Vorsorgeuntersuchungen ab dem 60. Lebensjahr sowie ab 50 Jahren bei Vorliegen von Risikofaktoren. PrĂ€ventiv stĂŒtzt sich dies auf sechs SĂ€ulen: ErnĂ€hrung, Bewegung, Schlaf, soziale Kontakte, kognitives Training sowie das Management chronischer Krankheiten.

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Lukas Kunz fĂŒhrt an, dass sich die GedĂ€chtnisleistung durch aktives Abrufen und verteiltes Lernen verbessern lasse. Kommerzielles Gehirntraining bleibe oft auf die konkret geĂŒbte Aufgabe beschrĂ€nkt, wĂ€hrend Bewegung, soziale Begegnungen und das Erlernen neuer Inhalte die geistige Verfassung stĂŒtzen könnten.

Belastungen und Informationsdefizite im Pflegealltag

Erfahrungen mit Demenz sind in vielen Familien prÀsent, oft jedoch von Unwissenheit begleitet. Eine Umfrage aus dem Sommer 2026 im Rahmen eines Projekts in Tatarstan zeigte, dass jeder dritte Einwohner der Region Demenz im Kreis der Angehörigen erlebt hat.

Gleichzeitig gaben 24 Prozent der Befragten an, keine Maßnahmen zur PrĂ€vention bei Ă€lteren Familienmitgliedern zu ergreifen, und 29 Prozent trafen keine vorkehrungen fĂŒr sich selbst.

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Lediglich 11 Prozent kannten konkrete Methoden zur Erkennung von Demenzzeichen. Zudem berichteten 85 Prozent der Befragten mit Pflegeerfahrung von Informationsschwierigkeiten, wÀhrend 79 Prozent Burnout und Erschöpfung erlebten.

Diese Belastungsmuster bestĂ€tigen internationale Erhebungen. Ein australisches Forscherteam um Erstautorin Hannah Isaac von der UniversitĂ€t Sydney wertete 29 Studien mit weltweit ĂŒber 81.000 pflegenden Angehörigen aus. Das in der Fachzeitschrift Psychology & Health veröffentlichte Ergebnis belegt, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen und AngstzustĂ€nde unter pflegenden Familienmitgliedern hĂ€ufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung.

Zugleich besteht eine Briefmarke bei der Inanspruchnahme von Hilfen: WĂ€hrend sich jede dritte pflegende Person Beratung wĂŒnschte, nahm weniger als jede sechste ein entsprechendes Angebot wahr.

An staatlicher UnterstĂŒtzung zeigten sich 40 Prozent interessiert, genutzt wurde sie jedoch nur von 10 Prozent. In Deutschland wurden laut Pflegestatistik im Jahr 2023 rund 4,9 Millionen Menschen zu Hause versorgt, wĂ€hrend SchĂ€tzungen von rund 7,1 Millionen pflegenden Angehörigen ausgehen.

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