Pflegepersonen, Hilfe-Lücke

Pflegepersonen: 81.000er-Studie zeigt massive Hilfe-Lücke auf

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 00:21 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine internationale Studienauswertung zeigt: Viele pflegende Angehörige wünschen Unterstützung, nutzen vorhandene Beratungs- und Hilfsangebote aber selten.

Pflege zu Hause: Große Lücke bei Beratung und staatlicher Hilfe
Ein sonnendurchflutetes Wohnzimmer mit einem bequemen Sessel und einem Beistelltisch in einer häuslichen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Pflegende Angehörige bilden das Rückgrat der häuslichen Versorgung, greifen jedoch nur selten auf bestehende Hilfs- und Informationsangebote zurück. Eine umfassende Auswertung von 29 Studien durch die Universität Sydney zeigt nun eine deutliche Diskrepanz zwischen dem bestehenden Bedarf und der tatsächlichen Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen.

Die in der Fachzeitschrift „Psychology & Health“ veröffentlichte Analyse unter der Erstautorin Hannah Isaac fasst Daten von mehr als 81.000 pflegenden Angehörigen aus Europa, den USA, Kanada und Australien über einen Zeitraum von 20 Jahren zusammen.

Demnach wünscht sich jede dritte pflegende Person eine fachliche Beratung, allerdings nimmt weniger als jede sechste ein entsprechendes Angebot in Anspruch. Noch ausgeprägter ist die Lücke bei staatlichen Hilfen wie Telefonhotlines: Zwar bekundeten 40 Prozent der Befragten Interesse an diesen Formaten, genutzt wurden sie jedoch lediglich von 10 Prozent.

Häusliche Pflege dominiert die Versorgungsrealität

Die Relevanz dieser Ergebnisse spiegelt sich auch in der Versorgungsstruktur in Deutschland wider. Im Jahr 2023 wurden hierzulande rund 4,9 Millionen Pflegebedürftige im eigenen Zuhause betreut. Nach Schätzungen übernehmen bundesweit etwa 7,1 Millionen pflegende Angehörige diese Aufgaben.

Regionale Erhebungen verdeutlichen das Ausmaß der privaten Belastung. Im Rhein-Sieg-Kreis gibt es rund 45.000 Pflegebedürftige, von denen 89 Prozent von Angehörigen versorgt werden. 66 Prozent der Betroffenen kommen dabei vollständig ohne professionellen Pflegedienst aus. Vor Ort reagieren Wohlfahrtsverbände mit dem Ausbau niedrigschwelliger Angebote: So richtete der Caritasverband Rhein-Sieg ein neues Pflegeberatungsbüro in Much (Kleverhof) ein.

Gleichzeitig übt der Verband Kritik an gesundheitspolitischen Vorhaben. Anstoß nimmt die Organisation am Referentenentwurf für das Pflege-Neuausrichtungs- und Optimierungsgesetz (PNOG). Der Verband befürchtet unter anderem, dass die Pflegeberatung an Kostenträger ausgelagert werden solle und Tarifpflichten für Pflegebeschäftigte ausgesetzt werden könnten.

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Nach dem seit 2022 gültigen Tarif des Caritasverbands Rhein-Sieg starten Fachkräfte bei einem Einstiegsgehalt von monatlich rund 3.500 Euro brutto. In den sieben Einrichtungen des Verbands liegt das Durchschnittsalter der Beschäftigten aktuell bei 58 Jahren.

Politische Reformpläne und Haushaltsdebatten

Der PNOG-Referentenentwurf aus dem Juni 2026 sieht ab Januar 2027 eine grundlegende Neustrukturierung der Leistungen vor. So soll die Verhinderungspflege als eigenständige Leistung abgeschafft und in vier neu gegliederte Budgets überführt werden. Seit dem 1. Juli 2025 gilt für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege noch ein gemeinsamer Jahresbetrag von bis zu 3.539 Euro.

Nach den Regierungsplänen sollen die neuen Budgets gestaffelt nach den Pflegegraden 2, 3, 4 und 5 greifen:
- Sachleistungen: 889 Euro, 1.590 Euro, 2.089 Euro sowie 2.529 Euro pro Monat
- Entlastungsbudget: 386 Euro, 638 Euro, 889 Euro sowie 1.079 Euro pro Monat
- Sozialraumbudget: monatlich 175 Euro (für Personen unter 25 Jahren 300 Euro)
- Überbrückungsbudget: 1.855 Euro (Pflegegrade 2 und 3) beziehungsweise 2.285 Euro (Pflegegrade 4 und 5) pro Jahr

Die Reform trifft auf eine angespannte Haushaltslage. Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann, der das Amt am 29. Juli 2026 als Nachfolger von Nina Warken übernahm, plant eine Strukturkommission für die Pflegereform 2027. Linnemann bezifferte die Zahl der Pflegebedürftigen auf aktuell über sechs Millionen und prognostizierte bis 2050 einen Anstieg auf rund 7,5 Millionen.

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Der Einzelplan 15 des Bundeshaushalts für 2027 umfasst rund 14,33 Milliarden Euro. Nach Angaben des Ministers fehlen für das Jahr 2027 ohne Gegenmaßnahmen rund acht Milliarden Euro.

Neue Ansätze in Ausbildung und Gemeindeversorgung

Parallel zu den gesetzlichen Regelungen rücken Initiativen zur Stärkung der regionalen Versorgung in den Fokus. Die Hochschule Hannover eröffnete den in Niedersachsen bislang einzigartigen Masterstudiengang „Erweiterte Pflegepraxis ANP/CHN“.

Der Regionalverband DBfK Nordwest fordert eine feste Verankerung solcher Community Health Nurses im Gesundheitssystem. Erste Modellprojekte laufen bereits: Im Raum Bremervörde/Zeven ist seit Juli 2025 die Fachkraft Miriam Steens als Community Health Nurse tätig und unterstützt dort unter anderem die Demenz-Versorgung vor Ort.

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