Pflegeversicherung: Für 2027 fehlen laut Prognose rund 10 Milliarden Euro
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der politischen Auseinandersetzung um die Zukunft der Pflegeversicherung zeichnen sich tiefgreifende Konflikte zwischen den Koalitionspartnern ab. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann warnte in Berichten vom September 2026 vor einer unfairen Verteilung der Reformkosten. Diese dürften nicht einseitig zu Lasten der Pflegebedürftigen, der Beitragszahlenden und der Kommunen gehen. Haßelmann forderte eine strukturelle Stabilisierung des Systems sowie eine Begrenzung der steigenden Eigenanteile in der stationären Langzeitpflege.
Finanzieller Druck durch steigende Eigenanteile und Defizite
Die finanzielle Lage der sozialen Pflegeversicherung hat sich zuletzt deutlich verschlechtert. Laut Daten des vdek belief sich der bundesweite Eigenanteil im ersten Heimjahr zum 1. Juli 2026 auf durchschnittlich 3.364 Euro pro Monat. Dies entspricht einer Steigerung von 256 Euro gegenüber dem Vorjahr.
Von den Gesamtkosten entfielen im Durchschnitt 1.775 Euro auf die reinen Pflegekosten, während 1.607 Euro für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen aufgewendet werden mussten.
Der GKV-Spitzenverband bezifferte das für Ende 2026 erwartete Defizit der Pflegeversicherung auf 4,4 Milliarden Euro. In dieser Kalkulation ist ein Bundesdarlehen in Höhe von 3,2 Milliarden Euro bereits enthalten; ohne diese Mittel läge die Unterdeckung deutlich höher.
Für das Jahr 2027 wird ein zusätzlicher Finanzbedarf von rund 10 Milliarden Euro erwartet. Laut AOK-Chefin Carola Reimann sei ohne eine rasche Stabilisierung eine Erhöhung der Beiträge kaum zu vermeiden.
Kontroversen um den SPD-Pflegedeckel und Einsparpläne
Innerhalb der Regierung sorgt ein Konzept der SPD für Spannungen. Der saarländische Gesundheitsminister Magnus Jung legte laut Berichten vom 27. September 2026 einen Entwurf vor, der den monatlichen Eigenanteil für Heimbewohner zunächst auf 1.500 Euro begrenzen soll.
Der durchschnittliche Eigenanteil im ersten Heimjahr liegt laut vdek bei 3.364 Euro monatlich — 256 Euro mehr als im Vorjahr. Ein Entwurf aus der SPD will diesen Betrag auf 1.500 Euro begrenzen, ist aber noch nicht beschlossen. Wer die Zahlen und offenen Fragen einordnen will, findet im kostenlosen Report die wichtigsten Punkte. Kostenlosen Pflege-Report anfordern
Ein solcher „Pflegedeckel“ könnte die persönlichen Kosten im ersten Aufenthaltsjahr um etwa 275 Euro pro Monat senken. Die Kosten für den ersten Schritt dieses Modells werden auf jährlich 1 Milliarde Euro geschätzt, während eine zweite Stufe mit weiteren Zuschüssen rund 3 Milliarden Euro beanspruchen würde.
Gesundheitsminister Carsten Linnemann lehnte diesen Vorschlag ab und verwies auf die jährlichen Gesamtausgaben der Pflegeversicherung von rund 74 Milliarden Euro sowie einen Sparbedarf von 8 Milliarden Euro für das kommende Jahr. Linnemanns eigener Entwurf sieht vor, das Milliardendefizit für 2027 etwa zur Hälfte durch Beitragsanhebungen und zur Hälfte durch Kürzungen zu decken.
Geplant sind unter anderem strengere Einstufungen bei den Pflegegraden und Einschränkungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern. Die SPD-Fraktion unter Matthias Miersch drohte daraufhin an, das Pflegereformgesetz zu blockieren, sollte es sich um ein reines Kürzungspaket handeln.
Strukturelle Forderungen zur langfristigen Stabilisierung
Neben der Deckelung der Eigenanteile forderte Britta Haßelmann einen fairen Ausgleich zwischen der gesetzlichen und der privaten Pflegeversicherung. Versicherte in der privaten Vorsorge würden bei gleichen Leistungsansprüchen häufig geringere Beiträge zahlen. Diese Forderung nach einem Finanzausgleich wurde auch von der AOK unterstützt, da die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen im privaten Sektor deutlich geringer ausfalle.
Für 2027 wird in der Pflegeversicherung ein zusätzlicher Finanzbedarf von rund 10 Milliarden Euro erwartet. Diskutiert werden strengere Pflegegradeinstufungen und Einschränkungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern — beschlossen ist nichts. Dieser Leitfaden zeigt, welche Ansprüche heute gelten und welche Schritte Angehörige vorbereiten können. Leitfaden zu Pflegeansprüchen jetzt sichern
Zudem sprachen sich sowohl die AOK als auch der GKV-Spitzenverband dafür aus, versicherungsfremde Leistungen wie die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige künftig aus Steuermitteln statt aus Beitragsgeldern zu finanzieren. Hierbei geht es um ein Volumen von rund 5 Milliarden Euro. Minister Linnemann signalisierte in diesem Zusammenhang bereits Bereitschaft, geplante Kürzungen bei der Rentenabsicherung pflegender Angehöriger zurückzunehmen.
Ohne grundlegende Reformen prognostizieren Experten eine drastische Belastung der Lohnnebenkosten. Ein vorliegender Entwurf zeigt für das Jahr 2029 ein potenzielles Defizit von fast 17 Milliarden Euro auf. Dies könnte dazu führen, dass die Gesamtbeitragsbelastung bis 2029 auf 47 % des Bruttolohns steigt, verglichen mit etwa 43 % im aktuellen Zeitraum.
