Phagentherapie, Leitlinie

Phagentherapie: Erste Leitlinie umfasst 60 Empfehlungen gegen resistente Keime

Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 21:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die neue Leitlinie ordnet den individuellen Phageneinsatz ein; klinische Hinweise sind ermutigend, belastbare kontrollierte Daten jedoch begrenzt.
Petrischale mit Bakterienkulturen in einem sterilen Laborumfeld. Illustration mit AI erstellt.

Wenn gängige Antibiotika gegen bakterielle Infektionen ihre Wirkung verlieren, stehen Mediziner vor erheblichen Herausforderungen. Als Behandlungsoption in solchen Fällen rückt die Phagentherapie zunehmend in den Fokus.

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie wurde erstmals eine Leitlinie zu dieser Behandlungsform vorgelegt, die insgesamt 60 Empfehlungen umfasst. Ziel des Werks ist es, Standards für den Einsatz der biologischen Erregerbekämpfung zu definieren, wenn herkömmliche antibakterielle Mittel versagen.

Personalisierte Viren gegen Problemkeime

Bei Phagen handelt es sich um spezialisierte Viren, die Bakterien zielgerichtet infizieren und abtöten. Wie die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie darlegt, lässt sich dieses Prinzip jedoch nicht als pauschale Standardtherapie anwenden.

Die Behandlung muss vielmehr individuell auf den einzelnen Patienten sowie den jeweiligen Erregerstamm abgestimmt werden. Eine internationale Expertengruppe hebt hervor, dass die Phagen exakt zum aktuellen Bakterienstamm passen müssen. Da sich die bakterielle Empfindlichkeit kontinuierlich verändern kann, stellt sie in der Praxis ein bewegliches Ziel dar.

Hauptautorin Silvia Würstle vom Uniklinikum Frankfurt dämpft überzogene Erwartungen und betont, dass Phagen keine Wunderwaffen seien. Gleichzeitig belegen klinische Untersuchungen das Potenzial der Methode: In einer belgischen Erhebung von 100 aufeinanderfolgenden Fällen führte die Anwendung bei ungefähr 70 Prozent der Patienten zu einer klinischen Verbesserung.

Klinische Erfahrungen aus Frankfurt und Belgien zeigen nach Angaben einer internationalen Expertengruppe ermutigende Resultate bei Infektionen mit therapieresistenten Stämmen von Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus.

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Anwendungsgebiete und Herstellung in der Apotheke

Nach Angaben des Uniklinikums Frankfurt beschränkt sich die aktuelle Therapierbarkeit vor allem auf die Erreger Pseudomonas und Staphylococcus aureus. Die Verabreichung kann dabei je nach Krankheitsbild über die Vene, als Nasenspray oder in Form eines sterilen Hydrogels erfolgen.

Hinsichtlich der praktischen Umsetzung bewertet die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie die individuelle Herstellung der Präparate in der Apotheke als praktikabler im Vergleich zu einer industriellen Produktion. Zugleich warnt die Fachgesellschaft ausdrücklich vor gefährlichen Phagenprodukten, die über das Internet vertrieben werden.

Risiken, Nebenwirkungen und Evidenzlücke

Trotz der Behandlungserfolge birgt die Phagentherapie spezifische Risiken. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie können pyrogene Bestandteile der Präparate Nebenwirkungen wie Fieber und Entzündungsreaktionen hervorrufen. Zudem treten regelmäßig bakterielle Resistenzen gegen die verabreichten Phagen auf, was den engmaschigen Anpassungsbedarf der Behandlung unterstreicht.

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Eine methodische Herausforderung bleibt die wissenschaftliche Datenbasis. Wie eine internationale Expertengruppe feststellt, sind robuste kontrollierte klinische Daten bislang dünn gesät. Dennoch befürworten Experten die Etablierung von Leitlinien und Registern bereits vor dem Vorliegen umfassender Evidenz.

Der Grund liegt in der Dringlichkeit der klinischen Realität: Bei schweren multiresistenten Infektionen verbleibt den betroffenen Patienten oft keine Zeit, um das Ende jahrezehntelanger randomisierter Studien abzuwarten.

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