Phishing-Industrie: FBI zerschlägt Plattform mit 3,87 Mio. Kartendaten
Veröffentlicht am: 04.08.2026 um 17:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Internationale Ermittler haben mehrere große Phishing-Dienste im Netz lahmgelegt. Die Aktionen richten sich gegen eine zunehmend industrialisierte Cyberkriminalität, die auch deutsche Unternehmen und Verbraucher bedroht.
„Operation Ghost Hook": FBI zerschlägt „Outsider"-Netzwerk
Unter dem Codenamen „Operation Ghost Hook" haben das FBI, Google und der IT-Dienstleister Lumen die PhaaS-Plattform „Outsider" (Phishing-as-a-Service) abgeschaltet. Das Netzwerk war seit 2023 aktiv und operierte von China aus. Nach Angaben der Ermittler wurden mehr als 3,87 Millionen Kreditkartendatensätze gestohlen – der verursachte Schaden wird auf rund 1,9 Milliarden Euro geschätzt.
Die Behörden beschlagnahmten Server und ein Shopify-Konto. Zudem wurden digitale Vermögenswerte in Höhe von 100.000 USDT eingefroren. PhaaS-Plattformen funktionieren wie legale Software-Anbieter: Kriminelle mieten dort fertige Phishing-Werkzeuge, ohne selbst technisches Know-how zu benötigen. Diese Dienstleistungsmodelle haben die Einstiegshürde für Cyberkriminalität massiv gesenkt.
„Tycoon 2FA": Internationale Festnahmen
In einer weiteren koordinierten Aktion haben die Polizei von Singapur, Pakistans National Cyber Crime Investigation Agency und INTERPOL das Netzwerk „Tycoon 2FA" zerschlagen. Ende Juni und Anfang Juli wurden zwei pakistanische Staatsangehörige festgenommen. Die Plattform hatte weltweit mehr als 96.000 Opfer erreicht, darunter auch Fälle in Singapur zwischen Ende 2025 und Anfang 2026.
Bemerkenswert: Bereits Anfang des Jahres hatte Europol die Domains der Plattform beschlagnahmt. Doch das Netzwerk zeigte sich widerstandsfähig und nahm innerhalb weniger Wochen seinen Betrieb wieder auf. Zudem teilte es sich Code mit anderen Phishing-Kits – ein Zeichen für die enge Vernetzung der kriminellen Szene.
Angriffsmethoden werden raffinierter
Die Sicherheitsbranche beobachtet derzeit einen dramatischen Wandel bei Phishing-Angriffen. Klassisches Abgreifen von Passwörtern ist nur noch ein Teil des Problems. Die Zahl der sogenannten Device-Code-Phishing-Angriffe stieg im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2025 um 1.500 Prozent. Bei dieser Methode bringen Angreifer ihre Opfer dazu, einen Gerätecode einzugeben, über den sie dann die Kontrolle über Cloud-Identitäten übernehmen. Unbefugte MFA-Geräte lassen sich so oft in nur vier Minuten registrieren.
Auch Vishing – Phishing über Telefonanrufe – hat sich im gleichen Zeitraum verdoppelt. Die Angreifer umgehen damit zunehmend die Zwei-Faktor-Authentifizierung, die lange als Goldstandard der Sicherheit galt. Forscher warnen: Herkömmliche Sicherheitsmaßnahmen verlieren an Wirksamkeit.
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Kriminelle nutzen legitime Cloud-Dienste
Die Infrastruktur für Phishing wächst rasant – nicht zuletzt durch den Missbrauch legaler Cloud-Plattformen. Zwischen August 2025 und Juli 2026 neutralisierten Sicherheitsforscher über 390.000 Phishing-Seiten, die auf Diensten wie Cloudflare Workers, Vercel und GitHub Pages gehostet waren. Weil Angreifer legitime Domains nutzen, umgehen sie häufig Sicherheitsfilter: 67 Prozent der Phishing-E-Mails passierten im ersten Halbjahr 2026 die DMARC-Authentifizierung.
Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Daten von Cyberversicherern zeigen: Spearphishing – gezielte Angriffe auf einzelne Personen oder Unternehmen – ist inzwischen der Haupttreiber finanzieller Verluste. Mehr als 85 Prozent der Versicherungsansprüche im ersten Halbjahr 2026 gehen darauf zurück. 2024 lag der Anteil noch bei 18 Prozent. Ransomware verursacht zwar weiterhin rund 75 Prozent der Gesamtschäden, macht aber weniger als 6 Prozent der gemeldeten Vorfälle aus.
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Industriealisierte Kriminalität überfordert klassische Abwehr
Die Professionalisierung der Angreifer schreitet rasant voran. Von 120 Millionen neu registrierten Domains stuften Analysten fast 25 Prozent als hohes oder kritisches Risiko ein. Etwa 44 Prozent der bedrohlichen Domains sind nur einen einzigen Tag aktiv – das erschwert die Verfolgung und Blockierung krimineller Infrastruktur erheblich.
Sicherheitsexperten empfehlen angesichts dieser Entwicklung den Umstieg auf FIDO2-kompatible Passkeys sowie Verhaltensanalysen, die unbefugte Zugriffe in Echtzeit erkennen. Für Unternehmen in Deutschland bedeutet das: Die Zeiten, in denen ein starkes Passwort und eine SMS-Bestätigung ausreichten, sind endgültig vorbei.
