PRIMA-Netzhautchip, Weltweit

PRIMA-Netzhautchip: Weltweit erste Implantation nach Zulassung in Lübeck

Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 13:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Nach dem Eingriff am UKSH trug die Patientin die Spezialbrille erstmals am 8. Oktober; Studien zeigen Lesefähigkeit bei vielen Teilnehmenden.

PRIMA-Netzhautchip: Erste Implantation nach EU-Marktzulassung in Lübeck
Hochmoderne, sterile medizinische Instrumente in einem Operationssaal für ophthalmologische Eingriffe. Illustration mit AI erstellt.

Nach der europäischen Zulassung des Netzhautchips PRIMA im Juli 2026 markiert ein klinischer Eingriff am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) einen bedeutenden Schritt in der ophthalmologischen Versorgung. Am Campus Lübeck erfolgte die weltweit erste Implantation dieses Systems nach der Marktzulassung.

Die 80-jährige Patientin Gisela Sudhop, die seit über zehn Jahren infolge einer geografischen Atrophie – der fortgeschrittenen Form der trockenen altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) – erblindet war, erhielt den neuartigen Mikrochip. Das Lübecker Ärzteteam unter der Leitung von Prof. Dr. Salvatore Grisanti setzte das Implantat unter die Netzhaut ein.

Technische Funktionsweise des Implantats

Der eingesetzte Chip misst zwei mal zwei Millimeter und weist eine Dicke von 30 Mikrometern auf. Auf der Oberfläche des subretinalen Implantats befinden sich 378 photovoltaische Pixel beziehungsweise Elektroden. Das System arbeitet kabellos in Kombination mit einer Spezialbrille, die mit einer Mikrokamera sowie einem integrierten Projektor ausgestattet ist.

Die Brille nimmt Bilder der Umgebung auf und überträgt diese mittels Infrarotlicht drahtlos an das Implantat im Auge. Dort wandeln die Photovoltaik-Zellen das Licht in elektrische Signale um, welche die verbliebenen Nervenzellen der Netzhaut stimulieren.

Über diese Signalübertragung wird der Chip zugleich mit der nötigen Energie versorgt. Am 8. Oktober 2026 trug die Lübecker Patientin die Spezialbrille erstmals. Das UKSH erwartet, dass durch das Verfahren die Lesefähigkeit für mittelgroße Buchstaben wiederhergestellt werden kann.

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Einsatzzweck bei weit verbreiteter Netzhautdegeneration

Die altersabhängige Makuladegeneration gilt in Deutschland mit über einer Million Betroffenen als die häufigste Ursache für Erblindungen. Bei der trockenen Spätform, der geografischen Atrophie, sterben die Photorezeptoren im zentralen Bereich der Netzhaut irreversibel ab. PRIMA besitzt eine CE-Zertifizierung für die Europäische Union sowie das Vereinigte Königreich und ist in Europa für diese Indikation kommerziell verfügbar.

Das System wurde ursprünglich von Pixium Vision entwickelt und im Jahr 2023 vom US-Unternehmen Science Corporation übernommen, das 2021 nach dem Ausscheiden von Mitgründer Max Hodak bei Neuralink entstand. Laut Angaben des Herstellers deckt das aktuelle Implantat ein zentrales Sehfeld von etwa zehn Grad ab.

Die visuelle Wahrnehmung erfolgt stark kontrastiert in Schwarz-Weiß, wobei jeweils nur wenige Buchstaben gleichzeitig erfasst werden können. Das Sehvermögen eignet sich damit für das Lesen von Großdruck, nicht jedoch für die Gesichtserkennung oder eine räumliche Orientierung im Raum.

Ergebnisse klinischer Studien und Ausblick

Das Ärzteteam am UKSH Lübeck war bereits an der internationalen Wirksamkeitsstudie beteiligt. In der europäischen PRIMAvera-Studie konnte die Mehrheit der teilnehmenden Personen Buchstaben, Zahlen und kurze Wörter lesen. Die durchschnittliche Sehschärfe lag bei 20/460, wobei in Einzelfällen Werte von 20/200 oder besser dokumentiert wurden.

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Über die geografische Atrophie hinaus wird die technologie auch für erbliche Netzhauterkrankungen untersucht. Die erbliche Stargardt-Krankheit, ausgelöst durch Mutationen im ABCA4-Gen, zerstört ebenfalls zentrale Sehzellen und betrifft weltweit rund 150.000 Menschen.

Während PRIMA in den USA bisher nicht durch die FDA zugelassen ist, verfügt das Gerät dort über den Status eines humanitären Hilfsmittels für geografische Atrophie sowie Stargardt.

In Australien wird das System rein investigativ geprüft. Für erweiterte Indikationen startete das Unternehmen zudem die PRIMAlia-Studie zur Untersuchung bei Stargardt, Retinitis pigmentosa und weiteren erblichen Netzhautdystrophien.

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