Prothesen: Neue Nervenschnittstelle stellt Gefühl wieder her
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 06:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Prothesen entwickeln sich von reinen Ersatzteilen zu Systemen, die zunehmend mit dem menschlichen Nervensystem verschmelzen. Mehrere Forschungsprojekte aus jüngerer Zeit deuten darauf hin, dass technologische Fortschritte in der additiven Fertigung und der Neurotechnologie die Gestaltung künstlicher Gliedmaßen und Implantate grundlegend verändern könnten – wenn auch mit offenen Fragen zu Langzeitrisiken.
Gefühl in verlorenen Gliedmaßen
Ein Team der MedUni Wien unter Leitung von Oskar Aszmann hat eine Mensch-Maschine-Schnittstelle entwickelt, die Gefühl in einer verlorenen Gliedmaße wiederherstellen soll. Dabei wird ein durchtrennter Nerv zu zuvor nicht verbundenen Muskeln und Hautarealen geleitet, ein Verfahren, das als Reinnervation bezeichnet wird.
Im Tiermodell zeigte sich ein dichtes Nervenfasernetz in der transplantierten Haut. Die Ergebnisse wurden in Nature Communications veröffentlicht, Erstautor ist Festin. Als nächsten Schritt wollen die Forscher die Methode an Patientinnen und Patienten mit bionischen Prothesen bestätigen.
Metallabrieb und Gehirnwerte im Blick
Parallel dazu rücken auch die Risiken etablierter Prothesentechnik in den Fokus. Eine Studie des Rush University Medical Center in Chicago, veröffentlicht in Acta Biomaterialia, untersuchte 701 Gehirne Verstorbener, von denen 229 mindestens ein künstliches Gelenk trugen. Bei Trägerinnen und Trägern von Hüftprothesen fanden die Forscher im Durchschnitt höhere Kobalt- und Titanwerte im Gehirn.
Höhere Kobaltwerte standen dabei mit stärkeren Alzheimer-typischen Eiweißablagerungen in Verbindung, erhöhte Titanwerte mit schlechteren Ergebnissen in Gedächtnis- und Denktests. Studienautor Robin Pourzal betonte jedoch, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Prothese und Demenz bislang nicht nachgewiesen sei.
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Keramik aus dem 3D-Drucker
Auf der Fertigungsseite treibt das Unternehmen KLS Martin die additive Herstellung von Implantaten voran. Laut TCT Magazine steht das Unternehmen kurz davor, sein 500. mittels LCM-3D-Druck (lithografiegestützte Keramikfertigung) hergestelltes Implantat auszuliefern, angestrebt bis Ende des dritten Quartals 2026. Das Material LithaBone TCP, ein Tricalciumphosphat, ist inzwischen als offizielles Produkt auf der IPS-Gate-Plattform gelistet.
Die Fertigung erfolgt unter dem Qualitätsmanagement nach ISO 13485, die Fixierung der Implantate per SonicWeld-Rx-Verfahren mit resorbierbaren Polymerstiften.
Titan-Implantate deutlich schneller gefertigt
Auch in Deutschland zeigt sich der Trend zu additiv gefertigten Titan-Knochenimplantaten. Verfahren wie selektives Lasersintern (SLS) oder Elektronenstrahlschmelzen (EBM) erzeugen Implantate mit einer Porosität von 60 bis 80 Prozent.
Die Produktionszeit liegt dabei bei 24 bis 72 Stunden, verglichen mit vier bis sechs Wochen bei konventioneller Fertigung. Bei In-Ear-Hörgeräten ist der 3D-Druck bereits Standard: Über 90 Prozent aller weltweit gefertigten Geräte dieser Art entstehen im Druckverfahren.
Stützstrukturen per Ultraschall entfernen
Ein weiterer Engpass in der additiven Fertigung von Metallbauteilen betrifft die Nachbearbeitung. Das Fraunhofer IAPT hat im Rahmen des Projekts „Sonodent“, gefördert seit Mai 2026 am Fraunhofer-Leistungszentrum IAMHH, ein Verfahren entwickelt, das Stützstrukturen additiv gefertigter Metallteile automatisiert per hochfrequenter Ultraschallschwingung entfernt.
Resonanzeffekte erzeugen dabei einen kontrollierten Bruch, sodass sich die Stützstrukturen innerhalb weniger Minuten rückstandslos lösen. Für das Verfahren wurde ein Patent angemeldet.
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Präzisere Eingriffe durch Robotik
Auch in der chirurgischen Praxis setzt sich robotergestützte Technik durch. Am AKH Wien wurde erstmals eine roboterassistierte Implantation von Tiefenelektroden zur invasiven Epilepsiediagnostik durchgeführt – mit dem Cirq-System anstelle der manuellen Methode.
Der Eingriff erfolgte bei einem 21-jährigen Wiener und brachte laut Klinik höhere Präzision und Stabilität bei kürzerer und schonenderer Durchführung. Weitere Patientinnen und Patienten sollen in den kommenden Monaten folgen.
Was die Entwicklungen verbinden
Die verschiedenen Projekte zeigen ein gemeinsames Muster: Prothetik und Implantologie bewegen sich weg von starren, rein mechanischen Lösungen hin zu individuell gefertigten, biologisch und neuronal integrierten Systemen.
Während additive Fertigungsverfahren Implantate schneller, präziser und materialsparender herstellen, arbeiten Neurowissenschaftler parallel daran, künstliche Gliedmaßen sensorisch wieder an den Körper anzuschließen.
Gleichzeitig mahnen Befunde zu Metallabrieb im Gehirn zur Vorsicht bei der langfristigen Bewertung etablierter Implantatmaterialien. Für Patientinnen und Patienten dürfte sich daraus mittelfristig eine breitere Palette an individuelleren, aber auch komplexer zu bewertenden Behandlungsoptionen ergeben.
