Psychisch kranke Eltern: Ein Viertel aller Kinder betroffen
Veröffentlicht am: 15.08.2026 um 03:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien des Deutschen Jugendinstituts (DJI) verdeutlichen eine erhebliche gesellschaftliche Herausforderung im Bereich der psychischen Gesundheit: In Deutschland lebt rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen mit mindestens einem psychisch erkrankten Elternteil.
Diese Situation stellt nicht nur die betroffenen Familien vor massive Belastungen, sondern rückt auch Bildungseinrichtungen wie Schulen und Kindertagesstätten als zentrale Instanzen der Entlastung und Unterstützung in den Fokus.
Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und Gesundheit
Die psychische Verfassung der Eltern hat unmittelbare Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Entwicklung der Kinder. Experten wie Prof. Dr. Michael Kölch von der Universitätsmedizin Rostock weisen darauf hin, dass prinzipiell jede psychische Erkrankung eines Elternteils eine Belastung für die Kinder darstellen kann, wobei die konkrete Ausprägung der Symptomatik entscheidend ist. Als häufige Anzeichen bei betroffenen Minderjährigen werden Rückzug, aggressives Verhalten oder ausgeprägte Konzentrationsprobleme beobachtet.
Besonders gravierend ist das erhöhte Risiko für die spätere Lebensgestaltung der Kinder. Statistisch gesehen haben Kinder psychisch kranker Eltern eine drei- bis siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung zu entwickeln.
Dr. Sabine Wagenblass von der Hochschule Bremen identifiziert dabei insbesondere die frühe Kindheit im Alter von null bis drei Jahren als eine besonders vulnerable Phase. Fachleute betonen in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit einer offenen Kommunikation und Gesprächen auf Augenhöhe innerhalb der Familie, um den Kindern die Situation verständlich zu machen und Schuldgefühle zu mindern.
Strukturelle Defizite in der therapeutischen Versorgung
Trotz der bekannten Risiken offenbaren aktuelle Daten erhebliche Lücken im Unterstützungssystem. Nur bei knapp acht Prozent der psychisch belasteten Eltern, deren Kinder bereits auffälliges Verhalten zeigten, befanden sich diese Kinder tatsächlich in einer psychotherapeutischen Behandlung. Dies deutet auf eine hohe Dunkelziffer und eine Barriere beim Zugang zu professioneller Hilfe hin.
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Jörg Backes vom BIÖG sowie weitere Experten unterstreichen daher die Bedeutung von Warnsignalen, die frühzeitig erkannt werden müssen. Bildungseinrichtungen übernehmen hierbei eine Wächterfunktion, da Lehrer und Erzieher oft die Ersten sind, die Veränderungen im Verhalten der Kinder wahrnehmen.
Neben der pädagogischen Arbeit können diese Institutionen als stabilisierende Umgebung dienen, die den Kindern einen geschützten Raum außerhalb des belasteten häuslichen Umfelds bietet.
Kognitive Folgen und familiäre Belastungsfaktoren
Die Auswirkungen einer elterlichen psychischen Störung lassen sich auch in der kognitiven Leistungsfähigkeit nachweisen. Eine im August 2026 im European Journal of Pediatrics behandelte Studie untersuchte 125.791 dänische Männer der Geburtsjahrgänge 1996 bis 2001. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder, deren Eltern vor dem sechsten Geburtstag des Kindes an einer psychischen Störung litten, bei kognitiven Tests im Alter von 18 Jahren im Schnitt 0,91 Punkte niedriger abschnitten als die Vergleichsgruppe. Waren beide Elternteile betroffen, sank der Wert um 1,6 Punkte.
Interessanterweise zeigt die Untersuchung auch Kompensationseffekte: Bei Pflegekindern lag der Testwert um 3,2 Punkte höher. Zudem verschwand der direkte Zusammenhang zwischen elterlicher Erkrankung und kognitiver Leistung, wenn drei oder mehr zusätzliche soziale Belastungsfaktoren hinzukamen, was auf die Komplexität multipler Problemlagen hindeutet.
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Steigende Fallzahlen bei den Jugendämtern
Die prekäre Lage vieler Familien spiegelt sich in den Bilanzen der Jugendämter wider. Für das Jahr 2025 wurden rund 79.800 Fälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet, was einem Zuwachs von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht und den vierten Höchststand in Folge markiert. Seit dem Jahr 2012, als 38.300 Fälle registriert wurden, hat sich diese Zahl damit mehr als verdoppelt.
Besonders betroffen sind junge Kinder: 51 Prozent der gefährdeten Minderjährigen waren im Jahr 2025 höchstens acht Jahre alt, 26 Prozent sogar maximal vier Jahre.
Die Art der Gefährdungen teilte sich wie folgt auf:
- Vernachlässigung: 58 Prozent
- Psychische Misshandlung: 38 Prozent
- Körperliche Misshandlung: 29 Prozent
- Sexuelle Gewalt: 5 Prozent
In 74 Prozent der Fälle ging die Gefährdung von einem Elternteil aus. Parallel dazu stieg die Zahl der Verdachtsmeldungen bei den Behörden um 12 Prozent auf insgesamt 268.300 Fälle. Auch Einrichtungen wie das Bergedorfer Kinderheim in Hamburg beobachten seit der Corona-Pandemie eine Zunahme von Inobhutnahmen aufgrund psychisch erkrankter Eltern.
Dort hat ein neues Leitungsteam mit Carina Jundt für den Bereich Finanzen und Catarina Amponsah für den handwerklichen Bereich die Verantwortung übernommen, um den steigenden Anforderungen in der stationären Jugendhilfe zu begegnen.
