Psychische Belastung im Job: 45 Prozent der EU-Beschäftigten gefährdet
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 10:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deLange Krankenstände, Frühpensionierungen und Fälle von Berufsunfähigkeit sind in Österreich zunehmend auf psychische Ursachen zurückzuführen. Dieser Befund stand im Mittelpunkt bei der Vorstellung der Kampagne „Gemeinsam für psychische Gesundheit bei der Arbeit“ der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA), bei der Arbeitsministerin Korinna Schumann und Expertinnen die Dringlichkeit betrieblicher Maßnahmen betonten.
Roland Pichler von der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) hob hervor, dass die Arbeitsumgebung die psychische Gesundheit der Beschäftigten schützen müsse. Als zentrale Faktoren nannte er dabei die konkreten Arbeitsaufgaben, die Arbeitsorganisation sowie das zwischenmenschliche Miteinander.
Ergebnisse der Europäischen Unternehmenserhebung unterstreichen diesen Handlungsbedarf. Zu den am häufigsten genannten Belastungsfaktoren in Betrieben gehören der Umgang mit schwierigen Kunden, Patienten oder Schülern sowie hoher Zeitdruck und mangelhafte Kommunikation im Unternehmen.
Die Rolle von Vorgesetzten bei der Früherkennung
Um solchen Fehlbelastungen rechtzeitig entgegenzuwirken, kommt Vorgesetzten eine Schlüsselfunktion zu. Die Arbeitspsychologin Veronika Jakl empfiehlt Führungskräften, Belastungen frühzeitig anzusprechen, selbst eine Vorbildrolle einzunehmen und im Betriebsalltag strukturierte Check-in-Runden sowie eindeutige Anlaufstellen zu etablieren.
Dass Führungskräfte Überlastungssignale früh benennen müssen, unterstreicht auch Melissa Schouman. Anzeichen wie ein häufigeres Abmelden oder Krankmeldungen aufgrund von Kopfschmerzen sollten aufmerksam registriert werden.
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Schouman rät dazu, betroffenen Mitarbeitenden offene Fragen zu stellen, ohne rüde nachzubohren. Dabei beeinflussen emotionale Belastung, Frustration über umständliche Arbeitsprozesse und unklare Rollen die gefühlte Arbeitslast mindestens genauso stark wie private Probleme.
Gleichzeitig dürfe die Führungsverantwortung nicht überdehnt werden. Schouman definiert die Aufgabe von Führungskräften darin, als Signalgeber, Weitervermittler und Nachverfolger zu agieren, anstatt zu versuchen, sämtliche Probleme der Beschäftigten eigenhändig zu lösen.
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Hohe Verbreitung psychosozialer Gefährdungen in Europa
Der Handlungsdruck ist europaweit spürbar. Die EU-OSHA hatte ihre dreijährige Kampagne am 13. Oktober 2026 in Brüssel gestartet, um auf die weitreichenden Herausforderungen aufmerksam zu machen.
Nach Angaben der Agentur sind 45 Prozent der Beschäftigten in der Europäischen Union psychosozialen Gefährdungen am Arbeitsplatz ausgesetzt. Zudem berichten 29 Prozent der Arbeitnehmer von Stress, Angst oder Depressionen, die durch ihre berufliche Tätigkeit verursacht oder verstärkt werden.
Die Notwendigkeit präventiver Schutzmaßnahmen spiegelt sich auch in der Gesetzgebung wider: Die internationale Norm ISO 45003:2021 regelt bereits Leitlinien für den Umgang mit psychosozialen Risiken in betrieblichen Arbeitsschutzmanagementsystemen.
Sowohl Arbeitspsychologen als auch Fachverbände weisen darauf hin, dass eine gesunde Arbeitsorganisation und eine offene Gesprächskultur entscheidend sind, um psychischen Erkrankungen im Betrieb systematisch vorzubeugen.
