Psychische Erkrankungen: 70 Prozent genetische Überlappung entdeckt
Veröffentlicht: 09.07.2026 um 11:36 Uhr, Redaktion boerse-global.de
sind sich auf genetischer Ebene ähnlicher als bislang gedacht. Eine aktuelle Genom-Studie zeigt: Die biologischen Grundlagen vieler psychischer Erkrankungen überschneiden sich massiv.
70 Prozent genetische Überlappung bei Schizophrenie und bipolarer Störung
Die Forschung stützt sich auf gewaltige Datenmengen. Eine im Dezember 2025 in Nature veröffentlichte Studie analysierte die DNA von über einer Million Betroffenen und rund fünf Millionen Kontrollpersonen. Das Ergebnis: Fünf zentrale genetische Signaturen wirken über 14 verschiedene psychische Störungen hinweg.
Besonders deutlich wird die Überlappung bei Schizophrenie und bipolarer Störung. Hier liegt die genetische Gemeinsamkeit bei rund 70 Prozent. Viele genetische Varianten sind pleiotrop – sie beeinflussen gleichzeitig mehrere Krankheitsbilder.
„Diese Störungen sind sich auf genetischer Ebene ähnlicher als sie einzigartig sind", sagt Andrew Grotzinger von der University of Colorado Boulder.
Eine weitere Studie im Februar 2025 in Cell bestätigte die Ergebnisse. Die Forscher identifizierten 683 pleiotrope Varianten, die vor allem die Genregulation in Neuronen beeinflussen. Grundlage: über sechs Millionen untersuchte DNA-Profile.
Intelligenz als differenzierender Faktor
Doch die genetischen Risiken wirken sich unterschiedlich auf kognitive Fähigkeiten aus. Eine aktuelle Untersuchung in Nature Communications vom 7. Juli 2026 unterscheidet zwischen fluider Intelligenz (logisches Denken), kristallisiertem Wissen (Bildungswissen) und Reaktionszeit.
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Das genetische Risiko für Schizophrenie und bipolare Störung ist mit niedrigerer fluider Intelligenz und langsameren Reaktionszeiten verbunden. Gleichzeitig korreliert es mit einem höheren Maß an kristallisiertem Wissen. Die Studie identifizierte 78 neue Genorte, die spezifisch mit kristallisiertem Wissen zusammenhängen.
Andere Störungen zeigen abweichende Muster:
- ADHS: Schnellere Reaktionszeiten, aber insgesamt niedrigere Intelligenzwerte
- Autismus: Höheres kristallisiertes Wissen
- Alzheimer: Primär verringerte fluide Intelligenz
Zelluläre Alterung als neuer Faktor
Neben den kognitiven Profilen rücken zelluläre Prozesse in den Fokus. Die Forschung deutet auf einen kausalen Effekt bei ADHS hin: eine Verkürzung der Telomere, den Schutzkappen der Chromosomen. Das signalisiert eine beschleunigte zelluläre Alterung.
Die globale Dimension des Problems ist enorm. Laut WHO lebt etwa jeder siebte Mensch weltweit mit einer psychischen Erkrankung. Die Lebenserwartung Betroffener liegt Schätzungen zufolge 10 bis 20 Jahre unter dem Durchschnitt.
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Neue Therapien durch gemeinsame biologische Pfade
Die Entschlüsselung dieser genetischen Gemeinsamkeiten könnte die Entwicklung neuer Behandlungen beschleunigen. An der Cardiff University sammelt die „Bipolar, Schizophrenia and Psychosis Research Initiative" Daten von rund 600 Probanden.
„Das Verständnis der biologischen Ursachen ist die Voraussetzung für zielgerichtete Behandlungen", erklärt Neil Harrison von der Cardiff University. Das Ziel: Diagnostische Grenzen überwinden und Therapien entwickeln, die an den gemeinsamen biologischen Pfaden ansetzen.
Für Experten wie Hyejung Won von der University of North Carolina ist die Identifizierung dieser geteilten Signale ein Meilenstein für die Präzisionsmedizin in der Psychiatrie.
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