Psychische Erkrankungen: Erstmals häufigste Ursache für Fehltage 2026
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 06:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Untersuchungen zeigen eine besorgniserregende Zunahme des Burnout-Risikos bei Arbeitnehmern. Sowohl Beschäftigte in festen Anstellungsverhältnissen als auch Arbeitskräfte in flexiblen Modellen sind gleichermaßen von dieser Entwicklung betroffen. Die steigende mentale Beanspruchung schlägt sich nicht nur in den Krankheitsstatistiken nieder, sondern wirkt sich zunehmend auf die betriebliche Leistungsfähigkeit aus.
Neuer Höchststand bei Fehltagen und Behandlungsbedarfen
Die Auswertungen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherer dokumentieren die wachsende Belastung der Erwerbstätigen. Nach Angaben der KKH Kaufmännischen Krankenkasse erreichten die Ausfallzeiten wegen Belastungsreaktionen und Angststörungen im Jahr 2025 einen Höchststand von knapp 119 Krankentagen je 100 Versicherte.
Im Vorjahr hatte dieser Wert bei rund 112 Tagen gelegen, während im Jahr 2017 lediglich 66 Tage verzeichnet worden waren. Laut Statista haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen im Zeitraum von 2000 bis 2024 mehr als verdoppelt, wobei die Werte bei Frauen konstant höher ausfallen.
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Eine Erhebung des IGES-Instituts im Auftrag der DAK verdeutlicht, dass psychische Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 erstmals die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Fehltage darstellten.
Parallel dazu registrierte das WIP-Institut im Jahr 2025 einen Anstieg der Ausgaben der privaten Krankenversicherung für ärztliche Leistungen in Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie um 20,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, womit das Niveau vor der Pandemie aus dem Jahr 2019 übertroffen wurde.
Der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim betont in diesem Zusammenhang, dass psychische Erkrankungen mittlerweile die Hauptursache für Frühberentungen sowie langwierige Krankschreibungen seien und massiven wirtschaftlichen Schaden verursachten.
Erschöpfung bremst Produktivität und verändert Arbeitsanforderungen
Die gesundheitliche Lage beeinträchtigt auch die betrieblichen Abläufe. In der PwC-Studie „Global Workforce Hopes and Fears Survey 2026“ gaben 27 Prozent der befragten Beschäftigten an, dass Erschöpfung oder ein Burnout ihre Produktivität einschränke.
Gleichzeitig sinkt der Zugang zu Qualifizierungsmaßnahmen: Lediglich 51 Prozent der Befragten berichteten über entsprechende Möglichkeiten, verglichen mit 59 Prozent im Vorjahr. Innerhalb der Belegschaften entfallen laut PwC 56 Prozent auf die Beschäftigtengruppe im operativen Kern, in der nur zwei von Bundesweiten Mitarbeitern Zugang zu Weiterbildungen haben.
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Als größte Risiken für den Arbeitsplatz stuften 57 Prozent der Beschäftigten wirtschaftliche Schwankungen ein, während 44 Prozent die Übernahme weiterer Aufgaben durch Künstliche Intelligenz nannten.
Auch das Robert Koch-Institut (RKI) beobachtet seit 2020 einen ansteigenden Trend bei depressiven Symptomen und Angstzuständen. Für das Jahr 2024 bezifferte das RKI den Anteil depressiver Symptome bei Erwachsenen auf rund 22 Prozent. Zudem schätzten 28 Prozent der befragten Erwachsenen im selben Jahr ihr psychisches Wohlbefinden als eher schlecht ein, während nur rund 11 Prozent ein eher gutes Wohlbefinden angaben.
Ursachen in flexiblen Arbeitswelten und Präventionsansätze
Die Ursachen für den Anstieg sind vielschichtig. KKH-Ärztin Aileen Könitz nennt als wesentliche Stressoren ein hohes Arbeitspensum, ständige Überstunden, geringe Entlohnung, Existenzängste sowie zwischenmenschliche Konflikte. Hinzu komme die moderne Arbeitsweise mit mobilen Endgeräten.
Wenn flexible Arbeit ohne klare Regeln stattfinde, verschwimme die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, weshalb verbindliche Vorgaben für Arbeits- und Ruhezeiten erforderlich seien.
Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) verweist darauf, dass Überstunden, Sonntagsarbeit und erweiterte berufliche Erreichbarkeit systematisch mit einem schlechteren Erholungszustand zusammenhängen.
Arbeitspsychologe Jan Dettmers von der FernUniversität in Hagen warnt davor, dass nach acht Arbeitsstunden die Fehlerquote exponentiell ansteige und Arbeitsunfälle zunehmen. Er empfiehlt geregelte Arbeitsintervalle von 45 bis 60 Minuten mit anschließenden Regenerationspausen.
Demgegenüber mahnt Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zu einer differenzierten Einordnung: Eine generelle Depressions-Epidemie durch äußere Krisen liege nicht vor, da äußere Belastungen als Ursache für schwere Erkrankungen oft überschätzt würden.
