Psychische Erkrankungen: Fehlzeiten bei AOK-Versicherten steigen um 42 Prozent
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 11:39 Uhr | Redaktion boerse-global.dePsychische Erkrankungen fĂŒhren in der Arbeitswelt zu immer lĂ€ngeren AusfĂ€llen. Nach Auswertungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) fĂŒr den Fehlzeiten-Report 2026 kletterten die Fehlzeiten aufgrund seelischer Leiden bei AOK-Versicherten in den vergangenen zehn Jahren um 42 Prozent.
Burnout-Diagnosen verzeichneten seit 2016 sogar einen Zuwachs von 77 Prozent. Vor dem Hintergrund anhaltender wirtschaftlicher Unsicherheiten klettert die mentale Belastung vieler ErwerbstĂ€tiger auf ein Rekordniveau, was sowohl die Krankenkassen als auch den Arbeitsmarkt spĂŒrbar unter Druck setzt.
Deutlicher Anstieg der Ausfalltage und lange Falldauern
Die Entwicklung spiegelt sich in den konkreten Krankheitsdaten wider: Laut AOK stiegen die ArbeitsunfÀhigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen von 284 Tagen je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025, was dem ermittelten Anstieg von 42 Prozent entspricht.
Auffallend ist vor allem die Dauer der Krankschreibungen. Im Jahr 2025 dauerte ein krankheitsbedingter Ausfall wegen psychischer Diagnosen durchschnittlich 28,5 Tage pro Fall. Zum Vergleich: Bei Atemwegserkrankungen lag die Fehlzeit im Schnitt lediglich bei 5,7 Tagen.
Den gröĂten Anteil an den langen Ausfallzeiten hatten laut Fehlzeiten-Report Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, gefolgt von depressiven Episoden sowie wiederkehrenden depressiven Störungen.
Dass seelische Beschwerden das Krankheitsgeschehen dominieren, belegen auch Erhebungen anderer Kassen: Laut einer Analyse der DAK waren psychische Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 erstmals die hĂ€ufigste Ursache fĂŒr berufsbedingte Fehltage und verdrĂ€ngten damit Atemwegsinfekte vom Spitzenplatz. Bereits im Jahr 2024 hatten Depressionen laut DAK-Report im zweiten Jahr in Folge fĂŒr das Gros der Ausfalltage gesorgt.
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Belastungen in sozialen Berufen und regionale Unterschiede
Ein differenzierter Blick auf die Branchen zeigt erhebliche Unterschiede. Nach AOK-Daten fĂŒr 2025, die am 8. Oktober 2026 veröffentlicht wurden, traten KrankheitsausfĂ€lle wegen psychischer Erkrankungen je 100 AOK-Mitglieder besonders hĂ€ufig in interaktiven Marketingberufen wie Callcentern auf (39,0 FĂ€lle).
Dahinter folgen Berufsfelder aus dem Sozial- und Pflegesektor:
- HĂ€usliche und familiĂ€re Pflege sowie LebensunterstĂŒtzung: 25,6 FĂ€lle
- Altenpflege: 24,9 FĂ€lle
- BehindertenunterstĂŒtzung und SonderpĂ€dagogik: 24,6 FĂ€lle
- Kinderbetreuung und Erziehung: 23,0 FĂ€lle
Regional weisen die Erhebungen der AOK PLUS fĂŒr Sachsen und ThĂŒringen ĂŒber die letzten zehn Jahre noch stĂ€rkere ZuwĂ€chse auf: In Sachsen stiegen die entsprechenden Fehlzeiten um rund 55 Prozent, in ThĂŒringen um etwa 68 Prozent.
Burnout-Diagnosen legten in Sachsen um rund 50 Prozent zu und verdoppelten sich in ThĂŒringen mehr als. Als Ursachen benennt die AOK PLUS anhaltenden Arbeitsdruck, stĂ€ndige Erreichbarkeit, globale Unsicherheiten sowie Konflikte bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Zudem erreicht die Problematik zunehmend jĂŒngere ErwerbstĂ€tige: Der DGB-Jugend-Ausbildungsreport verzeichnet, dass sich 51 Prozent der Auszubildenden psychisch belastet fĂŒhlen. Rund 42 Prozent der betroffenen Jugendlichen gaben an, niemanden zu haben, mit dem sie darĂŒber sprechen können.
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Internationale Dimension und ökonomische Folgen
Die Herausforderung beschrĂ€nkt sich nicht auf Deutschland. Eine Untersuchung des Ăsterreichischen Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung (WIFO) im Auftrag der Arbeiterkammer wies fĂŒr 2023 mehr als 54.000 arbeitsbedingte psychische Neuerkrankungen wie Depressionen und Angststörungen in Ăsterreich aus. Die gesamten Folgekosten arbeitsbedingter Erkrankungen wurden auf 12,4 Milliarden Euro beziffert.
Der dortige Fehlzeitenreport 2026 weist pro psychischem Krankheitsfall durchschnittlich rund 37 Krankenstandstage aus. Vor diesem Hintergrund fordert der Berufsverband Ăsterreichischer PsychologInnen die gesetzliche Verankerung von Arbeits- und Organisationspsychologen als PrĂ€ventivfachkrĂ€fte im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz.
Auch auf europĂ€ischer Ebene zeigen sich Ă€hnliche Tendenzen. In GroĂbritannien litten laut dem Labour Force Survey der Health and Safety Executive fĂŒr 2024/25 rund 964.000 BeschĂ€ftigte in England, Schottland und Wales unter arbeitsbedingtem Stress, Depressionen oder AngstzustĂ€nden. Dies machte 52 Prozent aller berufsbedingten Erkrankungen und 62 Prozent aller Ausfalltage aus, was einem Verlust von 22,1 Millionen Arbeitstagen entspricht.
Nach der EU-weiten OSH-Pulse-Erhebung der EU-OSHA aus dem Jahr 2025 leiden 29 Prozent der Arbeitnehmer in der EuropĂ€ischen Union unter Stress, Depressionen oder AngstzustĂ€nden, wĂ€hrend mehr als 40 Prozent ĂŒber starken Zeitdruck klagen.
