Psychische Erkrankungen: Hälfte der Störungen beginnt bis zum 14. Lebensjahr
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 11:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deFachleute thematisieren zunehmend die steigende Zahl psychisch auffälliger Kinder und Jugendlicher. Vor diesem Hintergrund wird in Bayreuth der Neubau einer Kinder- und Jugendpsychiatrie vorangetrieben.
Um den wachsenden Anforderungen in der Versorgung gerecht zu werden, hat das Bezirkskrankenhaus Bayreuth eine Stellenanzeige für eine fachärztliche beziehungsweise oberärztliche Position in diesem Bereich veröffentlicht. Die Entwicklung spiegelt eine Situation wider, die sich in vielen europäischen Ländern mit steigenden Fallzahlen und erweitertem Kapazitätsbedarf abzeichnet.
Bewusstseinswandel und steigende Diagnosen bei Entwicklungsstörungen
Auf dem Kongress des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) in München ordneten Wissenschaftlerinnen die diagnostischen Trends ein. Anita Thapar von der Cardiff University führte aus, dass der Anstieg registrierter ADHS-Fälle in Europa hauptsächlich auf ein verändertes Bewusstsein sowie eine verbesserte Diagnostik zurückgehe.
Hinweise auf eine tatsächlich häufigere Störung in der Bevölkerung fehlten, da die Häufigkeit laut Fachleuten seit Jahren weitgehend stabil geblieben sei.
Barbara Franke von der Radboud-Universität Nijmegen wies auf dem ECNP-Kongress darauf hin, dass ADHS bei Frauen sowie bei Erwachsenen über lange Zeit unterdiagnostiziert worden sei. Seit 2015 hätten sich die Neudiagnosen bei Erwachsenen fast verdreifacht. Parallel dazu sei die Zahl der Verordnungen von ADHS-Medikamenten in mehreren europäischen Ländern deutlich gestiegen.
Eine landesweite Untersuchung aus Finnland bestätigte ebenfalls einen stark gestiegenen Einsatz von Psychopharmaka bei jungen Menschen, vor allem von ADHD-Präparaten und Antidepressiva bei Teenagern. Zudem würden dort zunehmend kleine Kinder von privaten Kinderärzten statt in öffentlichen Gesundheitszentren behandelt.
FrĂĽher Beginn psychischer Erkrankungen und akuter Behandlungsbedarf
Ein Großteil psychischer Erkrankungen manifestiert sich früh. Die Psychologin Ivana Mihaljica Baljak warnte vor einem Anstieg der Hospitalisierungen von Kindern und Jugendlichen in Fachkliniken infolge akuter psychiatrischer Notfälle.
Den Daten der Weltgesundheitsorganisation zufolge tritt die Hälfte aller psychischen Störungen bereits bis zum Alter von 14 Jahren auf. Angststörungen entwickeln sich bei Kindern typischerweise im Alter zwischen 6 und 14 Jahren, während 70 Prozent aller psychischen Erkrankungen vor dem 25. Lebensjahr diagnostiziert werden können.
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In Zwickau verdeutlicht das VR-Projekt „Impression Depression“ jungen Menschen die Gedankenwelt Betroffener; statistisch erfährt etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland im Laufe des Lebens Symptome einer Depression. Bei Kindern und Jugendlichen treten Depressionen seit der Corona-Pandemie statistisch häufiger auf.
Die Auswirkungen gravierender Verläufe veranschaulichen Zahlen der rumänischen Metropolis Foundation zum Obregia-Krankenhaus: Dort stieg die Zahl der behandelten Kinder und Jugendlichen von 4.424 im Jahr 2019 auf 5.711 im Jahr 2025. Der Anteil schwerer Fälle wuchs im selben Zeitraum von 57 Prozent auf 79 Prozent.
Die registrierten Depressionen verfünffachten sich beinahe, Angstfälle stiegen auf mehr als das Siebenfache und die Zahl der Suizidversuche kletterte von 9 auf 489.
Engpässe und bauliche Reaktionen in europäischen Kliniken
Die Infrastruktur steht vielerorts unter Druck. Kontrollen der polnischen Obersten Kontrollkammer (NIK) ergaben in Teilen Polens eine durchschnittliche Wartezeit von 201 Tagen fĂĽr einen Termin beim Kinderpsychiater.
Eine frühere NIK-Prüfung aus dem Jahr 2024 hatte eine durchschnittliche Belegung psychiatrischer Abteilungen von 110 Prozent, Wartezeiten bei manchen Beratungsstellen von bis zu 12 Monaten sowie Personalengpässe bei acht von zehn Schulen offenbart. Zwar wurde das Netz ambulanter Einrichtungen in den vergangenen zwei Jahren ausgebaut, die Gewährleistung eines raschen Zugangs bleibt jedoch ungelöst.
Als Reaktion auf den Mangel werden an mehreren Standorten neue Kapazitäten geschaffen. An der tschechischen Universitätsklinik Olomouc läuft ein über zweijähriger Umbau der Psychiatrischen Klinik mit Kosten von fast einer halben Milliarde Kronen, wodurch die Kapazität von 64 auf 120 Betten steigt und die Station für Kinderpatienten geöffnet wird.
Der dortige Primärarzt Aleš Grambal betonte, die kinderpsychiatrische Versorgung in Tschechien sei schwer zugänglich, da es an spezialisierten Einrichtungen und Betten fehle.
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Im französischen Trégueux bei Saint-Brieuc errichtet die Fondation Saint-Jean-de-Dieu für 6,5 Millionen Euro – davon 2 Millionen Euro aus Spenden – ein über 2.150 Quadratmeter großes Zentrum für Pädopsychiatrie, dessen Fertigstellung für Anfang 2028 geplant ist.
Im westfälischen Datteln verzögert sich derweil der Neubau einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, in dem zusätzliche Therapie- und Entspannungsräume vorgesehen sind.
