Psychische, Fehlzeiten

Psychische Fehlzeiten: 470 Fehltage je 100 AOK-Beschäftigte registriert

Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fehlzeiten wegen psychischer Diagnosen steigen, während Technologiedruck und Arbeitsplatzunsicherheit Beschäftigte zusätzlich belasten.

Job Hugging: Psychologin warnt vor Folgen für die mentale Gesundheit
Ein leerer, ruhiger Büroraum mit weichem Tageslicht und einem ergonomischen Stuhl vor einem großen Fenster. Illustration mit AI erstellt.

Angesichts wirtschaftlicher Transformationen und des rasanten technologischen Wandels klammern sich immer mehr Arbeitnehmer an ihre bestehenden Stellen.

Eine Psychologin warnt nun vor den Gefahren des sogenannten Job Hugging für Beschäftigte. Das krampfhafte Festhalten an der aktuellen Anstellung, oft getrieben von Unsicherheit und der Angst vor Veränderungen, kann das psychische Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt und den Druck am Arbeitsplatz weiter verstärken.

Steigende Fehlzeiten und wachsende Erschöpfung

Die Warnung vor den Risiken einer solchen defensiven Haltung fällt in eine Phase ohnehin stark steigender Fehlzeiten durch mentale Leiden. Laut dem Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) wurden im Vorjahr 470 Fehltage aufgrund psychischer Diagnosen je 100 AOK-versicherte Beschäftigte registriert.

Ein Jahrzehnt zuvor lag dieser Wert noch bei 292 Tagen, was einem Zuwachs von rund 60 Prozent entspricht. Mit durchschnittlich etwa 26 Tagen je Fall dauern Krankschreibungen wegen psychischer Diagnosen deutlich länger als bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit circa 18 Tagen, Muskel- und Skelettbeschwerden mit rund 16 Tagen oder Atemwegsinfekten mit etwa sechs Tagen.

Zudem haben sich die Ausfalltage infolge von Burnout von 8 auf 16 Tage je 100 Versicherte verdoppelt. Besonders betroffen sind Berufsfelder wie Dialogmarketing und Callcenter, Kinderbetreuung sowie die Alten- und Krankenpflege. Vor diesem Hintergrund fordern Gewerkschaften verbindliche Anti-Stress-Verordnungen und die konsequente Umsetzung psychischer Gefährdungsbeurteilungen.

Anzeige

Wer sich im beruflichen Alltag durch steigenden Leistungsdruck und Unsicherheit belastet fühlt, findet in diesem Ratgeber effektive Strategien zur Entlastung. Erfahren Sie, wie Sie Stressfaktoren identifizieren und Ihre persönliche Work-Life-Balance nachhaltig verbessern können. 5 Sofortmaßnahmen für mehr Ausgeglichenheit kostenlos sichern

Gleichzeitig leiden nicht nur Angestellte ohne Führungsaufgaben: Nach Daten des Global Leadership Forecast 2025 von DDI berichteten 71 Prozent von 10.796 befragten Führungskräften weltweit über ein erhöhtes Stresslevel, verglichen mit 63 Prozent im Jahr 2022.

Unsicherheit durch Technologiedruck und veränderte Aufgaben

Zusätzliche Verunsicherung, die Verhaltensweisen wie das Job Hugging begünstigt, entsteht durch den Wandel der Arbeitsinhalte. Eine zum Welttag der psychischen Gesundheit veröffentlichte Untersuchung der Universität Bielefeld ergab, dass sowohl die Zunahme als auch die Abnahme sogenannter illegitimer, rollenfremder Tätigkeiten mit höherer emotionaler Erschöpfung einhergeht. Als Ursache identifizierten die Forscher die wahrgenommene Unsicherheit bezüglich künftiger Erwartungen.

Gleichzeitig heizt der Druck rund um Künstliche Intelligenz Sorgen um die eigene Zukunft an. Laut dem KI-Monitor 2026 der TU Darmstadt stufen 42,8 Prozent der Beschäftigten, die sehr gut über KI Bescheid wissen, den eigenen Arbeitsplatz als ersetzbar ein.

Anzeige

Der technologische Wandel und neue gesetzliche Vorgaben wie der EU AI Act stellen viele Unternehmen vor enorme Herausforderungen in der Umsetzung. Dieser praxisnahe Leitfaden hilft Ihnen, die komplexen Anforderungen an Dokumentation und Risikomanagement besser zu verstehen. Kostenlosen Umsetzungsleitfaden zur KI-Verordnung herunterladen

Projektleiter Peter Buxmann forderte in diesem Zusammenhang fundierte Qualifizierung und transparente Auskünfte statt Beschwichtigung. Eine Befragung des Anbieters Visier unter Beschäftigten in den USA ergab zudem, dass sich 45 Prozent unter Druck fühlen, KI zu nutzen, selbst wenn ihnen das nötige Wissen fehlt.

Rechtliche Pflichten und betriebliche Ansätze

Arbeitgeber stehen in der Pflicht, diesen Belastungen entgegenzuwirken. Gemäß Paragraph 5 des Arbeitsschutzgesetzes müssen Betriebe psychische Belastungen beurteilen und diese Analysen bei wesentlichen Änderungen der Arbeitsbedingungen aktualisieren. Zudem verlangt Artikel 4 des europäischen AI Act eine gezielte Förderung der KI-Kompetenz.

Wie Technologie andererseits zur Entlastung beitragen könnte, skizzierte Nicole Paripurana, Senior Principal Analyst bei Gartner, auf dem HR Symposium/Xpo in London. Demnach könne KI künftig Belastungsmuster erkennen, Risiken wie Burnout eindämmen und Unterstützungsangebote personalisieren.

Eine Gartner-Umfrage aus dem ersten Quartal 2026 unter 11.838 Beschäftigten verdeutlicht jedoch die Vorbehalte: Weniger als 35 Prozent berichteten von gutem Wohlbefinden, während sich 47 Prozent der Mitarbeiter gegen die vorgegebene KI-Nutzung sträubten.

In Deutschland unterliegen entsprechende Instrumente zur Leistungs- und Verhaltensüberwachung zudem zwingend der Mitbestimmung des Betriebsrats sowie den Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70294437 |