Psychische Gesundheit: Sieben Monate Wartezeit auf Therapieplatz
Veröffentlicht am: 10.08.2026 um 13:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die psychische Gesundheitsversorgung in Europa steckt in einem Dilemma: Während Italien kräftig investiert, fordert Deutschland drastische Einsparungen bei Kassenleistungen. Der Spagat zwischen wachsendem Behandlungsbedarf und knappen Kassen prägt die aktuelle Debatte – mit teils kontroversen Lösungsansätzen.
Italien: Milliarden für die Psyche
Die Region Emilia-Romagna stellt für 2026 insgesamt 40 Millionen Euro für psychische Gesundheit bereit. Der Großteil davon – rund 33,7 Millionen Euro – fließt in den Fonds für mögliche Autonomie. Dazu kommen 300.000 Euro für das Versorgungszentrum Rems in Reggio Emilia sowie jeweils 150.000 Euro für Standorte in Parma und Bologna. Die Investitionen zielen auf bessere Behandlungen bei Essstörungen, Psychosen und Autismus.
In Umbrien sorgt derweil ein Streit über Fördermittel für Zündstoff. Die Lega Umbria wirft der Regionalverwaltung mangelnde Transparenz bei Autismus-Fonds vor: 264.293,02 Euro stammten angeblich aus nationalen Mitteln des Ministeriums, nicht aus dem Regionalbudget. Die Kritiker fordern eine detaillierte Aufstellung über Zielsetzungen und Personalplanung, insbesondere bei den nationalen Netzwerken NIDA und Baby@NET.
Ein positives Beispiel kommt aus Perugia: Die Kooperative Nuova Dimensione führt als erste Sozialgenossenschaft Umbriens einen Solidaritätsurlaub ein. Mitarbeiter können Urlaubstage an Kollegen abtreten, die erkrankte Kinder pflegen müssen.
Deutschland: Milliardenloch und Streit um Leistungen
Anders die Lage in Deutschland: Hier dominieren Defizite und Kapazitätsengpässe die Diskussion. KBV-Chef Andreas Gassen forderte im Februar die Streichung optionaler Kassenleistungen wie Fitnesskurse oder Homöopathie. Angesichts eines GKV-Defizits von über zehn Milliarden Euro ließen sich so jährlich rund eine Milliarde sparen. Der GKV-Spitzenverband und die Techniker Krankenkasse lehnen das jedoch ab.
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Besonders dramatisch ist die Lage bei Kindern und Jugendlichen. Der Psychiater Jakob Hein berichtete Anfang August von durchschnittlich sieben Monaten Wartezeit auf einen Therapieplatz. Seine Praxis erhalte wöchentlich rund 30 Anfragen – aufgenommen werden könne nur eine. Als Ursache nennt er den Einfluss sozialer Medien und fordert strengere Altersbeschränkungen im digitalen Raum.
Für Entlastung bei den Apotheken will die Union sorgen: Ungenutzte Mittel aus pharmazeutischen Dienstleistungen in Höhe von rund 570 Millionen Euro sollen umgewidmet werden. Ziel ist eine Anhebung der Apothekenvergütung auf 9,50 Euro – das würde ein Jahresbudget von 945 Millionen Euro erfordern.
Neue Regeln für Versorgung und Therapie
Auch rechtlich tut sich etwas. Das Sozialgericht Halle entschied im Januar: Bei Asylbewerbern mit Grundleistungen müssen die Kosten für eine freiwillige Kranken- und Pflegeversicherung nicht vom Sozialhilfeträger übernommen werden. Das Urteil weicht von der früheren Rechtsprechung des Bundessozialgerichts aus 2022 ab.
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In der klinischen Praxis gibt es ebenfalls Neuerungen. Der Gemeinsame Bundesausschuss nahm im Januar die ambulante Behandlung der Akne inversa per Licht- und Hochfrequenztherapie in den Leistungskatalog auf. Grundlage war eine IQWiG-Bewertung, die einen therapeutischen Mehrwert gegenüber Antibiotika belegte.
Eine im August veröffentlichte Studie zur organisationalen Gesundheitskompetenz zeigt derweil: Shared Decision Making ist mit 84 Prozent Bekanntheit weit verbreitet. Die Ask-Me-3-Technik (24 Prozent) und das Chunk-and-Check-Verfahren (36 Prozent) finden dagegen in der Praxis noch wenig Anwendung.
