Psychische Krankschreibungen: DAK-Auswertung zeigt Anstieg um 15 Prozent
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 07:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Medienberichte und Analysen zeichnen ein deutliches Bild über die Stimmung in der Arbeitswelt: Die Unzufriedenheit von Beschäftigten mit ihrem Beruf wächst, während gleichzeitig die psychischen Belastungen im Alltag spürbar zunehmen.
Eine Untersuchung verdeutlicht, dass immer weniger Arbeitnehmer mit ihrer Tätigkeit zufrieden sind und sich die Erwartungen an das Berufsleben grundlegend gewandelt haben. Beschäftigte in Deutschland arbeiten Berichten zufolge zunehmend vor allem für den Verdienst, weshalb Unternehmen nach neuen Wegen suchen müssen, um Leistungsbereitschaft und Motivation langfristig zu stärken.
Steigende Fehlzeiten durch seelische Leiden
Die Auswirkungen dieser Entwicklung spiegeln sich in den Krankmeldungen wider. Eine Auswertung der DAK-Gesundheit von rund 111.000 berufstätigen Versicherten in Schleswig-Holstein zeigt, dass die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 um 15 Prozent gestiegen sind.
Die Fehltage je 100 Beschäftigte erhöhten sich dabei von 187 im ersten Halbjahr 2025 auf 214 im ersten Halbjahr 2026. Psychische Diagnosen entwickelten sich damit zur häufigsten Ursache für Fehlzeiten.
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buengeler von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel betont, dass ein solcher Ausfall im Schnitt rund einen Monat dauert. Anhaltend höhere Anforderungen im Vergleich zu den verfügbaren Ressourcen führten zur Erschöpfung, während eine unterstützende und wertschätzende Führung das Wohlbefinden gezielt fördern könne.
Für das Jahr 2025 wurden laut Berichten etwa 19 Krankheitstage je Arbeitnehmer registriert, wobei dieser Anstieg auch mit der seit 2022 eingeführten elektronischen Erfassung zusammenhängen könnte.
Druck auf die allgemeine Bevölkerungsgesundheit
Auch überbetriebliche Erhebungen verdeutlichen das Ausmaß mentaler Beschwerden. Umfragen des Robert Koch-Instituts (RKI) belegen seit 2020 zunehmende depressive und Angstsymptome in der Bevölkerung.
Im Jahr 2024 wiesen rund 22 Prozent der Erwachsenen depressive Symptome auf. Daten des RKI zeigen zudem, dass 28 Prozent der Erwachsenen ihr psychisches Wohlbefinden als eher schlecht einstuften, während nur rund 11 Prozent es als eher gut bewerteten. Die Quote ambulanter Diagnosen depressiver Störungen lag 2023 bei etwa 17 Prozent.
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Jüngere Erwachsene, insbesondere junge Frauen, sind laut RKI stärker betroffen; zudem treten depressive Symptome gehäuft bei Menschen mit niedrigem Einkommen oder ohne höheren Bildungsabschluss auf. Andreas Meyer-Lindenberg schätzt, dass jährlich rund 30 Prozent der Bevölkerung eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung aufweisen.
Parallel plant die Bundesregierung, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag zu verlangen. Der genaue Starttermin ist bislang offen. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, kritisiert diese Pläne und verweist auf eine drohende Mehrbelastung der Praxen sowie zunehmende Bürokratie.
Belastungsfaktoren in IT und Pflege
In spezifischen Wirtschaftsbereichen treten die Belastungen besonders deutlich zutage. Die Umfrage „State of Devs 2026“ von Devographics, an der zwischen dem 5. Juli und dem 5. September 2026 insgesamt 5.463 Entwickler teilnahmen – darunter 447 von 4.603 Teilnehmenden mit Länderangabe aus Deutschland –, liefert alarmierende Werte: 66 Prozent der befragten Entwickler berichten von weniger Motivation, 60 Prozent von mehr Zynismus und 62 Prozent kennen Burnout aus eigener Erfahrung.
Nur 23 Prozent erleben durch künstliche Intelligenz eine verbesserte psychische Verfassung, während 46 Prozent dem widersprechen. Im Median stammen 63 Prozent des Codes der Befragten aus KI-Werkzeugen, und 83 Prozent sind in Betrieben tätig, die den Einsatz von KI fördern. Zudem halten 42 Prozent einen unfreiwilligen Arbeitsplatzwechsel binnen fünf Jahren für wahrscheinlich.
Im Pflegesektor verschärft sich die Personallage ebenfalls. Deutschland zählt knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftige; nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes könnten bis 2049 bis zu 690.000 Pflegekräfte fehlen, während die Zahl der Pflegebedürftigen auf 6,7 bis 7,5 Millionen steigen dürfte.
Die Bundesagentur für Arbeit stellt fest, dass die Branche seit 2022 ausschließlich durch internationale Zuwanderung wächst. Eine Analyse von Pflegia beziffert die Zufriedenheit bei Einrichtungsleitungen auf lediglich 36,4 Prozent und bei Stationsleitungen auf 34,6 Prozent. Hohe Belastungen und fehlende Entwicklungsperspektiven erschweren hierbei die Bindung von Fachkräften nachhaltig.
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Technologischer Umbruch verunsichert Beschäftigte
Neue Technologien verändern das Arbeitsumfeld rasant. Der „HP Work Relationship Index 2026“ zeigt, dass inzwischen 49 Prozent der Beschäftigten in Deutschland KI-Agenten nutzen – über alle Büroarbeitsplätze hinweg liegt der Anteil bei 45 Prozent, bei IT-Entscheidern bei 64 Prozent und bei Führungskräften bei 63 Prozent.
Die regelmäßige Nutzung vom Arbeitgeber bereitgestellter KI kletterte innerhalb eines Jahres von 32 Prozent auf 49 Prozent. Allerdings fürchten 43 Prozent der Nutzer von Agenten eine Verdrängung durch KI oder durch technisch kompetentere Kollegen; bei Nutzern klassischer generativer KI sind es 27 Prozent.
Zudem erwarten 43 Prozent ein schwerer definierbares Berufsbild. Gleichzeitig halten 60 Prozent einen Stellenwechsel derzeit für zu riskant. Lediglich 21 Prozent berichten von einer gesunden Arbeitsbeziehung, während sich 38 Prozent in einer kritischen Zone befinden. Bei der Generation Z verfügen bereits 32 Prozent über einen Nebenjob.
Gleichzeitig trüben sich die Aussichten am Arbeitsmarkt ein. Nach Angaben der Plattform Indeed sanken die Inserate für Einstiegsjobs seit dem Rekordjahr 2022 um zwei Drittel. Die Ökonomin Virginia Sondergeld von Indeed führt diese Lage vor allem auf die schwache Konjunktur zurück, da sich ein direkter KI-Effekt anhand der Daten nicht belegen lasse.
Dennoch ergab eine Umfrage des Kienbaum-Instituts für die Wirtschaftswoche unter mehr als 1.000 Personalverantwortlichen, dass 35 Prozent von ihnen planen, bis 2030 wegen KI weniger Berufseinsteiger einzustellen.
Arbeitsmarktdaten belegen bereits, dass die Zahl arbeitsloser Akademiker unter 30 Jahren von durchschnittlich 23.000 im Jahr 2022 auf 45.000 im Jahr 2025 anstieg – ein Zuwachs um 96 Prozent.
Große Konzerne passen ihre Strukturen bereits an: Die Allianz kündigte in der Reiseversicherung den Abbau von 1.500 bis 1.800 Stellen in Europa an, die durch KI ersetzt werden sollen. Die Ergo plant bis 2030 den Abbau von rund 1.000 Stellen in Deutschland, vorrangig über Altersteilzeit.
Eine Erhebung des ifo Instituts zeigt zudem, dass 50,8 Prozent der Unternehmen bei Hochschulabsolventen und 48,3 Prozent bei Einsteigern ohne Hochschulabschluss künftig sinkende Löhne durch KI erwarten. ifo-Präsident Clemens Fuest wies jedoch darauf hin, dass bislang kein Rückgang der Gesamtbeschäftigung durch KI erkennbar sei.
Dieser Wandel schlägt sich auch in den Prioritäten nieder: Laut der repräsentativen Studie „Jugend in Deutschland 2026“ unter rund 2.000 Personen sank der Anteil der 14- bis 29-Jährigen, denen eine gute Arbeitsatmosphäre wichtig ist, auf 56 Prozent, nachdem er 2024 und 2025 noch über 60 Prozent gelegen hatte. Der Stellenwert von Arbeitsplatzsicherheit ging von zuvor jeweils über 50 Prozent auf nun 49 Prozent zurück.
