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Psychische Krisen: 76% nutzen Chatbots statt professionelle Hilfe

Veröffentlicht am: 30.08.2026 um 21:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Viele Menschen mit Depressionen suchen Chatbots in Krisen auf. ChefÀrztin Carolin Göhre betont, dass digitale GesprÀche Therapie nicht ersetzen.

Chatbots in psychischen Krisen: Göhre warnt vor falscher Sicherheit
Ein dunkler, minimalistischer Schreibtisch in einer modernen Klinik bei DĂ€mmerung mit einem ausgeschalteten Tablet. Illustration mit AI erstellt.

Immer mehr Menschen wenden sich in emotional belastenden Situationen an Chatbots – auch dann, wenn sie sich mitten in einer akuten psychischen Krise befinden. Dr. Carolin Göhre, ChefĂ€rztin der Klinik Chiemseewinkel, warnt davor, diese Technologien als Ersatz fĂŒr professionelle Hilfe zu betrachten. Die Zahlen, die sie zur Nutzung von KI-Systemen in diesem sensiblen Bereich anfĂŒhrt, zeigen ein Ausmaß, das viele ĂŒberraschen dĂŒrfte.

Verbreitung von KI-Nutzung unter jungen Menschen

Laut Göhre nutzen 91 Prozent der 16- bis 29-JĂ€hrigen kĂŒnstliche Intelligenz – eine Altersgruppe, in der psychische Belastungen wie Angststörungen oder depressive Episoden besonders hĂ€ufig auftreten. Bemerkenswert ist dabei, dass sich diese Nutzung lĂ€ngst nicht auf alltĂ€gliche Anwendungen wie Textbausteine oder Rechercheaufgaben beschrĂ€nkt.

Nach Göhres Angaben haben 69 Prozent der Menschen mit Depression bereits mit einem Chatbot gesprochen. Besonders alarmierend: 76 Prozent davon taten dies in akuten Phasen ihrer Erkrankung, also genau dann, wenn professionelle und unmittelbare UnterstĂŒtzung besonders wichtig wĂ€re.

Wahrgenommene Hilfe versus tatsÀchliche Versorgung

Interessant ist der Widerspruch, den Göhre in den RĂŒckmeldungen der Betroffenen beobachtet. Demnach empfanden 85 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer die UnterstĂŒtzung durch den Chatbot als hilfreich, 75 Prozent gaben sogar an, sich durch das GesprĂ€ch gestĂ€rkt zu fĂŒhlen. Diese hohen Zufriedenheitswerte verdeutlichen, warum Chatbots fĂŒr viele Betroffene attraktiv erscheinen: Sie sind jederzeit verfĂŒgbar, kostenlos zugĂ€nglich und senken die Hemmschwelle, ĂŒberhaupt ĂŒber belastende GefĂŒhle zu sprechen.

Genau in diesem Punkt sieht Göhre jedoch die zentrale Gefahr. Das subjektive GefĂŒhl der Erleichterung dĂŒrfe nicht mit einer tatsĂ€chlichen therapeutischen Wirkung verwechselt werden. Ein Chatbot könne weder eine fundierte Diagnose stellen noch akute Suizidgefahr zuverlĂ€ssig einschĂ€tzen oder in einer Krise die notwendigen nĂ€chsten Schritte einleiten, wie sie in einer klinischen Versorgung selbstverstĂ€ndlich sind.

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Risiken fĂŒr vulnerable Gruppen

Besonders kritisch wird die Situation nach EinschĂ€tzung der ChefĂ€rztin bei Menschen, die sich bereits in einer akuten psychischen Krise befinden. Wer in einem solchen Zustand allein mit einem Chatbot kommuniziert, statt sich an ausgebildetes Fachpersonal zu wenden, riskiert, dass ernsthafte Warnsignale ĂŒbersehen werden.

Anders als eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut kann ein Sprachmodell keine Verantwortung fĂŒr das Wohlergehen einer Person ĂŒbernehmen und auch keine verbindliche Anschlussbehandlung organisieren.

Gerade fĂŒr Ă€ltere Menschen, die zunehmend ebenfalls digitale Hilfsangebote nutzen, aber auch fĂŒr junge Erwachsene mit noch nicht diagnostizierten psychischen Erkrankungen, ergibt sich daraus ein blinder Fleck im Versorgungssystem: Die Nutzung von Chatbots könnte den Weg in eine professionelle Behandlung verzögern, wenn Betroffene das GefĂŒhl haben, mit der digitalen UnterstĂŒtzung bereits ausreichend versorgt zu sein.

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Einordnung fĂŒr Betroffene und Angehörige

Göhres Warnung richtet sich weniger gegen die Existenz solcher Technologien an sich als gegen ihre unreflektierte Nutzung als Ersatz fĂŒr medizinische und therapeutische Versorgung. Chatbots können demnach eine erste, niedrigschwellige Anlaufstelle sein, um ĂŒberhaupt ins Sprechen zu kommen – sie dĂŒrfen jedoch nicht die letzte Station bleiben.

FĂŒr Angehörige und Betroffene bedeutet dies vor allem: Wer bei sich oder anderen Anzeichen einer akuten psychischen Krise bemerkt, sollte trotz positiver Erfahrungen mit digitalen GesprĂ€chspartnern den Kontakt zu FachĂ€rztinnen und FachĂ€rzten oder anderen professionellen Anlaufstellen suchen.

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