Spielen MĂ€dchen und Jungs anders?
27.05.2024 - 08:25:11 | dpa.deEltern, die ihr Kind fĂŒr Krippe oder Kindergarten anmelden, mĂŒssten meist eine Frage als Erstes beantworten: Junge oder MĂ€dchen? Wenn man Kindergartenkinder beobachtet, scheint das auf den ersten Blick auch sinnvoll.
Man sieht hĂ€ufig MĂ€dchen - oft in Rosa, Glitzer und Rock gekleidet, die zusammen Spiele wie «Mutter, Vater, Kind» spielen oder miteinander turnen, tanzen und reden. Viele Jungs hingegen werkeln eher in der Bauecke oder flitzen mit LaufrĂ€dern ĂŒber den Hof. Was daran ist angeboren und was anerzogen beziehungsweise durch die Kultur geprĂ€gt? In der Wissenschaft ist diese Frage allgemein unter dem Stichwort «Nature versus Nurture» bekannt.
«Geschlechterunterschiede in der Wahl von Spielzeug existieren und scheinen ein Produkt von beidem zu sein, angeborener und sozialer KrĂ€fte», schlussfolgerten 2017 die Autorinnen und Autoren einer Meta-Analyse, also einer Auswertung mehrerer Studien. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten sich 16 Studien mit Kindern im Alter zwischen einem und acht Jahren angeschaut. Die Studien stammten aus verschiedenen Jahren. Das Ergebnis: Jungen spielten mehr mit als typisch mĂ€nnlichen geltenden Spielzeugen wie Fahrzeugen und MĂ€dchen mehr mit als typisch weiblich geltenden Spielzeugen wie Puppen. Laut den Autorinnen und Autoren könnte sich das unter anderem durch hormonelle Unterschiede erklĂ€ren lassen. Aber: Bei Jungs war die Vorliebe bei Ă€lteren Kindern noch ausgeprĂ€gter als bei jĂŒngeren und die Geschlechterunterschiede zeigten sich stĂ€rker in Ă€lteren Studien. Das könnte auch an UmwelteinflĂŒssen liegen.
Umwelteinfluss beginnt schon im Mutterleib
Farbvorlieben (Pink, Blau) gelten als vollstĂ€ndig sozial konstruiert. Ob Kinder aber von sich aus geschlechtsspezifische Vorlieben fĂŒr Spielzeug zeigen, ist kaum zu beantworten, meint Almut Schnerring aus Bonn, die sich seit ĂŒber zehn Jahren als Buchautorin und Speakerin mit den Themen «Rosa-Hellblau-Falle» und Equal Care beschĂ€ftigt. «Der Einfluss der Umwelt ist immer vorhanden - ab Tag 1», sagt Schnerring. Dazu gehörten nicht nur je nach Geschlecht andere Motive und Farben im Kinderzimmer, auf der Kleidung und auf Schnullern. Studien zeigten beispielsweise, dass Eltern schon mit den Föten im Mutterleib unterschiedlich umgingen und etwa mit MĂ€dchen mehr sprĂ€chen.
In Experimenten wĂŒrden Menschen mit ein und demselben Baby verschieden spielen, je nachdem, ob sie es fĂŒr Junge oder MĂ€dchen halten. Das Verhalten sei oft unbewusst. Wenn einjĂ€hrige Kinder eine Spielvorliebe zeigen, kann laut Schnerring also schon das an kulturellen EinflĂŒssen liegen. «Biologie und Sozialisation lassen sich nicht separat untersuchen», sagt sie.
Die Psychologin Doris Bischof-Köhler aus Oberbayern meint hingegen, dass die Geschlechter von Natur aus anders seien. Wenn Jungen bereits im Kindergarten eine Vorliebe fĂŒr Raufspiele hĂ€tten, gĂ€be es dafĂŒr evolutionspsychologische GrĂŒnde. Auch der Primatologe Frans de Waal nannte Studien, in denen weibliche Affen eher mit Puppen spielten als mĂ€nnliche. «Eine Pfanne im Affengehege als weiblich zu konnotieren, ist aber abstrus», meint Schnerring. TatsĂ€chlich besteht lĂ€ngst keine Einigkeit darĂŒber, was typisches Jungenspielzeug und typisches MĂ€dchenspielzeug ĂŒberhaupt sein soll. Zu diesem Fazit kam eine 2020 veröffentlichte Ăberblicksarbeit mit einer Auswertung von 75 Studien.
Gendermarketing regt zur «Rosa-Hellblau-Falle» an
Unbestritten ist hingegen, dass sich Umwelt und Biologie wechselseitig beeinflussen können. Die Umwelt kann eventuell vorhandene Geschlechterunterschiede verstÀrken - etwa wenn Kinder nur «geschlechtstypisches» Spielzeug erhalten, Eltern positiver auf als typisch geltende Spiele reagieren oder Kinder andere Kinder je nach Geschlecht bei verschiedenen Spielen beobachten. Die Umwelt kann sogar Gene verÀndern (sogenannte Epigenetik).
Dass Geschlechterunterschiede im Laufe der ersten Lebensjahre hĂ€ufig zunehmen, liegt laut Schnerring viel an Gendermarketing. SchultĂŒten, Ăberraschungseier, BĂŒcher, Shampoos, Hausschuhe - fast alles gibt es inzwischen in zwei AusfĂŒhrungen: Junge versus MĂ€dchen, Pirat versus Prinzessin. «Es gab noch keine Generation zuvor, die so zugeschĂŒttet wurde mit binĂ€ren Botschaften», sagt Scherring. Zwar seien Zinnsoldaten und Puppen frĂŒher auch geschlechtlich zugeordnet worden, aber es habe keine VerstĂ€rkung durch Instagram, Riesenplakate an Bushaltestellen oder Kinderfernsehen gegeben. «Viele Kinder wollen diese rosa-blau getrennte Welt zunĂ€chst gar nicht, aber ihre Stimme wird nicht gehört», meint Schnerring. Dass Gendermarketing zugenommen hat, beobachten auch die Medienwissenschaftlerinnen Maya Götz aus MĂŒnchen und Birgit Irrgang vom Institut fĂŒr MedienpĂ€dagogik in Forschung und Praxis in Augsburg.
Geschlechterstereotype können gesellschaftlich unerwĂŒnschte Folgen haben
Selbst wenn sich nicht eindeutig klĂ€ren lĂ€sst, welchen Anteil Umwelt und Natur an unterschiedlichem Spielverhalten haben - klar ist, dass sich nicht alle Kinder mit den Geschlechterstereotypen identifizieren. AuĂerdem können Geschlechterstereotype Auswirkungen auf das spĂ€tere Leben und die Gesellschaft haben, die nicht immer gewĂŒnscht sind.
Wer im Kindergarten vor allem Jungen Bauklötze und Fahrzeuge anbietet, muss sich nicht wundern, bei Jugendlichen und jungen Erwachsene spezielle Frauenprogramme auflegen zu mĂŒssen, um Interesse fĂŒr Naturwissenschaft und Technik (MINT) zu wecken. Wenn MĂ€dchen etwa hĂ€ufiger hören, dass MĂ€dchen nicht so gut im Werken seien wie Jungs, kann der sogenannte Stereotype Threat dazu fĂŒhren, dass sie im Werken tatsĂ€chlich schlechter abschneiden.
Schnerring wĂŒnscht sich, dass Erwachsene sich beim Vorsortieren von Spielzeug mehr zurĂŒcknehmen. «Wichtig ist, Vielfalt anzubieten und dem BinĂ€ren immer wieder etwas entgegenzusetzen.» AuĂerdem sollte man im GesprĂ€ch bleiben. «Wenn das Kind heute den rosa Ball will, mag es vielleicht trotzdem morgen das gelbe Fahrrad.»
So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.
