Reizdarm, Rome-V-Kriterien

Reizdarm: Rome-V-Kriterien rücken individuelle Kombitherapie in den Mittelpunkt

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Leitlinien verbinden Ernährung, Medikamente, Verhaltenstherapie und digitale Angebote; eine Studie beleuchtet zudem Belastungen bei Jugendlichen.
Strukturierte Naturlandschaft mit Stein und Moos als Symbol für die komplexe Darm-Hirn-Interaktion. Illustration mit AI erstellt.

Die aktualisierten Rome-V-Kriterien (Corsetti et al., Gastroenterology 2026;170:1261-1282) rücken eine patientenzentrierte, multidisziplinäre Versorgung von Störungen der Darm-Hirn-Interaktion (DGBI) in den Mittelpunkt. Im Fokus des therapeutischen Ansatzes steht das individuelle Beschwerdebild der Betroffenen.

Die Leitlinien definieren dabei ein kombiniertes Vorgehen, das Ernährungstherapien, medikamentöse Behandlungen sowie verhaltenstherapeutische Verfahren miteinander verknüpft und auch digitale Gesundheitsanwendungen berücksichtigt.

Breites Spektrum an Ursachen und Symptomen

Störungen der Darm-Hirn-Interaktion sind weit verbreitet und betreffen nach den Rome-V-Kriterien rund 40 Prozent der Weltbevölkerung. Das Reizdarmsyndrom (RDS) bildet mit einer weltweiten Prävalenz von 8,5 Prozent das häufigste Krankheitsbild, dicht gefolgt von der funktionellen Dyspepsie mit 8,1 Prozent. Etwa ein Viertel der Patientinnen und Patienten leidet unter einer starken Einschränkung der Lebensqualität.

Im Rahmen der Neudefinition durch die Rome-V-Kriterien gilt Schmerz nicht mehr als zwingendes Diagnosekriterium für ein Reizdarmsyndrom. Stattdessen richtet sich der klinische Fokus auf wiederkehrendes Unbehagen sowie Veränderungen der Stuhlgewohnheiten.

Liegen jedoch Warnsignale wie Blut im Stuhl oder ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust vor, bleiben weiterführende diagnostische Untersuchungen zwingend erforderlich.

Wie Dr. Carolina Malagelada von der FEAD am Hospital Vall d'Hebron in Barcelona anlässlich des nationalen Reizdarmtags hervorhob, sind Reizdarmerkrankungen trotz des Fehlens spezifischer Tests oder struktureller Gewebeläsionen eindeutig diagnostizierbar und therapierbar. Dabei betonen die neuen Leitlinien ausdrücklich die Rolle der Darm-Hirn-Achse.

Multimodale Therapie und digitale Anwendungen

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Die Rome-V-Kriterien sehen modulare Behandlungsbausteine vor, die sich individuell kombinieren lassen. Neben Ernährungsinterventionen wie der Low-FODMAP-Diät und der gezielten Pharmakotherapie nehmen darm-hirn-gerichtete Verhaltenstherapien eine zentrale Stellung ein. Dazu zählen die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die darmgerichtete Hypnotherapie sowie achtsamkeits- und expositionsbasierte Verfahren.

Zudem berücksichtigen die Kriterien ausdrücklich digitale Therapieoptionen für Menschen mit Reizdarmsyndrom. In Deutschland erfolgt der regulierte Zugang zu solchen Angeboten über das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) auf Kriterien wie Sicherheit, Funktionalität, Datenschutz, medizinische Qualität und positive Versorgungseffekte überprüft.

Mit Stand vom 30. September 2026 ist das Programm Cara Care für Reizdarm laut offiziellem Verzeichnis die erste und bislang einzige dauerhaft gelistete DiGA für diese Indikation.

Das Angebot ist für Ärztinnen und Ärzte budgetneutral verordnungsfähig, die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen sowie den meisten privaten Versicherungen getragen. Klinische Studien belegen für die Anwendung eine signifikante und klinisch relevante Verringerung der Symptome.

Chronische Beschwerden und psychosoziale Belastung im Jugendalter

Wie eng funktionelle Bauchbeschwerden mit dem Allgemeinbefinden und dem Nervensystem verknüpft sind, unterstreicht auch eine repräsentative ungarische Untersuchung der Semmelweis-Universität Budapest, die im International Journal of Pediatrics erschien.

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Die Studie umfasste 522 Schulkinder im Alter von 11 bis 18 Jahren mit einem Mädchenanteil von 51,1 Prozent und einem medianen Alter von 15 Jahren (Interquartilsabstand 13,0 bis 17,0). Insgesamt 62 Jugendliche erfüllten die Rom-III-Kriterien für eine funktionelle Bauchschmerzerkrankung (FAPD).

Bei den betroffenen Jugendlichen litten 80,6 Prozent unter Schmerzen an mindestens zwei Körperstellen gleichzeitig. 54,8 Prozent gaben sogar an, dass ihr primärer Schmerzort außerhalb des Bauchraums liege – am häufigsten in Form von Kopfschmerzen, gefolgt von Gelenk- und Rückenschmerzen. Bei über der Hälfte der erkrankten Jugendlichen bestanden die Beschwerden bereits seit mindestens einem Jahr.

Darüber hinaus berichteten Jugendliche mit FAPD überdurchschnittlich oft von Schulstress, sozialer Ausgrenzung und Mobbing. Bei 14,5 Prozent der Betroffenen stellten die Forscher eine extrem niedrige gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQOL) fest, verbunden mit mehr versäumten Schultagen und einer regelmäßigeren Schmerzmitteleinnahme.

Laut den Studienautoren der Semmelweis-Universität können funktionelle Bauchschmerzen bis ins Erwachsenenalter persistieren; in vielen Fällen führten jedoch bereits gezielte Interventionen wie ein Schulwechsel oder eine kurze Psychotherapie zu erheblichen Verbesserungen.

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