Reizdarmsyndrom: Rom-V-Klassifikation bringt neue Diagnosekriterien
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche BeitrĂ€ge und klinische Berichte verdeutlichen die zunehmende Bedeutung der sogenannten Darm-Hirn-Achse fĂŒr die moderne Medizin. Insbesondere bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms und chronisch entzĂŒndlicher Darmerkrankungen (CED) rĂŒckt die Kommunikation zwischen dem Verdauungstrakt und dem zentralen Nervensystem in den Fokus der Forschung.
Die unterschÀtzte Relevanz des Reizdarmsyndroms
Nach EinschĂ€tzung von Robert Patejdl von der UniversitĂ€t Erfurt wird die Bedeutung der Darm-Hirn-Achse beim Reizdarmsyndrom weiterhin unterschĂ€tzt. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten in Hamburg wurde dargelegt, dass annĂ€hernd 40 Prozent der Bevölkerung von Symptomen wie KrĂ€mpfen, StuhlverĂ€nderungen, Durchfall oder Verstopfung betroffen sind. Bei etwa einem Drittel aller fachĂ€rztlichen Ăberweisungen wegen Bauchbeschwerden werde ein Reizdarmsyndrom konstatiert.
Parallel zu diesen Erkenntnissen wurde im Juni die sogenannte Rom-V-Klassifikation durch die Rome Foundation neu formuliert. Dennoch weist Berenice Schulte von der UniversitĂ€t Kiel darauf hin, dass viele gĂ€ngige Diagnostik- und Therapieempfehlungen bisher nicht in klinischen Studien geprĂŒft worden seien.
Professor Heiner Wedemeyer von der Medizinischen Hochschule Hannover betont in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit spezifischer Alarmsignale. Eine unerklĂ€rte, wiederholte VerĂ€nderung des Stuhlgangs â etwa ein rascher Wechsel zwischen Verstopfung und dĂŒnnem Stuhl innerhalb weniger Tage â könne auf eine Engstelle hindeuten und sei Ă€rztlich abzuklĂ€ren.
WĂ€hrend helles Blut auf dem Stuhl hĂ€ufig auf harmlose Ursachen wie HĂ€morrhoiden zurĂŒckzufĂŒhren sei, erfordere dunkler Teerstuhl einen sofortigen Arztbesuch. Zur allgemeinen Darmgesundheit empfiehlt der Experte eine mediterran orientierte ErnĂ€hrung, wĂ€hrend er die Wirkung von Probiotika kritisch einstuft, da diese nur einen minimalen Bruchteil der Darmbakterien erreichen wĂŒrden.
Neurologische Verbindungen und psychische Faktoren
Der Verdauungstrakt wird in der Fachliteratur zunehmend als zweites Gehirn bezeichnet. Die Verbindung erfolgt ĂŒber den Vagusnerv, Hormone und das Immunsystem. Darmbakterien produzieren bei entsprechender ErnĂ€hrung Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und GABA sowie kurzkettige FettsĂ€uren, die Einfluss auf Lernprozesse und das GedĂ€chtnis nehmen können.
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Untersuchungen verdeutlichen zudem den Zusammenhang mit psychischen Merkmalen. So ist Alexithymie (GefĂŒhlsblindheit) laut einer systematischen Ăbersicht bei funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen besonders verbreitet.
Eine prospektive Studie aus dem Jahr 2017 identifizierte Alexithymie sogar als stĂ€rkeren unabhĂ€ngigen PrĂ€diktor fĂŒr schlechte Behandlungsergebnisse bei Reizdarm als Angst oder Depressionen. Langzeitbeobachtungen zeigen zudem, dass erhöhte Angst den spĂ€teren Beginn funktioneller Beschwerden voraussagen kann und umgekehrt bestehende Erkrankungen das Risiko fĂŒr spĂ€tere psychische Belastungen erhöhen.
Ein weiterer neurologischer Aspekt wurde durch die Hisayama-Studie der Kyushu University in Japan untersucht. Ăber einen Zeitraum von zehn Jahren wurde bei Teilnehmern mit einem hohen Anteil blutender Zahnfleischstellen ein um 61 Prozent höheres Alzheimer-Risiko festgestellt. Es handelt sich hierbei um eine Beobachtungsstudie, die keinen direkten Ursache-Wirkung-Nachweis liefert.
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Forschung und innovative TherapieansÀtze
In der klinischen Anwendung gewinnen neue Verfahren an Bedeutung. Die Uniklinik Köln betreibt die einzige GMP-zertifizierte Stuhlbank Deutschlands. Die unter der Leitung von Maria Vehreschild entwickelte Kapsel-Stuhltransplantation könnte kĂŒnftig nicht nur bei Darmbeschwerden, sondern auch bei Krebs oder Depressionen eingesetzt werden.
In der Grundlagenforschung konnten Wissenschaftler der UniversitĂ€t Konstanz erstmals einen bakteriellen Liganden fĂŒr den Transkriptionsfaktor LRH-1 entdecken. In Versuchen fĂŒhrte die von Darmbakterien produzierte VaccensĂ€ure zu einer Senkung von Blutzucker und Blutfetten sowie zum RĂŒckgang von Fettlebern.
Die UniversitĂ€t zu LĂŒbeck konnte zudem in Tiermodellen zeigen, dass eine kalorienreiche westliche ErnĂ€hrung mit viel Fett und Zucker zu Insulinresistenz in Dickdarmzellen fĂŒhrt, was langfristig die AnfĂ€lligkeit fĂŒr bösartige VerĂ€nderungen erhöhen kann.
Fokus auf ErnÀhrungstherapie und Förderung
Auf dem ESPEN-Kongress wurde die ökonomische und medizinische Relevanz der ErnÀhrungstherapie hervorgehoben. Bei krankheitsbedingter MangelernÀhrung, die 20 bis 30 Prozent aller Klinikpatienten betrifft, könne eine angepasste ErnÀhrung die Sterblichkeit um etwa 27 Prozent senken und Kosten von bis zu 2.800 Euro pro Fall einsparen.
Gesetzliche Neuregelungen sehen vor, dass der Gemeinsame Bundesausschuss bis zum 31. Dezember 2027 Richtlinien zur Erkennung und Behandlung von MangelernÀhrung festlegt.
Zur UnterstĂŒtzung der Patientenentwicklung vergab der DCCV e.V. ein mit 50.000 Euro dotiertes Stipendium an Jan de Laffolie vom UniversitĂ€tsklinikum Marburg/GieĂen fĂŒr die Entwicklung eines KI-basierten Chatbots fĂŒr CED-Betroffene. FĂŒr das Jahr 2027 wurde zudem das Ludwig-Demling-Forschungsstipendium ausgeschrieben, fĂŒr das Bewerbungen bis zum 15. April 2027 möglich sind.
