Rheumatoide Arthritis: Frauen brauchen hÀufiger eine Drittlinientherapie
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 13:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deAuf dem Argentinischen Rheumatologie-Kongress, der vom 7. bis zum 10. Oktober 2026 im argentinischen Mendoza stattfand, standen geschlechtsspezifische Unterschiede bei entzĂŒndlichen Gelenkerkrankungen im Mittelpunkt.
Wie Fernando Dal Pra vom Instituto de RehabilitaciĂłn PsicofĂsica in Buenos Aires darlegte, tritt die rheumatoide Arthritis bei Frauen nicht nur hĂ€ufiger auf, sondern nimmt im Vergleich zu MĂ€nnern auch oft einen schwereren Verlauf.
Eine Ausnahme bilde lediglich die spÀt einsetzende Krankheitsform. Obwohl das therapeutische Ziel bei beiden Geschlechtern die Remission bleibe, benötigten Patientinnen unter UmstÀnden eine engmaschigere medizinische Kontrolle.
Unterschiede im Ansprechen auf Therapien
Dass Frauen bei rheumatoider Arthritis therapeutisch oft schwerer einzustellen sind, belegen mehrere Registerdaten. Daten der Rotterdam Early Arthritis Cohort mit 286 Frauen und 139 MÀnnern zeigen, dass nach 24 Monaten 42 Prozent der Frauen, aber 53 Prozent der MÀnner weiterhin mit der Erstlinientherapie behandelt werden konnten. Bis zu 6 Prozent der Patientinnen benötigten bereits eine Drittlinientherapie, wÀhrend dies nur bei 1 Prozent der mÀnnlichen Patienten der Fall war.
Auch eine dÀnische Kohorte zu TNF-alpha-Inhibitoren aus den Jahren 2006 bis 2022 verdeutlichte diese Diskrepanz: Nach zwölf Monaten zeigte sich bei Frauen eine geringere Verringerung des KrankheitsaktivitÀts-Scores DAS28, des C-reaktiven Proteins sowie der Gelenkschwellungen.
Zudem zeigte die multinationale QUEST-RA-Studie aus 25 LÀndern, dass die KrankheitsaktivitÀt bei Frauen mit steigendem Body-Mass-Index zunimmt, wÀhrend sie bei MÀnnern tendenziell sinkt.
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Hormonelle und genetische Faktoren
Die Ursachen fĂŒr den unterschiedlichen Krankheitsverlauf liegen zu einem wesentlichen Teil in der Biologie begrĂŒndet. Bei den hormonellen Mechanismen senken Ăstrogene die Aktivierung von Th1- sowie Th17-Zellen und reduzieren die Expression des Transkriptionsfaktors AIRE im Thymus.
Androgene hingegen hemmen entzĂŒndungsfördernde Zytokine wie IL-1, IL-6 und TNF-alpha. Auf genetischer Ebene trĂ€gt das weibliche X-Chromosom mehr als 70 microRNAs, wĂ€hrend auf dem Y-Chromosom lediglich zwei identifiziert wurden.
Eine Studie unter Leitung von Elizabeth Maloney am Institut Pasteur in Paris zeigte zudem, dass Frauen zwar eine stÀrkere Immunantwort auf Infektionen und Schutzimpfungen aufweisen, jedoch deutlich hÀufiger an Autoimmunerkrankungen leiden: Rheumatoide Arthritis trete 2,1-fach und systemischer Lupus erythematodes 8,8-fach so oft auf.
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Nach EinschĂ€tzung von Maloney könnten neben den zwei X-Chromosomen auch natĂŒrliche Schwankungen der Körperkerntemperatur â etwa ein Anstieg um 0,3 bis 0,7 Grad Celsius nach dem Eisprung oder Hitzewallungen in den Wechseljahren â eine Rolle bei der Aktivierung von T-Zellen spielen. Ein direkter Zusammenhang mit dem Autoimmunrisiko gilt jedoch ausdrĂŒcklich noch als Hypothese.
Der Internistin und Rheumatologin NoemĂ Casas zufolge sind ĂŒber 80 Prozent der Menschen mit rheumatoider Arthritis Frauen. Daten aus The Lancet fĂŒr 22 Millionen Menschen im Vereinigten Königreich beziffern die Gesamtrate von 19 Autoimmunerkrankungen bei Frauen auf 13,1 Prozent gegenĂŒber 7,4 Prozent bei MĂ€nnern.
Herausforderungen bei Diagnose und Versorgung
Trotz dieser biologischen Differenzen existieren laut Gustavo Casado von der Argentinischen Rheumatologie-Gesellschaft bislang keine geschlechtsspezifischen Behandlungsleitlinien. Zudem sehen sich betroffene Frauen hÀufig mit Barrieren in der Diagnostik konfrontiert.
Eine Untersuchung der UniversitÀten Cambridge und East Anglia unter der Leitung von Melanie Sloan, die im Fachjournal eClinicalMedicine erschien, ergab, dass Frauen mit Autoimmunerkrankungen 43 Prozent hÀufiger eine psychiatrische und 74 Prozent hÀufiger eine psychosomatische Fehldiagnose erhalten.
Die Zeitspanne bis zur korrekten Diagnose liegt bei Frauen bei durchschnittlich ein bis zwei Jahren, wĂ€hrend MĂ€nner meist binnen drei Monaten Klarheit erhalten. Bei der axialen Spondyloarthritis belĂ€uft sich die Diagnoseverzögerung laut einer IMAS-Erhebung unter mehr als 5.500 Teilnehmenden aus 27 LĂ€ndern sogar auf 8,5 Jahre bei Frauen gegenĂŒber 6,1 Jahren bei MĂ€nnern.
Erhebungen der spanischen Organisationen Reu+ und des Consejo Nacional de Mujeres de España verdeutlichen die psychosoziale Belastung: 57,8 Prozent der Betroffenen beklagten ĂŒberlange Wartelisten, 37,6 Prozent fehlende Spezialangebote und 23 Prozent einen bevormundenden Umgang. Fast die HĂ€lfte der befragten Frauen berichtete zudem von Diskriminierung am Arbeitsplatz.
