Riesenschildkröte Jonathan: 287 Genvarianten in zentralen Alterungspfaden entdeckt
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 08:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Entschlüsselung der biologischen Mechanismen extrem langlebiger Tiere liefert der Altersforschung grundlegende Erkenntnisse über Zellschutz und Gewebestabilität.
Im Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen steht dabei die Aldabra-Riesenschildkröte Jonathan (Aldabrachelys gigantea), deren Genom und Methylom im Rahmen einer internationalen Kollaboration erstmals umfassend sequenziert wurden.
Berichten vom 7. Oktober 2026 zufolge dokumentiert die in Science Advances veröffentlichte Arbeit genetische Anpassungen, die das Überleben des Tieres über fast zwei Jahrhunderte hinweg begleiten. Steve Horvath von der University of California, Los Angeles, ordnete die Untersuchung dahingehend ein, dass es nahezu beispiellos sei, ein derart altes Lebewesen lebend zu erforschen.
Probenentnahme und Sequenzierung auf St. Helena
Jonathan schlüpfte um 1832 auf den Seychellen und wurde 1882 als ausgewachsenes Tier nach St. Helena gebracht, wo er auf dem Gelände des Plantation House lebt.
Mit einem Alter von 194 Jahren und einem Gewicht von rund 450 Pfund übertrifft das Tier die für seine Art typische Lebenserwartung von etwa 80 Jahren um ungefähr ein Jahrhundert. Die Pflege übernahm 2009 der frühere leitende Veterinär Joe Hollis; Jonathan ist durch Grauen Star erblindet, während sein Gehör intakt blieb.
Da die Behörden auf St. Helena bereits 2017 eine Blutentnahme untersagt hatten, gewann Tierarzt Joe Hollins das genetische Material über einen Wangenabstrich und Speichelproben. Der Transport von der Insel nach Florida erfolgte über die US Space Force.
An der anschließenden Analyse unter Leitung der Kallel Foundation waren Forschende des Vanderbilt University Medical Center sowie das Unternehmen Igenbio beteiligt. Die Sequenzierung der DNA und des Epigenoms übernahmen Angela Jones von VANTAGE und Madison Taylor, unterstützt durch eine Förderung des Stephen Voland Research Fund in Höhe von 50.000 US-Dollar.
Für die Erfassung des Genoms nutzten die Wissenschaftler ein Verfahren mit Illumina 2x150bp, das rund 1,1 Milliarden Reads und 165 Gb an Daten lieferte. Bei einer 60-fachen Abdeckung und einer Alignment-Rate von 93 Prozent gegenüber dem Referenzgenom wurden 6,9 Millionen Varianten festgestellt.
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Als Referenz diente das Genom einer 36-jährigen Schildkröte namens Tank, das 211 Scaffolds, rund 2,41 Gb sowie 25.738 proteinkodierende Gene umfasst, von denen 16.466 funktionell annotiert sind.
Molekulare Reparaturmechanismen und Genvarianten
Im Erbgut Jonathans identifizierten die Forscher 770 positiv selektierte Gene. Im Vergleich zu Tank sowie der 2012 verstorbenen Galápagos-Riesenschildkröte Lonesome George traten 287 spezifische Genvarianten in zentralen Alterungspfaden auf. Diese betreffen unter anderem die DNA-Reparatur, die Telomer-Erhaltung, Entzündungshemmung, Insulin- und Stoffwechselregulation, Krebsunterdrückung sowie die Mitochondrien-Funktion.
Von diesen 287 Genen gelten 41 als funktionell bedeutsam, und 12 sind in bestehenden Datenbanken zu langlebigen Arten verzeichnet. Das Genom weist zudem zusätzliche Kopien eines Gens auf, das geschädigte sowie krebsartige Zellen bekämpft. Einige dieser genetischen Merkmale teilt Jonathan mit anderen langlebigen Tieren wie dem Nacktmull.
Epigenetische Stabilität der Mitochondrien
Die Untersuchung stellt die erste epigenetische Analyse einer Riesenschildkröte dar und verglich Jonathan mit vier bis fünf Artgenossen im Alter zwischen 5 und 91 Jahren. Dabei zeigten sich 272 Gene in einem Zustand, der dem einer fünfjährigen Schildkröte gleicht. Justin Gerlach von der University of Cambridge hielt dazu fest, dass Jonathan tatsächlich langsamer altere und seine Genregulatoren über fast zwei Jahrhunderte stabil geblieben seien.
Auffällig war das Methylierungsmuster bei mitochondrialen Genen: Jonathans Werte wiesen eine ähnliche Jugendlichkeit auf wie bei einem Jungtier, während ein 91-jähriges Vergleichstier deutlich weiter fortgeschrittene Alterungsspuren zeigte. Regionen mit niedriger Methylierungs-Entropie fanden sich gehäuft in Promotoren für die mitochondriale Elektronentransportkette sowie den RNA-Metabolismus.
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Studienleiter Stephen Clark von der Kallel Foundation erklärte, Jonathan habe seine Mitochondrien über 194 Jahre hinweg vergleichsweise jung gehalten, betonte jedoch zugleich, dass dieser Befund als Langlebigkeitsfaktor noch weiter bestätigt werden müsse.
Fachliche Kritik äußerte Vincent Lynch von der University of Buffalo, der die Charakterisierung der Entropie bezweifelt und darauf hinweist, dass ein kausaler Zusammenhang der Beobachtungen bislang nicht nachgewiesen sei.
