Robotik-Wende: 56 Prozent Bestellungen jetzt von Nicht-Auto-Branchen
Veröffentlicht am: 14.08.2026 um 14:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Robotik-Industrie erlebt 2026 einen fundamentalen Umbruch: Künstliche Intelligenz verschmilzt zunehmend mit physischer Hardware, und die Nachfrage diversifiziert sich weg von der klassischen Automobilfertigung. Besonders Medizinrobotik und KI-gestützte Testsysteme boomen.
Nordamerika: Absatzrekorde dank neuer Branchen
Die Daten des Branchenverbands Association for Advancing Automation (A3) zeigen für das zweite Quartal 2026 einen deutlichen Trend: Nordamerikanische Unternehmen bestellten zwischen April und Juni 8.940 Roboter im Wert von 622 Millionen Dollar – ein Plus von 4,3 Prozent bei den Stückzahlen und beachtliche 21,3 Prozent mehr Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Was steckt hinter diesem Wachstum? Der Markt reift und macht sich unabhängiger von Großaufträgen der Autoindustrie. Während die Bestellungen von Automobilherstellern im ersten Halbjahr 2026 um 25 Prozent einbrachen, sprangen andere Branchen in die Bresche. Besonders eindrucksvoll: Die Halbleiter-, Elektronik- und Photonikindustrie legte im zweiten Quartal um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Auch Lebensmittel- und Konsumgüterhersteller sowie die Metallbranche verzeichneten mit jeweils 18 Prozent zweistellige Zuwächse, Life-Sciences- und Pharmaunternehmen bestellten neun Prozent mehr.
Erstmals stammten 56 Prozent aller bestellten Einheiten von Nicht-Automobilkunden – ein klares Signal für die breite Einführung von Automatisierung in der gesamten Volkswirtschaft.
Operationsroboter: Medizintechnik als Wachstumsmotor
Die Medizinrobotik zeigt sich weiterhin krisenresistent. Intuitive Surgical, der Pionier für Operationsroboter, meldete für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 2,89 Milliarden Dollar – ein Plus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Besonders bemerkenswert: Die wiederkehrenden Einnahmen aus Instrumenten, Zubehör und Service wuchsen auf 2,47 Milliarden Dollar und machen inzwischen 85 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
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Der Antrieb dahinter ist die schiere Menge an Operationen: Weltweit stieg die Zahl der Eingriffe mit den da-Vinci- und Ion-Systemen um rund 16 Prozent. Bis Ende Juni 2026 waren 11.710 da-Vinci-Systeme weltweit installiert – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Allein im zweiten Quartal wurden 468 neue Systeme platziert, nach 395 im Vergleichszeitraum. Krankenhäuser investieren also weiterhin kräftig in robotergestützte Chirurgie.
KI-Infrastruktur beflügelt Testtechnik und Cobots
Ein besonders dynamisches Feld hat sich an der Schnittstelle von Halbleitertests und Robotik entwickelt – angetrieben vom weltweiten Ausbau der KI-Infrastruktur. Teradyne, Spezialist für Testsysteme, meldete für seine Robotik-Sparte mit den Töchtern Universal Robots und Mobile Industrial Robots im zweiten Quartal einen Umsatz von 100 Millionen Dollar – ein Plus von 33 Prozent. Es war das fünfte Wachstumsquartal in Folge.
Die USA gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung: Sie steuern inzwischen 32 Prozent des Spartenumsatzes bei. Um die Nachfrage zu bedienen, plant das Unternehmen den Aufbau eines neuen Fertigungszentrums in Michigan noch in diesem Jahr.
Doch nicht nur die Robotik selbst profitiert: Die Erlöse aus Halbleitertests schossen um 128 Prozent nach oben. KI-Rechenzentren benötigen schlicht intensivere Tests für Speicher- und Rechenkomponenten.
Auch kollaborative Roboter, sogenannte Cobots, behaupten ihren Marktanteil. Laut A3-Daten bestellten Unternehmen im ersten Halbjahr 2.774 Cobots im Wert von 114 Millionen Dollar – das entspricht 15,4 Prozent aller bestellten Roboter. Besonders gefragt sind sie in der Elektronik- und Life-Sciences-Branche, wo Präzision und Mensch-Roboter-Zusammenarbeit im Vordergrund stehen.
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Industrieriesen sortieren sich neu
Die großen Player der Branche reagieren auf den Wandel mit Umstrukturierungen und milliardenschweren Deals. Fanuc, der japanische Automatisierungskonzern, meldete für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026 (April bis Juni) einen Nettoumsatz von 231,0 Milliarden Yen – ein Plus von 17,7 Prozent. Das volle Geschäftsjahr bis Ende März 2026 brachte 857,8 Milliarden Yen. Besonders gefragt waren CNC-Systeme in China und Indien, während sich die Roboterumsätze in Amerika dank allgemeiner Industrieinvestitionen stabil hielten.
Der geplante Verkauf der Robotik-Sparte von ABB an die SoftBank Group nimmt derweil konkrete Formen an. Der Deal, der am 8. Oktober 2025 angekündigt wurde, bewertet die Einheit mit einem Unternehmenswert von 5,375 Milliarden Dollar. Anfang August 2026 haben Kreditgeber offenbar die Finanzierung von 1,75 Milliarden Dollar für die Übernahme finalisiert. Der Abschluss wird für Mitte bis Ende 2026 erwartet, sobald die regulatorischen Genehmigungen vorliegen.
Der Schritt spiegelt einen breiteren Trend wider: Industriekonglomerate konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenzen wie Elektrifizierung, während spezialisierte Robotik-Einheiten enger mit KI-fokussierten Technologiegruppen verschmelzen.
ABB selbst vermeldete derweil für das zweite Quartal 2026 einen Rekordauftragseingang von 12,04 Milliarden Dollar in den verbleibenden Sparten – ein vergleichbares Wachstum von 28 Prozent. Getragen wurde das Ergebnis vor allem von dreistelligen Zuwächsen bei Rechenzentrumsaufträgen. Die physische Infrastruktur für den KI-Boom ist schließlich auch ein Milliardengeschäft.
