Corona, Lockdown

Pause vom Menschen: Tiere nutzten Lockdown-Phasen

09.06.2023 - 11:14:53 | dpa.de

Schakale in Tel Aviv, Pumas in Santiago, BĂ€ren in SĂŒdtirol: WĂ€hrend der Corona-Pandemie erweiterten Wildtiere ihren Bewegungsradius. Manchmal hatte die Zivilisationspause aber auch den gegenteiligen Effekt.

Ziegen stehen im FrĂŒhjahr 2020 auf einer Straße im walisischen Llandudno, die aufgrund der Corona-AusgangsbeschrĂ€nkungen nur schwach befahren ist. - Foto: Peter Byrne/PA Wire/dpa

Die EinschrĂ€nkungen wĂ€hrend der Corona-Pandemie haben sich auch auf das Verhalten von Tieren ausgewirkt. Wildlebende LandsĂ€ugetiere legten wĂ€hrend der strengen Lockdowns lĂ€ngere Strecken zurĂŒck und hielten sich nĂ€her an Straßen auf. Das geht aus einer internationalen Studie hervor, die im Fachjournal «Science» vorgestellt wird. Daran beteiligt waren auch Wissenschaftler des Frankfurter Forschungsinstituts Senckenberg.

Im ersten Pandemiejahr 2020 gab es vielerorts Berichte ĂŒber vermehrt in StĂ€dten auftauchende Wildtiere. War dem tatsĂ€chlich so - oder waren die Menschen einfach aufmerksamer, weil sie mehr zu Hause waren? Um diese Frage zu beantworten, analysierte das Forschungsteam Bewegungsdaten von mehr als 2300 SĂ€ugetieren 43 verschiedener Arten wie Elefanten, Giraffen, BĂ€ren und Hirschen, fĂŒr die es GPS-Daten gab. Die Forscher verglichen die Bewegungen wĂ€hrend der ersten Lockdown-Phase zwischen Februar und April 2020 mit denen im Vorjahreszeitraum.

Nach kurzer Zeit deutlich mehr Bewegung

«Unser Daten zeigen, dass die Tiere wĂ€hrend strenger Lockdowns in einem Zeitraum von zehn Tagen bis zu 73 Prozent lĂ€ngere Strecken zurĂŒcklegten als im Jahr zuvor, als es noch keine BeschrĂ€nkungen gab», erklĂ€rte Marlee Tucker, Erstautorin der Studie und Ökologin an der Radboud-UniversitĂ€t im niederlĂ€ndischen Nijmegen. «Wir konnten zudem feststellen, dass sie sich im Durchschnitt 36 Prozent nĂ€her an Straßen aufhielten als im Vorjahr. Das ist sicherlich damit zu erklĂ€ren, dass es in diesem Zeitraum sehr viel weniger Straßenverkehr gab.»

Eine Reihe von artspezifischen Fallstudien deckt sich mit den Ergebnissen des Forschungsteams: Pumas (Puma concolor) bewegten sich wĂ€hrend des Lockdowns ĂŒber Stadtgrenzen, die HĂ€ufigkeit von Stachelschweinen (Hystrix cristata) nahm in stĂ€dtischen Gebieten zu, die TagesaktivitĂ€t des Florida-Waldkaninchens (Sylvilagus floridanus) stieg und BraunbĂ€ren (Ursus arctos) nutzen neue Verbindungskorridore.

Der Mensch hat großen Einfluss

«WĂ€hrend der strengen Lockdowns hielten sich sehr viel weniger Menschen im Freien auf, was den Tieren die Möglichkeit gab, neue Gebiete zu erkunden», erlĂ€uterte Thomas MĂŒller vom Senckenberg BiodiversitĂ€t und Klima Forschungszentrum und der Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt. «In Gebieten mit weniger strengen Auflagen konnten wir im Gegensatz dazu beobachten, dass SĂ€ugetiere kĂŒrzere Strecken als im Vorjahr zurĂŒcklegten. Dies könnte damit zusammenhĂ€ngen, dass wĂ€hrend dieser ZeitrĂ€ume die Menschen ermutigt wurden, in die Natur zu gehen. Infolgedessen waren einige Naturgebiete stĂ€rker frequentiert als vor der Corona-Pandemie - mit Auswirkungen auf die SĂ€ugetierfauna.»

Die sogenannte Anthropause - die vorĂŒbergehende Abwesenheit des Menschen - war eine einzigartige Gelegenheit, die Auswirkungen der menschlichen PrĂ€senz auf die Tierwelt zu untersuchen. «Wir zeigen mit unseren Ergebnissen, dass die MobilitĂ€t des Menschen eine wichtige Triebkraft fĂŒr das Verhalten einiger LandsĂ€ugetiere ist», erklĂ€rte Tucker. Das Ausmaß sei mit dem von LandschaftsverĂ€nderungen vergleichbar. «Unsere Forschung belegt zudem, dass Tiere direkt auf VerĂ€nderungen im menschlichen Verhalten reagieren können. Das lĂ€sst fĂŒr die Zukunft hoffen - denn im Prinzip bedeutet dies, dass sich eine Anpassung unseres eigenen Verhaltens auch positiv auf die Tierwelt und die von ihr bereitgestellten Ökosystemfunktionen auswirken kann.»

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