Schlafmangel erhöht Unfallrisiko laut Experten um rund 30 Prozent
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSSchlafstörungen belasten Arbeit und Versorgung
- Hans-Günter Weeß leitet das schlafmedizinische Zentrum des Pfalzklinikums in Klingenmünster.
- Die 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin läuft bis Samstag in Wiesbaden.
- Eine behandlungsbedürftige Schlafstörung liegt laut Weeß vor, wenn vier Wochen lang dreimal wöchentlich nachts und tagsüber Probleme auftreten.
Schlafmangel kostet Leistung und Sicherheit
Gesunder Schlaf der Beschäftigten wird nach Einschätzung von Experten von vielen Unternehmen unterschätzt. Auf der 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin in Wiesbaden beraten Fachleute bis Samstag über Schlaf als Wirtschafts- und Karrierefaktor.
Weniger Konzentration, höheres Unfallrisiko
Der Leiter des schlafmedizinischen Zentrums des Pfalzklinikums in Klingenmünster, Hans-Günter Weeß, sagte, Schlaf sei lange nicht ausreichend als Produktivitäts- und Gesundheitsfaktor berücksichtigt worden. Studien zufolge sinken Leistungsfähigkeit und Konzentrationsvermögen, wenn Beschäftigte nicht ausgeruht zur Arbeit kommen.
Rund 80 Prozent der Menschen hätten ein Schlafbedürfnis von sieben bis neun Stunden, erläuterte Weeß. Bereits eine Stunde Schlafmangel erhöhe das Unfallrisiko im Straßenverkehr um rund 30 Prozent.
Schlafprobleme verlängern Krankheitszeiten
Menschen mit Schlafstörungen brauchen laut Weeß länger, um sich von Erkrankungen zu erholen, und sind im Durchschnitt länger krankgeschrieben. Chronisch Betroffene fehlten entweder bei der Arbeit oder erschienen müde und dadurch weniger leistungsfähig.
Besonders riskant sei das bei Tätigkeiten mit hoher Verantwortung, etwa in der Pflege, an Maschinen oder im Verkehr. Der Schlaf- und Beatmungsmediziner Winfried Randerath warnte zudem davor, geringen Schlaf als Zeichen besonderer Leistungsfähigkeit darzustellen. Unter Schlafmangel würden eher keine guten Entscheidungen getroffen.
Unbehandelte Krankheiten verursachen hohe Kosten
Nach Angaben von Weeß beziffert eine aktuelle europaweite Veröffentlichung den wirtschaftlichen Schaden unbehandelter Schlafkrankheiten auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für Deutschland entspreche das mehr als 100 Milliarden Euro.
Zu den häufigsten Schlafstörungen zählt die Schlafapnoe. Dabei können verengte Atemwege zu Atemstillständen führen. Besonders gefährdet sind Menschen mit Übergewicht; möglich sind unter anderem ernste Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.
Lange Wartezeiten bei Schlafapnoe
Randerath zufolge fehlen Behandlungsplätze, sodass Patienten teils mehrere Monate bis zu zwei Jahre auf eine Therapie warten. Eine unbehandelte Schlafapnoe könne Krankenhausaufenthalte, Unfälle und berufliche Ausfälle begünstigen.
Als behandlungsbedürftig gilt eine Schlafstörung laut Weeß, wenn über vier Wochen mindestens dreimal pro Woche sowohl nachts als auch tagsüber Probleme auftreten. Dann sollten Betroffene einen Hausarzt aufsuchen.
Experten fordern bessere Versorgung
Randerath schlug vor, etwa Adipositas- und Diabetespatienten gezielt auf Schlafapnoe zu untersuchen. Wegen der begrenzten Vergütung seien Krankenhäuser und Arztpraxen bei dem Thema bislang wenig aktiv.
Nach Einschätzung von Weeß haben behandlungsbedürftige Schlafstörungen in den vergangenen Jahren zugenommen. Schlafmittel bekämpften meist nur Symptome; vielen Patienten könne dagegen eine Verhaltenstherapie helfen.
Schlaf wird in der Arbeitswelt zunehmend als Gesundheits- und Leistungsfaktor betrachtet. Die dpa-Meldung verbindet individuelle Folgen wie Konzentrationsprobleme, längere Krankheitszeiten und ein höheres Unfallrisiko mit gesamtwirtschaftlichen Kosten. Damit rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das häufig außerhalb klassischer betrieblicher Gesundheitsprogramme liegt.
Die genannten Schäden entstehen nicht nur durch Fehlzeiten. Auch Beschäftigte, die trotz Erschöpfung zur Arbeit gehen, können weniger aufmerksam sein und schlechter entscheiden. Das ist besonders relevant in Pflege, Verkehr und industriellen Tätigkeiten, bei denen Fehler unmittelbare Folgen für andere Menschen haben können.
Versorgung entscheidet über Folgen
Eine zentrale praktische Frage ist deshalb, wie schnell Betroffene eine Diagnose und geeignete Behandlung erhalten. Bei Schlafapnoe können Atemaussetzer und Folgeerkrankungen die Gesundheit belasten; lange Wartezeiten verlängern zugleich den Zeitraum, in dem Menschen im Alltag und Beruf beeinträchtigt sind.
Für Unternehmen bedeutet der Ansatz nicht, private Lebensführung zu kontrollieren. Sinnvoller sind Arbeitsbedingungen, die ausreichende Erholung ermöglichen, Risiken bei Schichtarbeit berücksichtigen und Beschäftigte auf medizinische Hilfe hinweisen. Die Veranstaltung in Wiesbaden lenkt den Blick damit auf Prävention, Versorgung und die wirtschaftlichen Folgen unbehandelter Schlafstörungen.
